politisches buch TötungsarbeitSeite 2/2

Welzer erkennt außerdem, wenn auch weit weniger nachdrücklich, zwei wichtige Beobachtungen im menschlichen Verhaltensbereich an. Einerseits wollen auch Täter sich als »moralisch handelnde Personen« sehen und von anderen so gesehen werden. Andererseits gilt die Maxime: »Praxis selbst verändert die normative Perspektive.« Zusammengenommen liefern diese beiden Erkenntnisse eine gute Erklärung für die schnelle Anpassung und Verwandlung der »normalen« Täter, die einen stärkeren Akzent auf die unmittelbare Situation setzt, in der sich diese 1941 befanden. Viele waren anfangs von ihrem Tötungsauftrag irritiert und beunruhigt, und das nicht nur, weil diese schwierige Arbeit neu für sie war, sondern weil sie – gemäß Raul Hilberg – tatsächlich »moralische Skrupel« plagten, die als »nachhaltige Auswirkung der zweitausendjährigen westlichen Moral und Ethik« zu verstehen waren. Die Anerkennung der »NS-Moral« bedeutete allerdings nicht die sofortige und vollkommene Ausblendung anderer Überzeugungen und Werte. Die meisten Deutschen durchlebten das »Dritte Reich« in einem Zustand des Leugnens und redeten sich ein, sie müssten sich zwischen der Loyalität zum Naziregime und traditioneller Moral entscheiden.

Im Gegensatz dazu blieb den Mitgliedern der Tötungseinheiten tatsächlich nur eine harte und unvermeidliche Wahl. Angesichts des starken Drucks, sich in der gegebenen Situation konform zu verhalten, gehorsam zu sein und die zugewiesene Rolle anzunehmen, wurden die meisten Männer zu Mördern, sobald ihrer Einheit der Auftrag dazu erteilt wurde. Anfangs empfanden die meisten durchaus Kummer und »kognitive Dissonanz«. Und wie Leonard Newman behauptet hat: »Verpflichtet man Menschen zu Verhaltensweisen, die gegen ihre normalen Maßstäbe verstoßen, sind sie bereit, ihre Einstellungen und Überzeugungen zu ändern, um die Diskrepanz zwischen ihrem Verhalten und ihrem Wissen zu vermindern.«

Kurz gesagt: Das mörderische Handeln der »normalen« Deutschen war zum Teil durch die Überzeugungen geprägt, die sie sich während der NS-Zeit zu Eigen gemacht hatten, doch die Überzeugungen vieler »normaler« Deutscher wurden auch durch ihr Handeln geprägt.

Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit

TäterPolitisches BuchWie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werdenHarald WelzerBuchS. Fischer Verlag2005Frankfurt am Main19,90323
 
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