Es gibt Filme, die auf einem Festival einschlagen wie eine lautlose Bombe. Tropical Malady des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul ist ein solches Werk des leisen Schocks. Im vergangenen Jahr verstörte und begeisterte es die Filmfestspiele von Cannes. Die Jury und ihr Präsident Quentin Tarantino zeigten sich aufgewühlt, die New York Times erkannte in dem jungen Regisseur sofort einen der aufregendsten Filmemacher seiner Zeit, und die internationalen Feuilletons schlugen enthusiastische Purzelbäume. Am faszinierendsten aber war, dass eigentlich niemand so genau sagen konnte, was man da eigentlich gesehen hatte, ja dass selbst die leidenschaftlichsten Anhänger des Films unumwunden zugaben, ihn letztlich nicht verstanden zu haben. Erotik der Schrift - Tong (Sakda Kaewbuadee) liest einen Liebesbrief seines Freundes BILD

Für Irritation sorgte schon die Tatsache, dass Tropical Malady aus zwei Teilen besteht, die auf den ersten und womöglich auch auf den zweiten Blick nichts miteinander zu tun haben. Zunächst wird die zarte Liebesgeschichte zweier junger Männer erzählt: die Romanze zwischen dem Soldaten Keng und seinem jungenhaften Freund Tong. Man schaut ihnen zu, wie sie Briefchen austauschen, mit Blicken flirten und auf ihrem Lieblingsplatz, einer langen Holzveranda am Stadtrand, sitzen. Es herrscht eine spielerische Vertrautheit, so als sei die Leidenschaft noch aufgeschoben, verdrängt, nicht zugelassen. Auf dem Land, bei Tongs argwöhnischen Eltern, fallen die beiden zurück in jungenhafte, fast kindliche Gesten. Im Kino der nahen Stadt hingegen werden Kengs Berührungen langsam drängender. Gemeinsam mit dem Hin und Her von Flirt und Zurückweisung lässt der Film sich treiben, pendelt zwischen der beschaulichen Provinz und den schrillen Erscheinungen der thailändischen Popwelt. Auf einem Marktplatz treffen sich Hausfrauen zu zackiger Disco-Gymnastik, die Kamera blickt den Männern beim Computerspielen über die Schulter, und ein Restaurantbesuch geht in eine sehnsüchtige Schlagerperformance über.

Völlig unvermutet taucht der Film gemeinsam mit denselben Darstellern hinab in eine völlig andere Geschichte. Nach einer langen Schwarzblende befinden wir uns plötzlich in einer alten Khmer-Erzählung, in den tiefsten Tiefen des mythologischen Unbewussten. In dieser Erzählung jagt ein junger Soldat im Dschungel einen riesigen Tiger. Oder einen Schamanen, der die Gestalt eines Tigers angenommen hat. Dieser Dschungel ist die eigentliche Sensation des Films, ein Urwald, wie man ihn im Kino noch nie gesehen hat. Er besteht aus einer Tonspur, auf der sich das Insektengezirpe, das Knacken der Äste, das Rascheln des grün verschatteten Dickichts zu einer geheimnisvollen Wand auftürmen. Wie von einer unsichtbaren Macht gezogen, begibt sich die Kamera gemeinsam mit dem Soldaten immer tiefer in den Wald hinein. Während sich an den Unterschenkeln des Jägers Blutegel festsaugen, während der Mann weiter ins Dickicht dringt, sein Funkgerät und seine Uniform hinter sich lässt, während er Schnecken isst und sich zur Tarnung mit Schlamm einreibt, begreift man, dass etwas Unerhörtes im Gange ist.

Man könnte diesen zweiten Teil, in dem der Jäger immer animalischer wird, als Kommentar des ersten sehen. Als Parabel vom Menschen, der trotz seiner Liebesfähigkeit und vermeintlichen Zivilisiertheit eine instinktgesteuerte Kreatur bleibt. Man könnte die Dschungelerzählung auch als Fortführung der Liebesgeschichte lesen. Als mythologischen Exkurs, in dem die Metaphorik der Jagd und des Gefressenwerdens von der anderen, grausamen Wahrheit der Gefühle erzählt.

Man kann das Interpretieren aber auch einfach sein lassen. Und mit Apichatpong Weerasethakuls hypnotischen Bildern in den Wald gehen. Da ist zum Beispiel die Aufnahme eines riesigen Baumes, der in der Nacht minutenlang durch das Licht der Glühwürmchen zu pulsieren scheint. Als sei der Baum ein fremdartiges Lebewesen, eine riesige phosphoreszierende Qualle, die sich ins falsche Element verirrt hat. Oder die Szene, in der sich Jäger und Tiger eine Ewigkeit lang ins Auge blicken. In der Schwärze der Nacht hört man das langsam lauter werdende Zähneklappern des Mannes. Und die Zeit scheint wie eingesogen von der ewig flirrenden Urwaldwand.

Tropical Malady geht über unser klassisches Bilder- und Geschichtenverständnis hinaus. Womöglich gibt es auch gar nicht so viel zu verstehen in einem Film, der auf einer anderen, physischen Art der Wahrnehmung beruht. Einer Wahrnehmung, in der die Unterschiede zwischen Mensch und Wald, Geist und Tier unaufhaltsam vom Grillenzirpen eingeschmolzen werden. Wer sich Weerasethakuls Kino überlässt, den wird sein unheimlicher Seelendschungel, in dem jedes Käferbeinchen an unsere Kreatürlichkeit erinnert, so schnell nicht mehr loslassen.