Schüleraustausch

Amerika lockt

Nach dem Nein Deutschlands zum Irak-Krieg blieben viele deutsche Schüler aus Angst vor Mobbing zu Hause. Jetzt gehen sie wieder gern für ein Austauschjahr in die USA

Die großen Lettern erinnern Katharina Eichhorn jeden Morgen um kurz vor halb neun an das, was in diesem Schuljahr für sie wichtig sein soll: »Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird Euch befreien«, dieses Bibelwort prangt in Blockbuchstaben an der Berkeley High School, einem Art-déco-Bau aus den vierziger Jahren. Eigentlich geht die 16Jährige auf das Berliner Heinrich-von-Kleist-Gymnasium, sie ist Austauschschülerin und erst seit Mitte August in Berkeley.

Bevor sie loszog, hatte Katharina Eichhorn einige Gruselgeschichten von ihren Mitschülern über die USA gehört. Die von der Familie etwa, die ihrem Gastschüler eine große Freude machen wollte – und die Geburtstagstorte mit einem Hakenkreuz garnierte. Eichhorn schreckte das nicht: »Ich habe meinen Mitschülern gesagt, ich werde es mir anschauen und mir meine eigene Meinung bilden.«

Sie wollte die Wahrheit herausfinden, und die sieht ganz anders aus, als ihre Mitschüler vermutet hatten: Pöbeleien wegen der Nazis, wegen des deutschen Neins zum Irak-Krieg? Fehlanzeige. Eher ein bisschen Desinteresse. »Hier ist ein Austauschschüler schließlich nichts Besonderes.«

Das klang vor zwei Jahren noch anders. Damals überschlugen sich deutsche Medien mit Horrorberichten aus den USA (ZEIT Nr. 16/03). Das deutsche Nein zum Irak-Krieg habe amerikanische Gastfamilien erzürnt, deutsche Schüler würden auf dem Pausenhof »gehänselt und gemobbt«, stünden vor den »Trümmern ihrer amerikanischen Traumwelt«, müssten sich dann zum Weinen auch noch auf dem Klo einsperren. Journalisten bestürmten Austauschorganisationen auf der Suche nach traumatisierten Heimkehrern – und legten bei Interviews mit Schülern auf, wenn diese nichts Schlechtes zu berichten hatten. Vieles war übertrieben, einiges falsch. »Da gab es viele große, plakative Darstellungen«, klagt die Schüleraustausch-Expertin Sylvia Schill. Ohnehin hatten viele Austauschschüler den USA nach dem 11. September 2001 den Rücken gekehrt; gab es vor den Terroranschlägen noch 12000 Gastschüler pro Jahr, sank die Zahl danach auf 9000 – und stagnierte während des Irak-Krieges auf diesem niedrigen Niveau.

Doch jetzt kehren die Austauschschüler zurück, nicht nur vereinzelt, sondern in Scharen. »Im kommenden Jahr werden wir wieder auf dem Niveau von vor dem 11. September liegen«, prognostiziert Schill. Auch bei der Austauschorganisation Youth for Understanding (YFU) gibt es dieses Jahr 50 Prozent mehr Bewerber als 2004. Zwischenzeitlich war die Zahl der Gastschüler um ein Drittel eingebrochen.

Die Aufregung hat sich gelegt, massenmedial verbreitete Geschichten gemobbter Deutscher gibt es nicht mehr. »Auseinandersetzungen um Politik kommen so gut wie nicht mehr vor«, sagt YFU-Sprecher Andre Haberzeth. Auch die Austauschexpertin Schill sagt: »Ich kann vollkommen Entwarnung geben, für die Jugendlichen spielen die politischen Fragen keine Rolle mehr.«

Die Deutschen kehren aber auch zurück, weil ein Austauschjahr für viele Jugendliche mittlerweile zum festen Bestandteil ihrer Schullaufbahn gehört. Nach einer Erhebung des Recherchen-Verlags sind Hamburger Pennäler am reisefreudigsten, während rheinland-pfälzische Schüler lieber zu Hause bleiben. Ganz vorn vertreten sind nicht nur die Stadtstaaten, sondern auch die ostdeutschen Länder Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen (siehe Grafik).

Anders als Katharina Eichhorn landen die allermeisten Schüler aber nicht in Orten wie Berkeley vor den Toren San Franciscos, liberal, lebendig, großstädtisch, sondern auf dem Dorf.

Wiebke Siemann etwa kehrte im Juni aus den USA ins niedersächsische Stolzenau zurück; die 18-Jährige verbrachte das vergangene Schuljahr im 500-Seelen-Kaff Ansley im Bundesstaat Nebraska, »wirklich in the middle of nowhere«. Ihre Schule hatte 200 Schüler vom Kindergarten bis zur 12. Klasse, im Highschool-Zweig lernten 85, und die kleinste Klasse bestand aus bloß sechs Leuten. Ihre Gasteltern waren Abtreibungsgegner, die bei der letzten Wahl für George W. Bush gestimmt hatten. Siemann selbst engagierte sich in Deutschland als Kreisschülersprecherin und hält sich für »im Zweifelsfall links« .

Alle Anzeichen standen auf Konflikt. Doch der blieb aus. Zu Hause mied sie politische Debatten, in der Schule war etwa die Hälfte der Schüler politisch gemäßigt, und als zwei Mitschüler mit »Heil Hitler« grüßten, machte Siemann schnell klar, was sie davon hält. Wiebke Siemann stieß sogar auf ein großes Interesse an Deutschland. »Über die Hälfte der Leute wollte gern nach Europa fahren«, erzählt sie. Sie selbst würde ihren Austausch jederzeit wiederholen. Dass die Zahl der Austauschschüler zurückgegangen ist, erklärt sie sich vor allem mit den Ängsten vieler Eltern. »Die machen sich einfach viel zu viele unbegründete Sorgen.«

Anzeige
Leser-Kommentare

  1. 1. ..

    hmm irgendwie war mir das zu kurz und ich hätte gerne weiteres über die politischen debatten im unterricht gelesen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren
  • Von Manuel J. Hartung
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 03.11.2005 Nr.45
  • Kommentare 1
  • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Medien | Schüler | Schule | Bildung | Krieg | Berichterstattung | | | |
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service