Den schönsten Blick auf die Frauenkirche hatte man früher, als sie noch eine Ruine war, nämlich von der Fernverkehrsstraße 173 aus. Der sozialistische Automobilist, vom Erzgebirge nach Dresden kommend, über die hügelige Horizontlinie südlich der Elbe talwärts knatternd, sah im Abgasdunst des gesellschaftlichen Fortschritts die von Honeckers Wohnungsbauhöhepunkten fürsorglich umzingelten Residenzstadtherrlichkeiten liegen: Schloss, Hofkirche, Zwingerkarree, "Zitronenpresse" auf der Kunstakademie. Und zuweilen, aus Sehnsucht nach feudaleren Zeiten, stellte der Trabantfahrer sich auch den "Kaffeewärmer" vor, jene steinerne Glocke, die man heute, in der perfekt gefilterten Luft der gesamtdeutschen Frauenkirchen-Begeisterung ungehindert bewundern könnte – wenn da nicht diese sechs Meter hohen Sichtblenden wären.

Denn die einstige F173, die heute Bundesstraße heißt, wird von massiven Lärmschutzwänden flankiert. Als unüberwindliches Bollwerk ziehen sie sich an einer mäßig befahrenen, aber dafür umso besser ausgebauten Piste entlang. Verlässlich schützen sie Felder, Gewerbeflächen sowie die hinterbliebenen Bewohner des Plattenghettos Dresden-Gorbitz vor dem gefürchteten "Krach" einer nach 21 Uhr nahezu verwaisten Rennstrecke. Nur gelegentlich ragt ein hohläugiges Geisterhaus in den stillen Himmel und löst ein beklemmendes Brave New World- Gefühl aus. Diese nagelneuen Wände und dahinter der Leerstand! Diese vorwärtsstürmenden Trassen durch die Abrisszone Ost! Es ist ein Szenario wie aus Michelangelo Antonionis Film Die rote Wüste. Da spürt man die Unentrinnbarkeit der Modernisierungstristesse, eine nicht enden wollende Aufbauwut, die (auch weiterhin befeuert durch die Parole: "Alles zum Wohle des Volkes!") Landschaften in Sperrgebiete und Städte in Betonödnisse verwandelt.

Dabei hat die Dresdner Reise zurück in die Zukunft des autogerechten Planens gerade erst begonnen. Im März 2006 rollen die Bagger an für den Bau eines wirklich skandalösen Nachwendeprojekts, der so genannten Waldschlösschenbrücke. Zu DDR-Zeiten geplant als Verbindung zwischen den Industriegebieten im Norden und den Schlafstädten im Südosten, soll sie als vierspurige Autotrasse an der reizvollsten, breitesten Stelle der Elbauen in die Landschaft geschlagen werden. Und weil die Unesco, als sie die Elbauen zum Weltkulturerbe erklärte, das kleingedruckte Brückenvorhaben mit akzeptierte, gilt der Irrsinn nun als vernünftig. Von der Frauenkirche aus zirka zweieinhalb Kilometer elbabwärts soll das Monstrum künftig den Fluss überspannen. 157 Millionen Euro sind für den komplizierten Verkehrszug veranschlagt, der "aus Spargründen" ohne Straßenbahn konzipiert wurde. Zum Vergleich: Der Rügendamm kostet 80 Millionen, eine normal weite Elbquerung an unproblematischer Stelle wäre schon für 20 bis 30 Millionen zu haben.

Doch die Dresdner CDU-FDP-Regierung sieht die 90 Prozent Zuschüsse, die das Land Sachsen für die Waldschlösschenbrücke zahlen will, offenbar als Geschenk an, das von Himmel fällt. Dabei wird die Kommune noch genug Mühe haben, ihren Eigenanteil zusammenzukratzen, denn sie ächzt bereits unter einem Schuldenberg von 800 Millionen Euro und hat kein Geld für die dringliche Sanierung ihrer fünf alten Brücken. Das Blaue Wunder müsste runderneuert werden, und an der Albertbrücke stürzen schon die Sandsteinblöcke herunter. Wie verzweifelt die Lage ist, zeigt sich auch an dem Beschluss, sämtliche Immobilien der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft Woba zu veräußern, um das Haushaltsloch zu stopfen. Trotzdem hat das Verwaltungsgericht Dresden Anfang Oktober die letzten Eilanträge gegen den Baustart an der Elbe abgewiesen, kommenden Donnerstag endet die europaweite Ausschreibung für den Brückenbau nach einem Entwurf der Berliner Architekten Kolb und Ripke.

Während die Verwaltungsmühlen mit bedrohlichem Knirschen mahlen, bleibt jedoch draußen am Waldschlösschenhang die Realisierung der Katastrophe unvorstellbar. Da erstreckt sich die Wiese endlos zum Strom hinab, da flanieren winzige Spaziergänger durch ein Panorama wie aus dem 19. Jahrhundert, da streuen alte Bäume goldenes Laub ins Blaue, und im Hintergrund, wenn man zu den Brühlschen Terrassen schaut, schwebt die Kuppel der Frauenkirche. Dresden vom rechten Elbufer oberhalb der Augustusbrücke: So hieß Canalettos erstes Ölgemälde, das er 1747 für August III. schuf, ein Waldschlösschen-Blick, nur etwas näher an die Stadt gerückt. Einerseits das sanfte Flussufer, andererseits die erhabene Frauenkirche: Dieser Zusammenklang aus landschaftlicher Weite und städtebaulicher Öffnung scheint den venezianischen Maler am meisten beeindruckt zu haben. Erst 1748 entstand das berühmte Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke, jener postkartenbeliebte Canaletto-Blick, auf den die Stadt sich so viel einbildet, dass sie glaubt, das Idyll am Waldschlösschen ruinieren zu dürfen.

Stur berufen die Brückeneuphoriker sich auf den so sanft und flach wie möglich ausgefallenen Entwurf. Doch vier Spuren bleiben vier Spuren. Und gerade Dresdner Nostalgikern müsste daran gelegen sein, dass die kostbaren historischen Vorzeigeobjekte nicht durch verfehlte Infrastrukturpolitik entwertet werden. Auch in dieser Stadt hat man Einkaufsparks auf die grüne Wiese geklotzt, anstatt die innerstädtischen Nachkriegsbrachen zu nutzen, hat man Eigenheimbau an der Peripherie subventioniert und sich dann über den Leerstand in der City gewundert. Trotz Frauenkirche, trotz demonstrativer Rückbesinnung auf das Konzept der "verdichteten" europäischen Stadt war der Anteil der meist kriegsbedingten innerstädtischen Brachen im Jahr 2003 mit 4,7 Prozent höher als 1951 (3,8 Prozent)! Und nun wird die selbst geschaffene Zersiedelungs-Misere als Argument für den angeblich zwingend notwendigen Straßenausbau genutzt.