Schriftsteller klagen gerne, dass Le-ben und Schreiben einander ausschließen. Balzac pflegte zu sagen: "Eine Liebesnacht: wieder ein Buch weniger", und verriet damit seine Sicht der Dinge. Gute Autoren haben letztlich immer das Schreiben über alles andere gestellt. Auch Orhan Pamuk stellt die Literatur über alles andere. Aber sosehr er auf ihre Autonomie setzt, so heftig er auf seinem Elfenbeinturm beharrt, so inständig er Jorge Luis Borges, Italo Calvino und andere Säulenheilige der littérature pour la littérature anruft, so entgeht er in seinen Romanen, selbst den historischen, nicht brisanten politischen Themen und hat im Übrigen in Essays und Interviews auch direkt gesagt, was er von der Einschränkung der Rechte der Kurden in seinem Land hält oder warum die kollektive Amnesie, die die Türken mit Blick auf die Vernichtung der Armenier 1915 befallen hat, einer Aufarbeitung weichen muss. Orhan Pamuk, geboren 1952 in Istanbul, veröffentlichte zuletzt die Romane "Rot ist mein Name" (2002) und "Schnee" (2005) BILD

Vielleicht ist einem die Rolle des engagierten Zeitgenossen, des politischen Autors vorbestimmt, wenn man in Istanbul, der aus Byzanz und Konstantinopel hervorgegangenen Stadt, aufgewachsen ist, den verschlungenen west-östlichen Spuren dieser Metropole folgt und schließlich in seiner eigenen Person das Amalgam von westlicher Bildung und islamischen Traditionen verkörpert.

Kein Schulkind erfährt etwas über die Verfolgung der Armenier

Als erster Autor in der muslimischen Welt hat Orhan Pamuk die Fatwa gegen Salman Rushdie verurteilt und sich zu Ya≠ar Kemal bekannt, als dieser 1995 unter Anklage gestellt wurde. Er wünscht sich den Beitritt seines Lands zur EU, weil dieser die türkische Regierung zwinge, die begonnenen Reformen auch wirklich in die Tat umzusetzen, und das türkische Militär aus der Politik heraushalte. Ich habe drei Jahre in dem Land gelebt, und Sie können mir glauben: Diese Äußerungen bedeuten Mut. Die prekäre Lage der Kurden ist nach wie vor ein Anathema in der offiziellen Türkei. Die Armenier existieren nur insofern, als sie Massaker an den Türken begangen haben. Kein türkisches Schulkind erfährt etwas über die Verfolgung der Armenier in Anatolien 1915/16. Indem Orhan Pamuk unerschrocken seine Stimme erhebt und Aufrichtigkeit einklagt, versucht er, Nachdenken zu erzwingen und die Regierenden umzustimmen.

Das alles mag sich ein sehr junger Mann in Istanbul nicht so erträumt haben. Dieser junge Mann wollte Maler werden. Zunächst zählt für ihn nicht die Verführungskunst der Worte, sondern die der Farben, des Lichts. Seine Familie, begütert, verwestlicht, Vater, Mutter, Onkel und Tante glühende Anhänger von Kemal Atatürk, unterstützen seinen Wunsch – bis zu einem gewissen Grad. Er muss sich für ein Architekturstudium einschreiben und bekommt von seiner Mutter eine kleine Wohnung, die er als Atelier nutzen darf. Die Freundin des angehenden Malers – sie hat einen persischen Namen, der so viel wie "schwarze Rose" bedeutet – besucht ihn dort, bettet sich auf den Diwan: "Als ich ihr, noch ganz am Anfang ihrer Besuche, einmal sagte, ich würde sie jetzt zeichnen", heißt es in dem Erinnerungsbuch Istanbul, "fragte sie: Wie soll ich mich hinsetzen?, aufgeregt wie ein Starlet, das noch nie vor einer Kamera gestanden hat, und unsicher, was sie mit ihren Armen und Beinen anfangen soll."

Spuren dieser frühen Jahre finden sich in allen Romanen von Orhan Pamuk. So erscheint die Beschreibung der schlafenden Ehefrau des Erzählers im Roman Das schwarze Buch wie ein Bild: "Rüya schlief, bäuchlings ausgestreckt, in der mollig warmen Dunkelheit unter den Schattentälern und indigoweichen Hügeln des blaugewürfelten Steppdeckenreliefs, welches das Bett von oben bis unten überzog." Maler und Modell sprechen über die Zukunft. "Ich werde zu deiner überfüllten Vernissage in Paris kommen", verspricht die schwarze Rose, "mit meinen französischen Freundinnen." Aber diese verhaltene Liebesgeschichte geht zu Ende. Der liebeskranke Orhan Pamuk, 19 Jahre alt, gibt das Architekturstudium auf, malt und malt, liest und liest, Tolstoj, Dostojewskij, Thomas Mann, wandert und wandert durch Istanbul.

In den Schlusskapiteln des Erinnerungsbuches schildert Pamuk diese einsamen Spaziergänge eindringlich: die Stadt als begehbares, großartiges, nun verfallendes Gedächtnis, das seine Kraft, seinen Willen, seinen Durst verloren hat. "Das ist nicht Paris", sagt ihm oft seine Mutter, wenn er von seinen Wanderungen zurückkommt, "das ist Istanbul. Auch wenn du der beste Maler der Welt würdest, niemand hier würde dich beachten." Am Ende einer dieser Wanderungen, nach einer halben Nacht in den tröstlichen Straßen von Beyoglu, setzt er sich an den Tisch und versucht, die Chemie der nächtlichen Streifzüge zu fixieren. "Ich möchte nicht Künstler, ich will Schriftsteller sein." Das ist der letzte Satz seines Buches der Erinnerung. Er lässt die Malerei, er schreibt an seinem ersten Roman. Von nun an bedeutet ihm die Literatur alles. Pamuk schreibt, unbeirrbar, nun schon 32 Jahre lang.

Der Roman ist "die größte Erfindung der westlichen Welt", sagt Osman, der Held des Romans Das neue Leben. Sein Alter Ego, der auch Osman heißt, meint dazu: "Ein gutes Buch ist ein Schriftstück, das nicht vorhandene Dinge beschreibt… So ist es zwecklos, das jenseits der Wörter liegende Land außerhalb des Buches zu suchen." Das Buch, von dem die Rede ist, beschreibt das neue Leben. Es verändert die, die es lesen. Sie begeben sich auf die Suche nach dem neuen Land, das nicht beschrieben wird, das nichts als eine gigantische Metapher für Sehnsucht ist. Dieses Gespräch der beiden Osmans über das im Buch versteckte Wunschland ist eine Passage, in der all die so verschiedenen Romane von Orhan Pamuk intensiv miteinander flüstern. Es gibt in jedem dieser Bücher eine Leerstelle, die nichts anderes ist als Lobpreis der Literatur. Der Held des Romans Schnee, Ka, im östlichsten Anatolien unterwegs, eingesperrt vom Schnee in Kars, wird von mystischen Eingebungen heimgesucht und schreibt Gedichte, 19 an der Zahl, die er gemäß der inneren Struktur einer Schneeflocke ordnet. Der Leser kennt die Titel der Gedichte. Die Gedichte selbst erfährt er nicht. Ein Freund von Ka, der Erzähler, sucht nach dessen Ermordung verzweifelt nach der grünen Kladde, in die Ka seine Gedichte geschrieben hat. Er findet sie nicht. Inmitten eines hochpolitischen Romans ein Loch, eine Leerstelle, die uns Leser vor Sehnsucht, diese Gedichte kennen zu lernen, ganz verrückt macht. Denn diese Schneeflocke, dieses Kristall, birgt das Geheimnis von Kas ganzem Leben. Eine Stelle aus dem Roman Das schwarze Buch wirkt wie ein Echo darauf. Der Erzähler, verloren in den Spuren seiner Erinnerung, sagt: "Denn nichts kann so erstaunlich sein wie das Leben. Außer dem Schreiben. Außer dem Schreiben. Ja, natürlich, außer dem Schreiben, dem einzigen Trost."

So ist jeder Roman von Orhan Pamuk auch eine Reflexion über die Rolle von Literatur und über das, was sie aus uns macht. Seine Bücher sind voll seltsamer Helden, voller Intrigen, Verschwörungen und Liebschaften. Sie sind vor allem genaueste Schilderungen vergangener und heutiger türkischer Zustände. Sie sind ironisch, sarkastisch, zärtlich, aber auch brutal, voll Mord und Tod. Passagen in Das neue Leben über Unfallserien und Busunglücke mit Leichen, Verstümmelten und Verletzten erinnern an Godards Film Weekend. Das Personal im Roman Schnee ist ein Aufriss durch die heutige türkische Gesellschaft: Islamisten, Terroristen, Geheimdienstler, Polizisten und Militärs, aufrechte Kemalisten und Vorbeter von Koranschulen, schöne Frauen und heruntergekommene Schauspieler. Ein großer Roman zeichnet sich durch die unerträgliche Dichte der Details und, so meine ich, eine moralische Vision aus. Jeder Roman von Pamuk beschenkt uns mit einer akribischen, fast haushälterisch genauen Beschreibung seines Landes – letztlich der Zerrissenheit dieses Landes zwischen Tradition und Moderne, zwischen zwei Zivilisationen, zwei Religionen, zwei Haltungen, der islamischen und der westlich-atheistischen, der mystischen und der technikgläubigen.

Die Türkei leidet an dem verengenden europäischen Blick

Das Aufregende hierbei ist, dass Pamuks Beschreibungen von den Dingen selbst ausgehen, denn er besitzt eine peinigend genaue Beobachtungsgabe, einen Spürsinn für die Dinge, besonders die untergehenden Dinge der schönen alten Zeit, die unwiederbringlich von westlichen Produkten verdrängt werden. Der Roman Das neue Leben liefert dazu ein Inventar – von der mentholduftenden, am unteren Ende in Silberpapier verpackten Rasierseife Opa bis zu den alten Magirus-Bussen und den Vatan-Konserven. Im Städtchen Büdül besuchen Osman und seine Geliebte, Canan, eine Ausstellung in der örtlichen Schule: "In der dicht gedrängten Kenan-Evren-Oberschule sahen wir (…) die Spieluhr, die auf einen Schlag das ganze Problem von Minarett, Muezzin, Lautsprecher, Verwestlichung versus Islamisierung durch eine moderne, ökonomische Lösung aus dem Weg räumt. Anstelle des Vogels aus der altbekannten Kuckucksuhr waren zwei Figuren mit dem herkömmlichen Mechanismus verbunden. Auf der unteren von zwei Galerien, gebaut nach Art der Minarettumgänge, erschien zu den Gebetszeiten ein winziger Imam und rief dreimal ›Allah ist groß!‹, auf der oberen Galerie zeigte sich zu jeder vollen Stunde ein Spielzeug-Herrchen, glatt rasiert und mit Krawatte, und rief: ›Welch ein Glück, Türke zu sein, Türke zu sein, Türke zu sein!‹" – eine ironische Anspielung auf die republikanischen Anfänge unter Atatürk. Gemeint war der Türke, der den Fez von sich warf, nach Europa schaute und stolz darauf war, dass die alten Dinge verschwanden.

Orhan Pamuk hat stets betont, dass die Verwestlichung der Türkei nichts Negatives sei, doch etwas Problematisches, auch Schmerzliches. Mit dem kulturellen Wandel gingen Traumata und Identitätskrisen einher. Vielleicht kann er so eindrücklich darüber schreiben, weil er eine solche Krise selbst durchlitten hat. Sei- ne Eltern waren großbürgerliche Kemalisten. Atatürk hatte bei Gründung der Türkischen Republik mit einer uns heute unvorstellbaren Radikalität alle Wurzeln zur früheren Kultur gekappt. Das arabische Alphabet wurde abgeschafft, der Laizismus per Gesetz und mehr noch per Gewalt durchgesetzt, Imame wurden erschossen, aber auch Gewerkschaften und Zeitungen gegründet und die ersten Pilotinnen und Archäologinnen ausgebildet. Die gewaltsam verordnete Hinwendung zu Europa musste in den Köpfen aller Türken Leerstellen hinterlassen.

Pamuk wuchs am Bosporus auf, als sei dieser breite Wasserlauf die schmächtige Seine. Erst im Alter von 35 Jahren hat er die osmanischen Traditionen für sich entdeckt, die alten, nichtorthodoxen Positionen des Islams studiert und ist so relativ spät ein kompliziertes Produkt des Schmelztiegels Byzanz-Konstantinopel-Istanbul geworden. Sein Werk kündet davon, denn nur auf den ersten Blick erscheinen seine Bücher wie realistische Romane in der großen Tradition der europäischen Erzähler. Doch sind sie vielschichtiger, ornamentaler und auch surrealistischer. Der Kanon aller vergangenen Literatur, der westlichen und der östlichen, fließt durch sie. An einer Stelle spricht Orhan Pamuk vom "Zauberer im Schriftsteller". Er selbst ist so ein Zauberer.

Um Zauberer zu sein, muss man alle Tricks beherrschen, muss Ingenieur, Konstrukteur, Architekt und Magier sein. Orhan Pamuk stellt unter Beweis, dass er tausendundeinen Faden in der Hand behalten kann und auch gewagteste Konstruktionen tragfähig bleiben. Ein Element seiner Gebäude, ein Kunstgriff orientalischer Erzähler ist das Einlassen von Geschichten in die fortströmende Handlung, die das Geschehen überhöhen und wie Parabeln, wie ausgedehnte Sinnsprüche funktionieren. So erzählt der Terrorist Lapislazuli dem schwermütigen Dichter Ka im Roman Schnee die uralte persische Geschichte von Rüstem, dem Herrscher des Iran, der in einer Schlacht den in einem Panzer steckenden gegnerischen Feldherrn tötet und erst an dem Armband erkennt, dass er den eigenen Sohn getötet hat. Lapislazuli kommentiert die Geschichte und sagt, dass er sich mit dem "würdevollen Schmerz" Rüstems identifiziere, der verantwortungsvoll gemäß den Überlieferungen gehandelt habe. Hier liege auch ein Deutungsmuster für das eigene Leben. Der Roman Rot ist mein Name ist gespickt mit solchen die Wirklichkeit transzendierenden Parabeln. Sie entfalten ein raffiniertes Gespinst aus Glauben und Aberglauben, Märchen und Abermärchen, transportieren aber auch stets Weisheit und Moral. Hier wird eine Ethik, "eine moralische Vision" entfaltet, die sich aber nur dem ganz entschlüsselt, der die frühislamischen Texte von Ibn Arabi oder al-Halladj oder Sufi-Dichtern wie Yunus Emre, Rumi und Nizami kennt.

Der hochkomplizierte Dialog zwischen Ost und West mit seinen gewaltigen Amplituden ist eine Grundbefindlichkeit der heutigen Türkei. Unsere Medien berichten über dieses Land. Zwei Millionen deutsche Touristen besuchen es jedes Jahr. Dennoch ist die Türkei uns fremd geblieben. Es ist ein unerhörter Glücksfall, dass die unendlich reiche Literatur von Orhan Pamuk der Welt sein Land erklärt. Die sonst drüber reden und berichten, verfolgen alle bestimmte Interessen. Die Politiker – Erdogan, Verheugen, Merkel oder Villepin –, die Militärs, die Historiker. Der Schriftsteller ist der Einzige, der uns mit diesem Land vertraut macht.

Dies ist ein Glücksfall der Literatur, wie es ihn zuletzt vielleicht im 19. Jahrhundert gegeben hat. Wenn wir Balzac, Stendhal oder Flaubert lesen, wissen wir plötzlich sehr genau, wie es um Paris, um Frankreich in dieser Zeit bestellt war. Wenn wir Dostojewskij lesen, wissen wir vom Zarenreich, von der Zerrissenheit der russischen Seele zwischen Sehnsucht nach Europa und Abscheu vor Europa. Lesen wir heute Pamuk, genau und geduldig, verstehen und respektieren wir dieses komplizierte Land, die Türkei mit ihrer großen Geschichte und ihrer großen Kultur.

Um jedoch Orhan Pamuk zu verstehen, müssen wir uns Istanbul zuwenden. Er hat dieser Weltstadt in seinem letzten, autobiografischen Buch ein wunderbares Denkmal gesetzt. Gleich eingangs lesen wir: "Istanbuls Schicksal ist mein Schicksal. Ich fühle mich dieser Stadt verbunden, weil sie mich zu dem gemacht hat, der ich bin." Er liebt die Stadt in der Dämmerung, im Regen oder an den vier, fünf Tagen im Winter, wenn Schnee sie bedeckt: "Die Stadt schwarz und weiß zu sehen, ist, sie durch den Firnis der Geschichte zu sehen: die Patina von all dem, was alt und verblichen ist und für den Rest der Welt nichts mehr bedeutet. Selbst die großartigste osmanische Architektur besitzt eine bescheidene Einfachheit, die die Melancholie der Endzeit eines Reiches verströmt, eine schmerzliche Unterwerfung unter den verengenden europäischen Blick und eine uralte Armut, die gleich einer unheilbaren Krankheit ertragen werden muss; es ist Resignation, welche die nach innen gewendete Seele Istanbuls nährt."

Pamuk beschreibt mit nicht nachlassender Zuneigung, Wärme und Verzweiflung seine Stadt. Der zentrale Begriff, um ihre Verfasstheit zu verstehen, ist Hüzün, ein schon im Koran benutzter, ins Türkische gewendeter Begriff, um eine kollektive Melancholie zu beschreiben, den Zustand eines ganzen Gemeinwesens. Diesen Hüzün, der auch in der Musik, in der Dichtung gegenwärtig ist und in den Resten der großen Geschichte nistet, hat sich die Stadt selbst ausgewählt. Sie leidet nicht unter dieser Melancholie, weil sie die Sicht weich macht und Trost spendet. Pamuk selbst zitiert Robert Burton: All other pleasures are empty. / None are as sweet as melancholy. Für den Dichter, so Pamuk, sei Hüzün das beschlagene Fenster zwischen ihm und der Welt, für die "Istanbullus" insgesamt eine Weise, würdevoll mit allen Rückschlägen des Lebens umzugehen, ganz so, als sei Hüzün nicht das Resultat von Sorgen und Verlusten, sondern vielmehr deren Ursache.

Ist auch Orhan Pamuk schwermütig? Wir wissen aus seinen Romanen: Er hat das Talent zur Ironie, zum Sarkasmus. Mitunter blitzt Witz auf. "Kaltes Artistentum" kann man ihm nicht vorwerfen. Im Gegenteil, er hat ein brennendes Interesse an Menschen und Dingen, sein Blick auf die Welt ist scharf, mitunter ungemütlich, aber stets voller Anteilnahme. Am deutlichsten lässt sich dies an dem jüngsten Roman Schnee nachweisen, der von allen seinen Büchern am entschiedensten in die Gegenwart reicht. Er erzählt das große, grimmige Märchen der heutigen Welt. Diese Welt ist polarisiert, nicht nur zwischen Ost und West, das wäre zu einfach, sondern zwischen Ideologien und Religionen, Arm und Reich, Liebenden und Einsamen, Vernünftigen und Verrückten. Orhan Pamuk bringt alle diese Stimmen und Haltungen zu Gehör. Jeder, auch der Fanatiker, ist verständlich. Jeder hat seinen Glauben, seine Argumente, ja, seine Schönheit – und eine Unschuld, die er rasch verliert.

Allen gerecht zu werden ist Pamuks trotziger Wunsch

Der Dichter Ka mag in diesem bösen Märchen Orhan Pamuks Alter Ego sein. Ka ist Atheist und bringt doch Verständnis für Necip auf, einen Schüler der Koranschule von Kars, der islamische Science-Fiction schreiben will und für die Reinheit seiner religiösen Überzeugungen einsteht. Zugleich verehrt Ka den Vater seiner Geliebten Ipek, einen Demokraten und Republikaner der ersten Stunde. In seinem Atheismus wird Ka schwankend, als er einem leibhaftigen Scheich im Derwischkonvent die Hand küsst. Er versteht den Zorn der Einwohner von Kars, die Teil des Westens werden möchten, es aber nicht schaffen dazuzugehören.

Sehen wir von Ka ab, der tief verunsichert ist, zerrissen zwischen den Gedanken der europäischen Aufklärung und losen Bindungen an die Traditionen des Islams, so versteht in diesem Roman nicht einer den anderen. Was heißt verstehen? Sich in den anderen versetzen? Keiner der zahlreichen Protagonisten kann sich in den anderen versetzen. Dieses große Märchen ist bitter und letztlich todtraurig. Dass wir es zu Ende lesen wie im Rausch, hat mit der literarischen Meisterschaft des Autors zu tun, mit seinem Sinn für das Absurde und seinem trotzigen Wunsch, auch inmitten von so viel Rückständigkeit, Aberglauben und Elend gerecht zu sein.

Von Pamuks Gerechtigkeitsgefühl, von seiner tiefen Sorge um die Gegenwart der Türkei zeugt am bewegendsten ein Text, den er nach dem großen Erdbeben in Istanbul 1999 schrieb. "Die Not, die Trümmer, das Elend zeigen uns", schreibt Orhan Pamuk, "wie schutzlos das menschliche Leben ist und dass unser Dasein von Entscheidungen abhängt, die miserable Unternehmer, Schmiergelder aufsaugende Stadtverwaltungen und korrupte Bauleute" fällen. Er spricht mit den Überlebenden und weiß keinen Trost. In dieser großartigen Reportage berühren sich der Künstler und der politische Autor. Hier schließt sich der Kreis zu dem Orhan Pamuk, der öffentlich eine kritische Geschichtsschreibung in der Türkei einfordert, der seinem Land eine liberale, säkulare Demokratie wünscht und der selbst eine "Kultur der Übersetzung" verkörpert, indem er westliche Denkmuster und islamische Wertvorstellungen miteinander kommunizieren lässt, wohl wissend, wie sehr diese Bruchlinien überlagert werden von dem Konflikt zwischen dem reichen, überheblichen Westen und dem Heer der Globalisierungsverlierer.

In Abwandlung einer Formel, die Thomas Mann noch selbst zum Nachruhm seines Werkes ausgab, können wir sagen: Die Literatur von Orhan Pamuk ist lebensfreundlich, auch wenn sie von unauflöslichen Konflikten weiß.

Joachim Sartorius war bis 2000 Generalsekretär des Goethe-Instituts und leitet derzeit die Berliner Festspiele. Zuletzt veröffentlichte er den Gedichtband "Ich habe die Nacht" (2003)