Der Blick geht von der Essener Skyline über die Arena auf Schalke bis ins Münsterland. Thomas Wetterhahn steht auf dem höchsten Hügel des nördlichen Ruhrgebiets, unter dem Betriebsmeister türmen sich 20 Millionen Kubikmeter Müll. Seit 1968 wird Abfall aus ganz Nordrhein-Westfalen auf das Gelände der ehemaligen Zeche Graf Bismarck gekarrt. Inzwischen ist die Zentraldeponie Emscherbruch zu einer der größten europäischen Müllhalden herangewachsen – und zu einer üppigen Energiequelle.

Im Müllberg gärt es nämlich, dabei entsteht Gas. Pumpen befördern das Abfallprodukt in die bis zu 70 Meter tiefen Brunnen, die das gesamte Gelände durchziehen. Im deponieeigenen Blockheizkraftwerk wird es dann verfeuert. "Mit dem Kraftwerk versorgen wir 3000 Gelsenkirchener Haushalte mit Strom und beheizen alle unsere Gebäude", sagt Wetterhahn. Die Nutzung des Deponiegases lohnt sich dreifach: Der Stromverkauf bringt Geld in die Kasse, der Müllberg stinkt kaum noch, und das im Deponiegas reichlich enthaltene Methan entweicht nicht in die Atmosphäre. Dort würde es wesentlich stärker zum Treibhauseffekt beitragen als die gleiche Menge Kohlendioxid aus den Abgasrohren von Kraftwerken und Autos.

Allein in Deutschland produzieren Deponien über drei Millionen Tonnen Methan im Jahr. Vor 20 Jahren hat man begonnen, es aufzufangen – damit das Gas die frisch gepflanzten Büsche und Bäumchen auf abgedeckten Halden nicht zerstört. Inzwischen wird das Deponiegas zum größten Teil abgefackelt. Das vermindert zwar Gestank und Treibhauseffekt, verschenkt aber die Energie. Auf deutschen Müllhalden entsteht Methan mit einem Energiegehalt von rund 50 Milliarden Kilowattstunden im Jahr. Würde es genutzt, könnten zwei Atomkraftwerke abgeschaltet und mehrere Großstädte mit Fernwärme beheizt werden.

Ganz einfach ist das allerdings nicht. Bisher rentiert sich die Gasverwertung ausschließlich auf großen Deponien mit einem hohen Anteil Biomüll. Nur der bildet beim Vergären Methan. Doch seit Juni darf Hausmüll in Deutschland nicht mehr deponiert werden. Die Möwen haben es schnell gemerkt. Weil sie keine Wurstenden, Fischreste und Brotkrümel mehr finden, sind sie von der Zentraldeponie Emscherbruch fast verschwunden.

"In 15 Jahren werden wir unser Methanmaximum erreichen", sagt Betriebsmeister Wetterhahn, danach werde der Müllberg immer weniger Gas produzieren. Dann bekommt das Blockheizkraftwerk der Deponie ein Problem. Gas mit einem Methananteil unter 40 Prozent kann es nicht mehr verbrennen. Als "Schwachgas" müsste es dann wieder abgefackelt werden.

Die hohen Ölpreise machen die Nutzung von Schwachgas rentabel

Oder Ahmad Al-Halbouni kommt zum Zug. Der syrische Ingenieur mit Habilitation an der Universität Magdeburg hat am Essener Gaswärme-Institut (GWI) eine Brennkammer entwickelt, in der auch Schwachgas mit 15 Prozent Methananteil stabil und umweltfreundlich verbrennt. Damit könnten noch mehrere Jahrzehnte nach Stilllegung einer Deponie Mikrogasturbinen angetrieben werden. Im Labor funktioniert das bereits. Ob es auch bei Wind und Wetter auf einer Deponie klappt, soll in den nächsten zwei Jahren erprobt werden. Fast eine Million Euro stehen für das Forschungsprojekt zur Verfügung – ein Viertel kommt aus der Kasse von Industrieunternehmen.