Von der Pisa-Studie, die an diesem Donnerstag vom Kieler Bildungsforscher Manfred Prenzel und den Kultusministern der Länder vorgelegt wird, hatte man keine großen Überraschungen erwartet. Der aufsehenerregende Teil, die Rangliste der Bundesländer, wurde schon im Juli veröffentlicht: Bayern weiter vorn, Länder wie Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen, aber auch das Schlusslicht Bremen legen zu (ZEIT Nr. 30/05). Getestet wurde, wie gut 15-Jährige lesen und rechnen können, was sie von den Naturwissenschaften verstehen und wie gut sie Alltagsprobleme lösen können. Erwartet wurden Hintergrundinformationen zu einzelnen Schulformen, zur Bildungsbeteiligung der Einwandererkinder und zur Nutzung von Computern, also Leckerbissen für Experten.
Doch nun darf auch das breite Publikum staunen. BILD

Überraschung Nummer eins: Die Vorab-Berichte zur Pisa-Studie, die seit vergangenem Sonntag über Zeitungen, Radios und Fernseher verbreitet wurden, basieren auf einer Ente. Angeblich, so las man allerorten, entscheide die soziale Herkunft in Deutschland »immer stärker« über den Schulerfolg eines Kindes; die Chancenungleichheit habe seit der ersten Pisa-Studie noch zugenommen. In die Welt gesetzt wurde diese Fehlinformation von der Deutschen Presseagentur (dpa). Offensichtlich haben ein dpa-Redakteur oder sein Informant Statistiken falsch interpretiert (Pisa lässt grüßen!) und ihre Interpretation dann ungeprüft verbreitet.

Das ist besonders ärgerlich, weil die soziale Ungerechtigkeit tatsächlich die klaffende Wunde unseres Schulsystems ist; das hat die erste Pisa-Studie aus dem Jahr 2000 klar belegt. Nur in wenigen anderen Staaten sind die Leistungen der 15-Jährigen so stark an die soziale Herkunft gekoppelt wie hierzulande. Und das Kind eines Professors hat – bei gleicher Schulleistung in der vierten Klasse! – eine rund viermal so große Chance, aufs Gymnasium zu wechseln, wie das Kind eines Facharbeiters.

Daran hat sich bis heute nichts geändert, was skandalös genug ist. Aber die Lage hat sich nicht, wie fälschlich behauptet, verschlimmert. Wer nun Alarmismus betreibt, der desavouiert die notwendige Kritik an der Ungerechtigkeit und fördert die Resignation gerade bei den Bildungsverlierern.

Überraschung Nummer zwei: Die Schule ist nicht so machtlos, wie häufig geklagt wird; engagierte Lehrer und Schulleiter können Schüler auch unter schlechten Rahmenbedingungen zu guten Leistungen führen.

Um das zu verstehen, lohnt sich der Blick auf eine Einteilung der Schulen, die die Pisa-Forscher erstmals vorgenommen haben: Sie unterscheiden nun einerseits zwischen »belasteten« und »unbelasteten«, andererseits zwischen »aktiven« und »passiven« Schulen. Beide Unterscheidungen sind kombinierbar; sowohl unter den belasteten als auch unter den unbelasteten Schulen gibt es also aktive und passive.

Belastete Schulen sind jene, die es objektiv schwer haben. Sie leiden unter schlechter Ausstattung etwa der Chemieräume, unter dem Mangel an Fachlehrern oder einem hohen Anteil verhaltensauffälliger Schüler. Stolze 59 Prozent der deutschen Lehranstalten fallen in diese Kategorie; die restlichen gelten als unbelastet. Naheliegend und durch die jüngste Untersuchung bestätigt ist die Vermutung, dass schlechte Rahmenbedingungen dem Lernerfolg der Schüler entgegenstehen.