china Elektroschocks gegen das Virus FreiheitSeite 3/3
Dafür war sie ihr Leben lang stur und unbeugsam. Als drittes Kind einer Bauernfamilie ergatterte sie in den achtziger Jahren einen begehrten Fabrikarbeitsplatz in der Stadt. Bei der Arbeit entdeckte sie die korrupten Machenschaften des Sohnes des ehemaligen Fabrikleiters und zeigte beide bei der Fabrikleitung an. Der Sohn schlug sie dafür bewusstlos. Sie zeigte ihn wieder an. Jetzt bildete sich ein Kartell gegen die aufmüpfige Frau: Der neue Fabrikleiter, der Polizeibezirksleiter und der Verwaltungschef des »Ankangs« taten sich zusammen, erklärten Meng für geisteskrank und ließen sie im Ankang verschwinden. Ohne ärztliches Gutachten, ohne Anzeige, ohne Urteil. Später wurde der Schwiegersohn des Ankang-Verwaltungschefs Abteilungsleiter der Fabrik. Ähnlich funktioniert die lokale Mafia überall in China. Doch Meng war ihr auf ihre Art gewachsen. »Ich habe die Hoffnung auf Gerechtigkeit nie verloren«, macht sie sich am Ende ihrer Erzählung Mut. Sie zittert jetzt nicht mehr.
Qiu Jinyou ist ein völlig anderer Typ: lebhaft, wohlhabend, selbstsicher. Er fährt einen gold lackierten »Flyer«, das ist ein chinesischer Kleinwagen. Qiu besitzt ein dreistöckiges Einfamilienhaus. »Ich hatte nie Angst«, sagt der 46-jährige Vizegeneralmanager der Glasfabrik Guanghua in der Provinzhauptstadt Hangzhou. Qius Name ist in Dissidentenkreisen bekannt. Nicht weil er im Jahr 1997 für 208 Tage im Ankang-Krankenhaus der Polizei der Stadt Hangzhou eingeschlossen war. Sondern weil er als Lokalheld im Kampf gegen die Korruption gilt. Vor zwei Jahren organisierte er eine Demonstration von 4000 Angestellten seiner ehemaligen Chemiefabrik – gegen die Fabrikführung, die sich illegal bereichert hatte. Vor 1997 war er Personalchef derselben Fabrik gewesen und der damals schon korrupten Leitung auf die Schliche gekommen. Er sammelte Beweise, 400 Unterschriften und fuhr zum Beschwerdeamt der Zentralregierung in Peking. Die Beamten dort sorgten dafür, dass die Hangzhouer Polizei ihn festnahm und ins Ankang einwies.
Qiu nimmt am breiten Esstisch seines Hauses Platz, seine Frau neben ihm. Er habe viele Freunde, sagt Qiu. Sein Cousin sei ein Studienkollege des Bürgermeisters von Shanghai. Mit seiner Hilfe habe er vor Gericht geklagt. Viermal ohne Erfolg. Seine letzte Klage wurde am 9. Oktober abgewiesen. Qiu gießt sich eine Flasche Schnaps ins Bierglas und lässt die Erinnerungen hochkomnmen: »Die Kommunisten sind grausam. In einem ›Ankang‹ gibt es nichts als Terror und Angst. Nicht einmal Mörder werden dort so behandelt wie diejenigen, die gegen die Regierung aufbegehren. Ich wurde damals drei-bis viermal pro Woche gefoltert. Ich dachte, ich müsste sterben«, sagt Qiu.
Er erzählt, wie er im Ankang von denselben Polizisten mit Elektrostößen gefoltert wurde, die ihn festgenommen hatten. Sie banden ihn mit Stricken an einem Stuhl fest. Sie verlangten von ihm die Namen seiner Mitarbeiter. Sie gaben ihm Medikamente, die ihn krank machten. Er bekam Haarausfall, litt an Spasmen, Zuckungen, Schlaflosigkeit, Nervenschwäche und Gedächtnisverlust.
Das Ankang von Hangzhou liegt weit außerhalb der Stadt in einem landschaftlichen Idyll zwischen Reisfeldern und Teebergen. Es wurde 1954 auf dem Platz einer für die neuen Zwecke abgerissenen buddhistischen Tempelanlage errichtet und war die erste Polizeipsychiatrie Chinas. Wer heute davorsteht, dem erklärt Qiu über das Mobiltelefon, in welchem Gebäude er untergebracht war. Er kann den Weg zur Folterkammer fast wie im Schlaf beschreiben: »Man geht vorbei an drei französischen Platanen.« An den Bäumen hängt dieser Tage eine rote Banderole mit der Aufschrift: »Körperliche und seelische Gesundheit – Glück im ganzen Leben«.
- Datum 03.11.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.11.2005 Nr.45
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Dieser Artikel hat mich betroffen gemacht, lässt aber auch hoffen. Ich danke Herrn Blume für den detaillierten, offenen Bericht und hoffe, dass die chinesische Regierung bald einen besseren Stil findet, als Andersdenke zu foltern und wegzusperren. Ich hoffe auch, dass die Verantwortlichen hierzulande solch einen Bericht zum Anlass nehmen weiter die Bedingungen in den Psychiatrieen zu verbessern und auch vorsichtiger zu sein, wen man weshalb zwngsunterbringen und zwangsbehandeln lässt. Vielleicht hätte in dem Bericht auch noch deutlicher beschrieben werden können, welche Schäden Neuroleptika anrichten und dass sie ja grosszügig zur Dämpfung und zum Mundtotmachen eingesetzt werden bei Dissidenten und bei uns zunehmend bei Pubertierenden, die "schwierig" sind, bei Alten, die möglichst pflegeleicht sein sollen und ....
Viktoria Putt
Da kann ich nur zustimmen! Demokratie hat auch ihre Gettos für Andersdenkende. Die Psychiatrie hier in Deutschland lässt auch noch sehr zu wünschen übrig.
Gut das die Öffentlichkeit wie Presse und TV jetzt mehr über das Thema berichtet. Sie kommt auch hier auf die konservativen Behandlungsformen zurück. Gerade auch in Deutschland boomt die Elektroschockbehandlung wieder neben der Psychopharmaka-Behandlung.
Der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener setzt da total auf Selbsthilfe und Alternative Heilmethoden.
Hompage: http://www.bpe-online.de
Hut ab vor den Menschen, die ungeachtet ihrer eigenen Person für Gerechtigkeit und Freiheit einstehen. Schlimm ist, dass die (demokratische) deutsche Regierung sie dabei nicht unterstützt und das Thema Menschenrechte nicht auf die Tagesordnung bringt, sondern ausschließlich an reibungslosen Wirtschaftsbeziehungen interessiert ist.
Es ist ein Beweis mehr, der klar macht, dass das chinesische Regime ganz klar ein faschistischer ist. Wie kann man mit diesem Land Beziehungen führen, in dieses Land reisen, Waren dieses Landes kaufen, ohne an die tausenden unbekannten Opfer des chinesischen Systems zu denken?
Die Grausamkeit eines solchen Systems oder einer solchen Einrichtung und der dort "arbeitenden" Menschen ist kaum fassbar und das Leid der Menschen, die dort festgehalten werden können wir noch weniger nachvollziehen.
Man kann gegen solche Systeme nicht genug vorgehen.
Das ist unbestreitbar.
Jedoch möchte ich auch erwähnen, dass die Menschen in diesem Land nicht alle zur Partei gehören oder Regierungsmitglieder sind. Wer schon einmal dort war, der weiß wie die Menschen täglich um einen besseren Lebensstandart, Freiheit oder sogar das Überleben kämpfen. Es ist ein grossartiges Volk mit einer mystischen Geschichte. Diese Menschen werden von Boykotts in erster Linie getroffen. Ausserdem ist es nicht (oder nicht nur) unsere Regierung, die die Beziehunngen dorthin erhält, sondern wir Verbraucher, die die halbe Wohnung (evtl. plus KFZ) von diesen Waren vollstehen haben.
Einen Großteil der Verantwortung tragen wir! Und das ist noch bitterer!
Ich will eigentlich keinen Verteidigen und das es solche Vorgehensweisen gibt ist über alle Masse verwerflich und schrecklich.
Aber die Lösung ist nicht immer so einfach wie mancher denken mag.
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