VOGELGRIPPE Angst im Anflug
Deutschland und die Vogelgrippe: Begegnungen und Beobachtungen in einem verunsicherten Land
Beginnen wir mit der Angst. Viel mehr gibt es im Moment auch nicht. Wolfgang Schmidbauer ist unser Mann für die Angst. Er hat hellgraue Haare, die ihm etwas schräg vom Kopf abstehen. Er hat dunkle Augen, die einen anblicken und doch durch einen hindurchschauen. Er hat eine Stimme, die schon deshalb beruhigend wirkt, weil ein süddeutscher Akzent immer beruhigend wirkt. »Angst«, sagt diese Stimme, »kann man gar nicht behandeln.«
Wolfgang Schmidbauer ist Psychoanalytiker, gerade hat er ein Buch geschrieben, das heißt Lebensgefühl Angst. Darin beschreibt er das, was er Angstdynamik nennt, die Multiplikation der Ängste in der Konsumgesellschaft. Es gibt die begründbare und die neurotische Angst, die hypochondrische Angst und die Angst, die nicht als solche erkennbar ist und direkt in die Panikattacke führt. Jeder zehnte Deutsche nimmt heute ein Mittel gegen Ängste, Tavor, Tranquilizer, Benzodiacepine. »Je mehr ein Mensch besitzt«, sagt Schmidbauer, »desto ängstlicher wird er.«
Die Angst ist wie ein Virus. Sie will immer wachsen, will sich ausbreiten. Wir tragen die Angst in uns, weil wir Menschen sind, das ist so, anthropologisch gesehen. Wir brauchen die Angst als Schutz, um zu überleben. Aber die Angst ist aggressiv, sie fasziniert, sie macht Lust, sie kann süchtig machen, sie sucht sich immer größere Ängste, an die sie andocken kann. Wir bauen uns eine Achterbahn, wir springen an Gummiseilen von Brücken, wir brauchen unsere Pandemie. Wir brauchen die Bilder von Menschen in Schutzanzügen und mit Atemmasken, Emblem unseres neuen Jahrhunderts. »Es ist ein Bedürfnis da«, sagt Schmidbauer, »sich auf die jeweils sensationellste Angst zu stürzen.« Die Angst erschafft sich selbst.
Es wird Zeit, der nächste Patient wartet. Wolfgang Schmidbauer sitzt in seiner Praxis in der Ungererstraße in München. Draußen ist Schwabing. Drinnen sind die Ängste bürgerlich. »Die Medien überschätzen die Ängste der Leute«, sagt Schmidbauer. »Und meine Patienten sind eh viel zu sehr mit ihren eigenen Ängsten und mit sich selbst beschäftigt.«
Wer wirklich Angst hat, der fürchtet sich nicht vor der Vogelgrippe. Angst, könnte man sagen, impft einen gegen Angst.
Die Bild- Zeitung hat eine Hotline eingerichtet. Katja S., 27, Hausfrau aus Rostock, fragt: »Mein Sohn ist krank. Darf ich ihm noch Hühnersuppe kochen?«
Kurs der Roche-Aktie, 21. Januar 2005: 127,5 Schweizer Franken
- Datum 27.10.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.10.2005 Nr.44
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