Es war mal wieder an der Zeit für Joseph Blatter, die Auswüchse des modernen Profifußballs anzuprangern. Vor kurzem unterstellte der Chef des Weltfußballverbandes (Fifa) den reichen Klubs dieser Welt Methoden eines "Wildwest-Kapitalismus" und brandmarkte teure Spielertransfers als "moderne Form der Sklaverei". Viele kleine Vereine kämpften laut Blatter im Profifußball noch mit Lanzen, während einige Glückliche dank ihrer finanziellen Möglichkeiten über großes Geschütz verfügten. Wegen der Fifa-Regeln muss die AOL-Arena umbenannt werden BILD

Nun sollte, wer im Glaskasten am Züricher Sonnenberg sitzt, nicht mit derlei Begriffen um sich schmeißen. Im nächsten Jahr findet die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland statt, und das Turnier ist Joseph Blatters einziges Produkt, von dessen Vermarktung sein Verband vier Jahre lang lebt. Weil das so ist, verteidigt Blatter sein Produkt mit Methoden, die, um es mit seinen eigenen Worten zu sagen, einer Riesenkanone ähnelten.

Die Fifa setzt alles daran, um in und um die Stadien jegliche Werbung zu kontrollieren, alles Unerwünschte zu verbannen und ganz Deutschland – soweit möglich – in ein Fifa-Land zu verwandeln: zumindest für ein paar Wochen. Wer darf Bilder von der WM auf einer Großleinwand zeigen? Wer darf das WM-Logo auf T-Shirts, Überraschungseiern, Hanuta-Waffeln oder anderen Produkten nutzen (siehe nebenstehenden Text)? Die Fifa will nicht nur kontrollieren. Sie muss. Denn sie kassiert von ihren Sponsoren insgesamt 752,4 Millionen Euro für das Recht, exklusiv mit der WM werben zu dürfen. Als "offizielle Partner" sind 15 Konzerne dabei, darunter adidas, Coca-Cola, der Bierkonzern Anheuser Busch (Bud), Fujifilm, Mastercard, McDonald’s, Toshiba, die Deutsche Telekom, der Reifenkonzern Continental oder der koreanische Autobauer Hyundai; als "nationale Förderer" treten der Versicherungskonzern Hamburg-Mannheimer, die Postbank, die Sportwette Oddset, die Baumarktkette Obi, der Energiekonzern EnBW und die Deutsche Bahn auf.

Damit die Sponsoren ihre Produkte ungestört vermarkten können, haben sich die zwölf WM-Städte strengen Auflagen unterwerfen müssen. Das war eine der Fifa-Forderungen aus der Zeit, als die deutsche WM-Delegation noch um das Turnier pokerte. Damals haben sich die meisten Städte verpflichtet, im Umfeld der Stadien einen "lizenzierten Bereich" zu schaffen, die so genannte Bannmeile, in der ausschließlich die exklusiven Geldgebern der Fifa Reklame machen dürfen.

Jetzt stehen die Bürgermeister vor dem Dilemma, einerseits ihre Pflichten gegenüber der Fifa zu erfüllen, andererseits aber die lokalen Unternehmer nicht zu arg vor den Kopf zu stoßen. Egal, ob Kioskbesitzer oder Plakatwandbetreiber – auch innerhalb der Bannmeile dürfen die Städte an sich nicht einfach Verträge zulasten Dritter abschließen. "Nur wegen der Fifa dürfen sie nicht ihr übliches Ermessen gegenüber den Bürgern einschränken", sagt Konstantin Wegner von der Kanzlei Schwarz Kelwing Wicke Westpfahl in München. Doch viele Bürgermeister haben es getan – und haben jetzt mit den Folgen zu kämpfen.

Welch absurde Auswüchse das Fifa-Regiment bisweilen annimmt, bekam Peter Schwenkow zu spüren. Im Januar dieses Jahres erhielt der Chef der Deutschen Entertainment AG einen Brief. Absender: die Stadt Berlin, Senatsverwaltung für Jugend, Schule und Sport. Die Stadt bittet den Pächter der Freiluftarena Waldbühne darum, an den Tagen, an denen während der WM 2006 im Berliner Olympiastadion gespielt werde, möge er seine Bühne doch bitte schließen. Gleiches bitte auch an den Tagen vor den Spielen. Peter Schwenkow hat dem Anliegen der Stadt bis heute nicht entsprochen.

Anruf bei Jürgen Kießling, dem Beauftragten des Berliner Senats für die Fußballweltmeisterschaft. Es gebe keinerlei vertragliche Zusagen an das Organisationskomitee (OK) oder die Fifa hinsichtlich der Waldbühne. "Die Waldbühne liegt nicht innerhalb des von der Fifa lizenzierten Geländes, der Bannmeile, welches die Stadt ab Mai 2006 an das Organisationskomitee der WM übergeben wird." Also kein Problem für Schwenkow?