sterbehilfe Mehr als Schmerzen lindern
Gibt es Alternativen zur Sterbehilfe? Der Kölner Arzt Raymond Voltz über die Möglichkeiten und Grenzen der Palliativmedizin
DIE ZEIT: Sie haben als Palliativmediziner viele Menschen beim Sterben begleitet, denn Palliativmedizin setzt dort ein, wo kurative Medizin an ihre Grenzen stößt. Leistet Palliativmedizin denn hier nicht Sterbehilfe?
Raymond Voltz: Palliativmedizin leistet Hilfe im Sterbeprozess, sie leistet keine Hilfe zum Sterben. Wir helfen, wenn die Medizin im bisherigen Selbstverständnis nichts mehr für den Patienten tun kann. Ärzte verstehen sich traditionellerweise nur als Heiler. Wenn Heilen nicht mehr möglich ist, dann meinen sie, nichts mehr tun zu können. Genau dort setzt Palliativmedizin ein. Wir sagen: Wir können hier noch sehr viel tun, etwa wenn es darum geht, Symptome wie Schmerzen, Atemnot, Übelkeit oder Verwirrtheit zu lindern. Manche dieser Beschwerden können sich vor dem Tod noch einmal deutlich verstärken, sodass wir sie dann auch sehr intensiv behandeln. Insofern könnte man sagen, dass wir im positiven Sinne verstandene Hilfe im oder beim Sterben leisten. Der Begriff wird in der öffentlichen Diskussion zu wenig differenziert und dadurch missverständlich verwendet. Palliativmedizin ist ein klares Gegenangebot zur aktiven Sterbehilfe.
ZEIT: Dennoch scheint die Unterstützung für Sterbehilfe in der Bevölkerung zu wachsen. Warum ist das so?
Voltz: Ich glaube, dass vielfach gar nicht klar ist, was aktive Sterbehilfe, passive Sterbehilfe oder indirekte Sterbehilfe ist. Deshalb zweifele ich auch viele Umfragen zu diesem Thema an. Hinzu kommt, dass sich die Antworten entscheidend verändern, je nachdem, ob Sie gesunde oder erkrankte Menschen fragen. Wenn ein Mensch krank wird, ändert sich häufig schlagartig die Sichtweise. Betroffene äußern sehr viel weniger den Wunsch nach aktiver Sterbehilfe. Wenn wir die Symptome, Schmerzen beispielsweise, bestmöglich gelindert haben, dann bleibt dem Patienten Raum und Zeit, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Er kann dann darüber nachdenken, was Lebensqualität für ihn bedeutet. Die Antwort hierauf ist sehr individuell, auch dort helfen wir. Neben dem Medizinisch-Pflegerischen bietet die Palliativmedizin auch Unterstützung bei notwendigen sozialen Maßnahmen. Wir kümmern uns um psychologische und seelsorgerische Begleitung, und zwar nicht nur für den Patienten selbst, sondern auch für seine Angehörigen.
ZEIT: Was Sie beschreiben, gilt vor allem für Krankheiten wie Krebs. Welche Möglichkeiten hat die Palliativmedizin bei selteneren Krankheiten, etwa dem so genannten Locked-in-Syndrom?
Voltz: Die Diskussion auf der Einzelfallebene ist immer schwierig, da man für jedes Argument einen anderen Einzelfall heranziehen kann. Das Locked-in-Syndrom ist kein klassisch palliativmedizinisches Krankheitsbild, aber sicherlich ein äußerst belastender Zustand. Locked-in bedeutet, dass man alles mitbekommt, wie im gesunden Zustand, aber nur sehr eingeschränkt nach außen kommunizieren kann, weil man bis auf die Augen vielleicht vollkommen gelähmt ist. Trotzdem müssen wir uns bemühen herauszufinden, was der Betroffene wünscht, und darauf eingehen. Außerdem ist es möglich, im Einverständnis mit den Betroffenen Komplikationen wie Thrombosen, Embolien oder Entzündungen nicht mehr ursächlich, sondern nur noch symptomorientiert zu behandeln. Dies könnte man als passive Sterbehilfe bezeichnen, und dies ist vollkommen legal.
ZEIT: Hat denn jeder Patient in Deutschland Zugang zur Palliativmedizin?
Voltz: Nein, bisher noch nicht. Es gibt Studien, die besagen, dass wir 50 bis 60 Betten pro eine Million Einwohner brauchten, um den Bedarf zu decken, der allein durch Krebserkrankungen entsteht. Davon sind wir aber noch weit entfernt. Es gibt ebenfalls ein Versorgungsdefizit im ambulanten Bereich. Die Hausärzte werden bisher mit diesen Fällen allein gelassen. Deshalb versuchen wir, in Köln ein Netz für Palliativmedizin aufzubauen, damit sich die Hausärzte informieren können. So möchten wir auch erreichen, dass möglichst viele Patienten zu Hause bleiben können, denn das wünscht sich die Mehrheit der Betroffenen. Auch die Ausbildungssituation ist bislang unzureichend. Wir brauchen mehr Lehrstühle für Palliativmedizin an den Universitäten, damit mehr junge Mediziner ausgebildet werden können, und wir brauchen mehr Forschung, damit wir unsere Therapien besser auf die verschiedenen Krankheitsbilder ausrichten können.
ZEIT: Wie sollen neue stationäre und ambulante Angebote, mehr Lehrstühle und zusätzliche Forschung finanziert werden?
Voltz: Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin hat berechnet, dass eine flächendeckende und gute Palliativ- und Hospizarbeit 0,5 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung betragen würde. Wenn man das mit anderen Bereichen vergleicht, glaube ich fest daran, dass wir durch eine effektivere Organisation anderer Bereiche und eine bessere Koordination zwischen ambulanten und stationären Strukturen in der Lage sind, Gelder so umzuschichten, dass wir auf diese 0,5 Prozent kommen.
Die Fragen stellte Isabell Hoffmann
- Datum 27.10.2005 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 27.10.2005 Nr.44
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren