Am Anfang der Literatur steht der Krieg, sagt Werner Fritsch irgendwann bei unserem Treffen in seinen Arbeitsräumen in Berlin, Prenzlauer Berg. Früh ist der Dramatiker mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges in Berührung gekommen. Die Gräueltaten der Nazis lebten in der nördlichen Oberpfalz, wo er 1960 geboren wurde und aufgewachsen ist, in der Erinnerung fort. Ist er deshalb so produktiv? Prosatexte, Hörspiele, mehr als ein Dutzend Theaterstücke, viel gespielt, preisgekrönt. Dem Kind Werner hat der gehbehinderte Knecht Wenzel das Sprechen und Fabulieren beigebracht - und ihm von den Schrecken der Kriegszeit erzählt. Fritschs Roman Cherubim (1987) erzählt die Passionsgeschichte des Wenzel in Zweihundertdrei Geschichten in Gesichten. Für Fritsch ist der Roman das Paradiso meines Schreibens, eine surrealistische Chronik meiner Heimat, erfüllt vom Widerhall meiner Kindheit: das 20. Jahrhundert, gespiegelt im Bewusstsein eines Kind gebliebenen Achtzigjährigen, mit dem aufzuwachsen ich das Glück hatte ...

Fritschs Kindheit war bestimmt von der Kargheit des Heimatdorfes, die Jugend geprägt von den strengen Regeln eines katholischen Internats, das erste Jahr des Erwachsenenlebens gekennzeichnet vom Drill des Militärs. Fritschs sprachliche Fantasie wurde schon sehr früh zu einer Form der Befreiung aus diesen bedrückenden Welten. Die Zeit bei der Bundeswehr hat er in der Erzählung Steinbruch (1989) und in dem Stück Fleischwolf (1992) reflektiert und damit eine große Debatte ausgelöst.

Das Schreiben ist für Fritsch immer ein Ausweg, ein Ausbruch, eine Ich-Rettung vor den Krallen der Toten. Die Zerstörung der Körper findet ihr Äquivalent in der Zertrümmerung der Sprache und Syntax - diese Gewalt bildet das Epizentrum seiner Texte. Er arbeitet wie ein Sprengmeister: In die Strukturen der Geschichte legt er sein Dynamit, die petrifizierten Erinnerungsschichten lässt er in die Luft fliegen. Im Aufsprengen der Vergangenheit und im Neuzusammensetzen der gesprengten Schichten scheint eine andere Welt auf - eine aus den Katastrophen gerettete Welt.

Beim Bersten der Welt sind, o Wunder, die Stücke lebendig

So auch in seinem jüngsten Stück Das Rad des Glücks, das er in München selbst inszeniert hat und das der Hauptdarstellerin Jennifer Minetti soeben den Bayerischen Theaterpreis eingebracht hat. Sie spielt die Roma Courasch, zu der ihre Enkelin Mira (Judith Al Bakri) ins Altersheim geflohen ist, um ein Kind auf die Welt zu bringen. Der Erinnerung an die Ermordung der Roma und Sinti steht die Geburt eines Kindes gegenüber. Für Fritsch ist Jennifer Minetti die ideale Besetzung. Schon beim Schreiben habe er immer an sie gedacht, sagt er, weil sie die Bandbreite von äußerster Härte und Überlebenskraft sowie einer in sich gekehrten und dennoch unmittelbaren Zärtlichkeit verkörpern könne. Gegen die Verbrechen der Nazis setzt die Courasch eine Aura, die ihre Kraft aus der Musik bezieht. Mit ruhiger Stimme erzählt Fritsch, wie die Courasch am tiefsten Punkt ihrer Existenz eine Gegenwelt erschafft: Sie schminkt ihr Gesicht weiß, zündet sich eine Zigarette an, schließt ihre Augen, legt sich quer über die Lehnen eines Ohrensessels, öffnet ihre Arme und taucht mit Haut und Haar in die widerständige und melancholische Welt des Rembetiko, des griechischen Blues, ein.

Brigitte Labs-Ehlert hat ihrem Fritsch-Essay Gegenständigsein ein Zitat von René Char vorangestellt, das am treffendsten die Arbeitsweise des Autors beschreibt: Beim Bersten der Welt, das wir erleben, / sind, o Wunder!, die Stücke, die niederstürzen, lebendig. In der Physiognomie des Augenblicks ist der Zustand der Welt erkennbar und ihre Heiligkeit verborgen. Dem Theater kommt in der von Hieroglyphen des Jetzt bestimmten Sprachwelt eine besondere Bedeutung zu. Es ist der letzte Ort für Metaphysik - durch das Fleisch und Blut der Menschen und die Materialität der Requisiten beglaubigt.

An einem Freitagnachmittag, erzählt Fritsch, noch in Soldaten-Uniform, sei er auf den bereits angefahrenen Zug gesprungen, um in Nürnberg Wielopole, Wielopole des polnischen Regisseurs, Malers und Theoretikers Tadeusz Kantor zu sehen. Sie wird Fritsch den größten, prägenden Schock versetzen. In Kantors Spektakel von 1980 brechen die Soldaten des Ersten Weltkrieges in das Zimmer der Kindheit ein und verwüsten es. Das Zentrum von Fritschs Dramatik besteht ähnlich wie bei Kantor im Aufspüren der minderen Geschichte, die immer lehrreicher ist als die große Politik.