Die meisten Minuten haben 60 Sekunden, einige haben 61: Wer am 1. Januar 2006 morgens um eine Sekunde vor ein Uhr auf eine Bahnhofsuhr guckt, wird sehen, wie der Sekundenzeiger nicht eine, sondern zwei Sekunden auf dem 59. Strich hängen bleibt. Die kurze Atempause ist kein Software-Fehler, sondern eine Schaltsekunde, angeordnet von einer Behörde in Paris, die die Erdrotation überwacht. Wer auf einer netten Party weilt, kann also in der kommenden Silvesternacht eine Sekunde länger feiern. Die wahren Zeiten, vom Atom bis nach Europa - in der Bildergalerie BILD

Seit 1972 gab es 22-mal eine Schaltsekunde, jetzt sorgt das Körnchen Extrazeit für Unruhe. Amerikanische Ingenieure wollen die Schaltsekunden abschaffen, englische Astronomen wollen sie behalten, deutsche Physiker haben den Innenminister alarmiert.

Schaltsekunden haben eine ähnliche Funktion wie der 29. Februar in einem Schaltjahr. Sie sorgen dafür, dass die menschengemachte Zeitmessung mit der Natur im Takt bleibt. Früher war es 12 Uhr mittags, wenn die Sonne am höchsten stand, Sonnenuhr genügte. Dann kamen Pendeluhren, Quarzuhren, Atomuhren, und die Frage, wie spät es ist, wurde kompliziert. Seit dem 1. Januar 1958 gilt außer der so genannten astronomischen Zeit, die aus der Erdrotation abgeleitet wird, die Atomzeit TAI (Temps Atomique International), berechnet mit rund 250 Atomuhren weltweit. Ein Segen für die Technik, ein Problem für manche Anwender.

Denn Atomzeit und astronomische Zeit driften auseinander. Die Erde geht nach. Abgebremst durch Mond und Gezeiten dreht sie sich von Jahr zu Jahr etwas langsamer – heute ist ein Tag zwei Millisekunden länger als ein Tag vor hundert Jahren. Auch Atmosphärenwinde, die gegen die großen Bergketten blasen, und Ozeanströmungen bringen die Erde aus dem Takt. Atomuhren richten sich dagegen nach einer Resonanzfrequenz im Cäsium-Atom, und die schert sich wenig um den stotternden Erdmotor. Wer seine Uhren in den nächsten Jahrtausenden konsequent nach der Atomzeit stellt, würde eines Tages um Atomzeit-Mitternacht die Sonne sehen. Und irgendwann in noch fernerer Zukunft müssten Europäer gar im Hochsommer Weihnachten feiern.

Damit das nicht passiert, wurde 1972 – damals lagen Atomzeit und astronomische Zeit bereits zehn Sekunden auseinander – eine Art Kompromisszeit erfunden, die koordinierte Weltzeit UTC. Sie tickt so genau und gleichmäßig wie die Atomzeit, wird aber durch das Einfügen von Schaltsekunden der sich ändernden Erdrotation angepasst, sodass astronomische Zeit und UTC niemals mehr als 0,9 Sekunden voneinander abweichen. Die koordinierte Weltzeit ist das Maß vieler Anwender, von Telekom-Unternehmen bis zu Astronomen, die mit Hilfe von UTC ihre Teleskope ausrichten. Die von den Funkuhren in Deutschland angezeigte mitteleuropäische Zeit entspricht UTC plus zwei Stunden im Sommer und plus einer Stunde im Winter.

Doch in einer Welt, die Internet-Protokolle, Handygespräche und Geldanweisungen im Mikrosekundentakt synchronisiert, sind Schaltsekunden ein Anachronismus. Computerprogramme müssen jede Extrasekunde präzise ins System integrieren. Das russische Satellitennavigationssystem Glonass sowie viele Satelliten der Europäischen Raumfahrtagentur ESA richten sich nach UTC. Ein Fehler in der Zeitmessung könnte im schlimmsten Fall zum Absturz führen. In einem Monat mit Schaltsekunde setzt die ESA Raketenstarts daher sicherheitshalber aus. Das amerikanische Navigationssystem GPS folgt wiederum einer ganz eigenen Zeitrechnung, indem es nur jene 19 Schaltsekunden berücksichtigt, die bis zum Systemstart 1980 aufgelaufen waren. Später anfallende Extrasekunden wurden schlicht ignoriert.

Seit zwei Jahren diskutieren Ingenieure, Physiker und Astronomen auf Initiative der Internationalen Fernmeldeunion ITU (International Telecommunications Union) über eine Reform der Zeitmessung. Bisweilen kommen dabei originelle Vorschläge auf den Tisch: Man solle die Definition der Sekunde ändern und die Sekunde etwas strecken, damit Erdrotation und Atomzeit wieder besser zueinander passen, schlug ein Delegierter vor. Ein anderer möchte jeweils bis zur Jahrhundertwende warten und dann die nötige Anzahl von Fehlsekunden einfügen, um UTC wieder mit dem Sonnenstand abzugleichen. Ernsthafter wird die Forderung der amerikanischen Delegation diskutiert, statt alle paar Jahre eine Schaltsekunde, alle paar Jahrhunderte eine Schaltstunde in die koordinierte Weltzeit einzufügen. Man könnte zum Beispiel die Umstellung von Sommer- auf Winterzeit einfach aussetzen. Der Vorschlag steht auf der Tagesordnung des nächsten ITU-Treffens Anfang November in Genf. Geht die Abbremsung der Erde so weiter wie im vergangenen Jahrhundert, wäre um das Jahr 3000 eine Extrastunde fällig. Für den nächsten Millennium-Bug ist gesorgt.