Der Vorgang ist seit langem anhängig. Platon machte mal wieder den Anfang, und seither stritt die Kunst mit der Philosophie und die mit der Wissenschaft und die mit der Kunst darüber, was legitimerweise erfunden sei, was rundum gelogen und was bei alledem denn die Wahrheit. Dichter lügen, befand Platon im Dienste seiner Ideenlehre. Aristoteles hielt dagegen, dass der Mensch ein Erfinder sei wie die Natur, die eben von Natur aus fortgesetzt Neues hervorbringe, weswegen das auch dem Menschen gestattet sei, auf dass die Wirklichkeit reicher werde oder gar erst erkennbar.

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann, der nun aus den historischen Biografien zweier Weltmeister der Wissenschaft einen kühnen Roman gemacht hat, den zahllose Leute lesen, Die Vermessung der Welt, gibt in aller Gelassenheit zu, dass er lügt, ähnlich wie Thomas Mann in Lotte in Weimar oder Thomas Pynchon in Mason & Dixon. Genauer: Wäre sein Protagonist, der Mathematiker Karl Friedrich Gauß, noch am Leben, stellt Kehlmann fest, "so hätte keine noch so ausgefeilte ästhetische Theorie mich schützen können – nicht vor einer Verleumdungsklage, nicht vor seinem Zorn".

Wissenschaftshistorisch gelehrte Schriftsteller, zumal 30-jährige wie Kehlmann, sind eher knapp. Kehlmann ist allergenaustens unterrichtet über den historischen Gauß und Alexander von Humboldt samt deren Werk. Was übrigens einen seltenen Respekt vor deren Leistung voraussetzt. Aber was er aus dem historischen Rohmaterial macht, einen genialen Griesgram zum einen, der zwischen Bordellbesuchen, Teleskop und Nölerei seine Kinder malträtiert, und zum anderen eine kuriose "Kreuzung zwischen Don Quixote und Hindenburg", die außer der Forschung nichts kennt und schon gar keine Leidenschaft – das ist erfunden.

Ist das denn erlaubt, dass Kehlmann seinen Humboldt trocken bemerken lässt, Erzählen liege ihm nicht, wo doch schon in Goethes Wahlverwandtschaften Ottilie sehnlichst wünscht, nur einmal Humboldten erzählen zu hören? Ist das erlaubt, jene Tochter Therese im Roman wegzulassen, die Gauß so innig liebte, dass er es als Gottesgeschenk empfunden hätte, gleichzeitig mit ihr sterben zu dürfen? Statt des Sohns Joseph den anderen, Eugen, mit auf die Landvermessungstouren zu schicken, der im Übrigen auch nicht einfach ein blöder Versager war, sondern in Amerika zum erfolgreichen Unternehmer wurde? Und so fort?

Erlaubt? Das ist erfunden – um die Geschichte der modernen Vernunft umzuschreiben. Um im Erhabenen das Komische aufzudecken. Das könnte die Wahrer des Erwiesenen, die Akademien und Forschungsgesellschaften, glatt dazu bringen, ihre Heroen vor dem künstlerischen Rufmord schützen zu wollen, das gäbe mal einen Disput! Die Originale stehen ja jedem in den Bibliotheken zur Besichtigung frei. Ach, könnten die Dichter doch alle lügen wie dieser! Also wissentlich eine andere Wahrheit in Umlauf bringen als die geläufige. Um von den Alten etwas Neues zu lernen, damit nicht alles beim Alten bleibt.