In den 1990er Jahren wurde die Debatte über Holocaust-Täter zwischen zwei gegensätzlichen Lagern geführt. Daniel Goldhagen sprach sich für ein "kognitives" Modell aus, das die Denkweise und Einstellung der "normalen Deutschen" durch einen jahrhundertealten und tief in der Kultur verwurzelten "eliminatorischen" Antisemitismus erklärte. Goldhagen beschrieb eine deutsche Gesellschaft, die nur auf die Nationalsozialisten gewartet hatte, um den Genozid gegen die Juden entfesseln zu können, an dem "normale Deutsche" geradezu begeistert teilnahmen, weil sie ihn als notwendig und richtig erachteten. Ich dagegen führte in meinem Buch Ganz normale Männer (1993) ins Feld, dass situative Faktoren und allgemeinere Eigenschaften der menschlichen Natur (wie sie etwa aus der Dynamik des Gruppenverhaltens erwachsen) "normale Männer" zu nationalsozialistischen Mördern werden ließen. Dabei berief ich mich vor allem auf sozialpsychologische Erkenntnisse hinsichtlich Konformismus, Autoritätsglaube und Rollenadaption, die sich den damals schon jahrzehntealten klassischen Experimenten von Salomon Asch, Stanley Milgram und Philip Zimbardo verdankten. Goldhagen fand derartige Faktoren nebensächlich und den sozialpsychologischen Ansatz generell irreführend.

Nun zeigt ein neuer Beitrag zu dieser Debatte vonseiten der Sozialpsychologen – die nach der Glanzzeit von Asch, Milgram und Zimbardo das Interesse an dem Thema verloren hatten –, dass ein polemisches Nebeneinanderstellen von ideologischen und kognitiven Faktoren einerseits und verhaltens- und situationsbedingten Faktoren andererseits eine falsche Dichotomie herstellt. Wie schon der amerikanische Sozialpsychologe Leonard Newman führt jetzt auch Harald Welzer überzeugend aus, dass es keine "objektiven" Situationen gibt; vielmehr bewegen wir uns in einer "konstruierten" Welt, in der wir die Umstände, unter denen wir leben, gemäß unseren unterschiedlichen "normativen Referenzrahmen" und kulturellen Voraussetzungen sowie unseren allgemeinen Verhaltensmustern wahrnehmen, interpretieren, bewerten und auf sie reagieren. Jede künftige Täterforschung muss also versuchen, die richtige Mischung aus kulturellen und situativen Faktoren und deren Wechselwirkung zu finden – und darf sie nicht nebeneinander stellen.

Die Originalität und der wichtige wissenschaftliche Beitrag von Harald Welzers neuem Buch liegen darin, dass er ältere sozialpsychologische Erkenntnisse über Gruppenverhalten und soziale Prozesse mit der neuen Größe "Referenzrahmen" kombiniert und den daraus resultierenden begrifflichen und theoretischen Ansatz auf eine detaillierte Fallstudie anwendet: die "normalen Männer" des Reserve-Polizeibataillons 45, eines berüchtigten Killerkommandos in der Ukraine, das dem Reserve-Polizeibataillon 101 in der Region Lublin und dem Reserve-Polizeibataillon 133 in Ostgalizien an tödlicher Effizienz in nichts nachstand.

Letztendlich nimmt Welzer zwei große Fragen in Angriff: Wie und warum konnte sich der "normative Referenzrahmen" nach 1933 in Deutschland so schnell und vollkommen verändern? Und warum waren fast alle "normalen Männer" in Einheiten wie dem Reserve-Polizeibataillon 45 bereit zu töten, wenn auch mit einem unterschiedlichen Grad von Begeisterung, Gleichgültigkeit oder Abscheu? Im Mittelpunkt der NS-Herrschaft stand für Welzer die Neudefinition der menschlichen Gemeinschaft, und zwar von einer integrativen, dem Menschenbild der Aufklärung verpflichteten hin zu einer ausgrenzenden, auf Rassismus und Antisemitismus basierenden. Diese radikale Neustrukturierung der Mitgliedschaft im deutschen Kollektiv führt der Autor auf drei Gründe zurück. Historisch lag sie im Sonderweg Deutschlands im 19. Jahrhundert begründet. Wegen der fehlenden erfolgreichen bürgerlichen Revolution konnten sich in Deutschland aristokratisch sanktionierte Werte wie Ungleichheit und Ehre gegen die Ideale der Aufklärung durchsetzen. Im unmittelbaren Kontext der 1930er Jahre schließlich lieferte die Ausgrenzung und Verunglimpfung der Juden für alle, die der Volksgemeinschaft als "Arier" angehörten, die psychische Genugtuung einer "kollektiven Nobilitierung". Die Plünderung der Juden bedeutete zugleich materielle Befriedigung und Bereicherung aller Nichtjuden. Und drittens (und meiner Ansicht nach am wenigsten überzeugend) behauptet Welzer, dass – unter dem Aspekt des Menschseins in der Moderne – Freiheit und Autonomie von vielen als Last empfunden wurden; insofern galt die Befreiung von Verantwortung und Selbstbeherrschung gegenüber der ausgegrenzten Gruppe als willkommene Entlastung.

Welzers Erklärung, warum es den Nationalsozialisten so schnell und lückenlos gelang, einen auf Ausgrenzung basierenden neuen "Referenzrahmen" zu schaffen, mag mitunter eklektisch und bruchstückhaft sein. Trotzdem ist ein zentrales und überzeugendes Argument des Buches, dass die erfolgreiche Neudefinition, wer der deutschen Gesellschaft angehörte, grundlegend für die Ingangsetzung der "selbst dynamisierenden sozialen Veränderungsprozesse" war, die zum Massenmord an den Ausgeschlossenen führten.

Für Welzer war der entscheidende Wendepunkt 1933 – nicht 1939 oder 1941. Dass die Ausgrenzung der Juden sich ziemlich problemlos im Alltag vollziehen konnte, bedeutete zugleich die Anerkennung einer neuen "NS-Moral" auf breiter Ebene. Die entscheidenden Elemente dieser "NS-Moral" lauteten, dass es gut und sinnvoll sei, die "jüdische Frage" zu lösen, auch wenn dies radikaler Mittel bedurfte. Vielleicht war es nicht vorhersehbar, aber letztlich ermöglichte die Ausgrenzung, dass die Enteignung und Ermordung der Juden von jeglichem Bewusstsein für Verbrechen und Unmoral entkoppelt werden konnte.

Welzer untersucht dann, wie "normale Männer" im Reserve-Polizeibataillon 45 zu willigen Mördern wurden. Dabei beruft er sich sowohl auf die Situation wie auf den Prozess. Er nutzt die Forschung von Asch, Milgram und Zimbardo, um akribisch herauszuarbeiten, dass die Männer des Bataillons, die den Auftrag zum Mord an den Juden erhielten, verschiedene Stadien durchliefen: Erwartung, Initiation, Ausführung und Anpassung. Es war ein sich langsam vollziehender Prozess, der den Massenmord durch zunehmende Professionalisierung in normale "Arbeit" umwandelte. Für Sozialpsychologen ist es eher ungewöhnlich, eigene historisch-empirische Untersuchungen anzustellen, meistens stützt man sich auf die Forschungsarbeiten anderer. Welzers großes Verdienst ist es, dass er die Verhöre und Aussagen dieser Männer sorgfältig analysiert und viele faszinierende Beobachtungen angestellt hat. Er zeichnet ein kollektives Porträt der "normalen" Mörder als Männer, die in ihrer "Arbeit" größtenteils eine unangenehme, aber durchaus notwendige historische Pflicht sahen, wegen der sie weder damals noch später ein schlechtes Gewissen empfanden.

Welzer hat ein wichtiges und wertvolles Buch geschrieben, das die Debatte über die Holocaust-Täter voranbringt. Ich begrüße seinen Versuch, ein Gleichgewicht zwischen kulturellen und situativen Faktoren herstellen zu wollen, nur besteht zwischen Teilen seiner Argumentation eine gewisse Spannung, die er meiner Ansicht nach klarer hätte herausarbeiten müssen. Welzer führt an, dass die Täter keine moralischen Skrupel überwinden mussten, als man ihnen den Auftrag zum Morden erteilte, weil sie den neuen "Referenzrahmen", der das Töten der Juden von Verbrechen trennt, bereits verinnerlicht hatten. Ihr Morden war im Wesentlichen eine Spiegelung der in den Jahren zuvor angenommenen Überzeugungen.