Italien Vorbild Jesus
Mit seiner TV-Show »RockPolitik« wird der Sänger Adriano Celentano zum Gegenspieler Berlusconis – und 15 Millionen schauen zu
Da auch ich Adriano heiße, habe ich Celentanos Ruhm ermessen gelernt. Wenn man in Tschetschenien an einem russischen Checkpoint angehalten wird, mit vorgehaltener Kalaschnikow und grimmigem Blick, und die Soldaten lesen den Namen im Pass und schauen auf einmal fröhlich drein und sagen: »Adriano Celentano, ah, ah« – dann segnet man ihn. Er hat sich nicht damit begnügt, auf der Welt zu sein, um zu singen und zu tanzen und Filme zu drehen. Er hat daran gedacht, dass man verpflichtet ist, sich um die Welt zu kümmern und sie womöglich zu retten. Dabei stützt er sich auf seine »Ignoranz«, was ihn der Gefahr aussetzt, ein bisschen demagogisch zu werden. Er sagt: »Als ich noch nicht ignorant war«, so wie ein anderer sagen würde: »Als ich noch nicht gescheit war.«
Alle vier Jahre, wie die Olympiaden, überlässt ihm das öffentlich-rechtliche Fernsehen Italiens eine Show in vier Folgen, und schon Monate vor der Ausstrahlung legt die herrschende Klasse (in Fernsehen und Politik, der Unterschied wird immer geringer) ihre Seele in Gottes Hand. Vertragsgemäß erhält Celentano die volle Macht. Das Publikum fragt sich, was er diesmal erfinden wird, dieser Teufelskerl. Nicht dass seine Erfindungen so diabolisch wären. Zum Beispiel die Pausen: Er steht in der Mitte des Bildes und schweigt. Im Fernsehen sind die Minuten Gold wert. Er vertrödelt sie. Das Publikum ist so sehr an den televisionären Horror Vacui gewöhnt, dass es ihm zurufen möchte: Hey, so geht das nicht, man kann die Minuten nicht zum Fenster hinauswerfen! Beim nächsten Mal befiehlt Celentano dem Publikum, gemeinsam – eins, zwei, drei! – auf einen Konkurrenzkanal umzuschalten. Das Schöne daran ist, dass er keineswegs scherzt. Er meint es ernst. Sein Vorbild, dass wir uns recht verstehen, ist Jesus.
Celentanos Stärke ist, dass er zu keinem politischen Lager gehört
Diesmal fällt die Rückkehr Celentanos in die letzten Monate (wenn es denn wahr wird) der Amtszeit Silvio Berlusconis. Der Name Berlusconi wird nur im Zusammenhang mit dem Begriff der Anomalie ausgesprochen. Er ist der reichste Mann Italiens, Besitzer der drei größten privaten Fernsehanstalten und von entscheidendem Einfluss auf die drei öffentlich-rechtlichen Sender. Eine völlig verrückte Sache, sagen wir. Eines Tages im Jahre 2002, zurückgekehrt von einer Reise nach Bulgarien, empörte sich Berlusconi über die Parteilichkeit dreier TV-Größen, die gegen ihn polemisierten: des Altmeisters unserer Journalisten, eines Talkmasters für Politrunden und eines kaustischen Komikers. Das Ganze wäre ein Ausbruch von schlechtem Geschmack geblieben, wären die drei nicht kurzerhand aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen geflogen. So aber wurde es zu einem abscheulichen Fall von Präpotenz und politischer Repressalie.
Nun hat Celentano beschlossen, seine Vollmacht zu nutzen, um jener Episode Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Seine Stärke liegt in der Unmöglichkeit, ihn einem politischen Lager zuzuordnen, nicht einmal dann, wenn man wie Berlusconi dazu neigt, Kommunisten noch unter den unwahrscheinlichsten Hüllen aufzuspüren. Celentano ist Celentanist. Und er ist so populär, dass ein Versuch, ihn zu zensieren, politischer Selbstmord wäre. Daher kann er’s drauf ankommen lassen, und das tut er. Man muss freilich sagen, dass Berlusconis Beliebtheit seit einiger Zeit stark abnimmt. Der Mann ist zäh und skrupellos, und er hat eine populistische Ader, die es ihm andere Male ermöglicht hat, den Applaus der Leute wiederzugewinnen – auf den er geradezu verrückt ist. Aber er bewegt sich jetzt auf einem gefährlichen Grat, und dieselben Gründe, aus denen er so viel Beifall gefunden hat – er ist reich, kann lügen, erzählt schlüpfrige Witze, hat es geschafft, sich die Haare wieder wachsen zu lassen, und ist vor allem einer, der »sich nicht darum schert«: lauter Eigenschaften, die der männliche Durchschnittswähler in Friedenszeiten schätzt –, all diese Gründe kehren sich jetzt gegen ihn. Und die Komiker laben sich schon an seinem baldigen Leichenschmaus.
So sprengt Celentanos Programm das politische Spiel in Italien. Er hat Michele Santoro eingeladen, den populären Talkmaster, dem vom Fernsehen gekündigt worden war und der vom erzürnten Volk ins Europäische Parlament gewählt worden ist, als Abgeordneter der Linken. Da der Auftritt in einer TV-Show nicht mit der Würde des Europa-Abgeordneten vereinbar war, hat Santoro sogar auf sein Mandat in Straßburg verzichtet, um teilnehmen zu können. Celentano drückte ihm das Mikrofon in die Hand, und Santoro wandte sich an 15 Millionen Zuschauer. Er schlug einen feierlichen Ton an, proklamierte »Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit, Kultur« und beschwor seine Mutter und seine Töchter herauf. Santoro ist so, in der letzten Folge seiner abgesetzten Show hatte er Bella ciao angestimmt, das Kampflied des Partisanenkriegs gegen die Nazifaschisten. Alles gut also? Fast.
Ist Berlusconis Regierung ein Regime wie Mussolinis Diktatur?
In den ersten Jahren Berlusconis war unter den Oppositionellen erbittert darüber diskutiert worden, ob seine Regierung nun ein »Regime« sei oder nicht. In Italien ist das Wort »Regime« ein Synonym für die Diktatur Mussolinis. Wer nicht einverstanden war, gab zu bedenken, dass in Italien trotz aller Handstreiche der Mitte-rechts-Mehrheit, trotz aller Verfassungsänderungen, trotz aller Gesetze ad personam die Oppositionellen nicht im Gefängnis oder im Exil landen, sondern in einer freien Partei oder in einem der vielen unabhängigen Presseorgane oder, wie eben Santoro, im Parlament. Es ist schon einmal vorgekommen, dass ein italienischer Europa-Abgeordneter sein Mandat in Straßburg niedergelegt hat, und auch damals handelte es sich um einen berühmten Fernsehmoderator. 20 Jahre ist das her, er hieß Enzo Tortora, und ein verleumderisches Komplott »reumütiger« Krimineller sowie gewaltige Justizirrtümer hatten dazu geführt, dass er verhaftet und wegen mafiöser Kontakte verurteilt worden war. Dank der Radikalen Partei ins Europäische Parlament gewählt, wollte Tortora sein Mandat nicht ausüben. Er kehrte nach Italien ins Gefängnis zurück, bis er im Berufungsprozess vollkommen freigesprochen wurde. Er bekam sein Mikrofon im Fernsehen wieder, doch nur für kurze Zeit, denn in den Jahren seiner Qualen war er an Krebs erkrankt, und 1986 ist er daran gestorben.
Würden wir uns seiner erinnern, wären wir bemüht, unsere Verfolgungen mit ironischer Mäßigung zu betrachten. Denn bisher haben wir in Italien kein »Regime«, sondern etwas weniger und etwas mehr. Wir haben immer noch Demokratie in Italien, aber die Jahre mit der Regierung der Postfaschisten, der Fremdenfeindlichkeit der Lega Nord und der Skrupellosigkeit Berlusconis haben die Stimmung eines schon zur Aufgabe und zum Zynismus neigenden Landes sanft gedrückt. Schlager und Satire stehen an der Grenze zwischen Resignation und Aufstand. Bleiben wir dran.
Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber
Adriano Sofri, geboren 1942 in Triest, gründete 1969 die außerparlamentarische Organisation Lotta continua. 1988 wurde er beschuldigt, den Mord an dem Polizisten Calabresi im Jahr 1972 organisiert zu haben. Nach neun skandalösen Prozessen wurde er 1997 zu 22 Jahren Haft verurteilt; seit 2000 sitzt Sofri seine Haftstrafe in Pisa ab
- Datum 03.11.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.11.2005 Nr.45
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