technik von Morgen Soll das Auto die Werkstatt alarmieren?
Bestimmen Sie mit – Wissenschaftler und Politiker möchten Ihre Meinung zu neuen Technologien erfahren. Ein Interview mit der Forscherin Sarah Spiekermann
DIE ZEIT: Sie sind Wissenschaftlerin und wollen in einer Umfrage, die in dieser Woche auf ZEIT online startet, von unseren Lesern wissen, wie sie den Umgang mit neuen Technologien beurteilen. Was ist der Zweck dieser Umfrage?
Sarah Spiekermann: Es geht um die Abschätzung sozialer, ökonomischer und rechtlicher Folgen neuer Technologien. Die Befragung findet für das Bundesministerium für Bildung und Forschung und im Rahmen des Projekts Taucis* statt, welches wir am Institut für Wirtschaftsinformatik der Humboldt-Universität und am Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz in Schleswig-Holstein durchführen.
ZEIT: Was genau wollen Sie von den Befragten wissen?
Spiekermann: Wir möchten herausfinden, wie die Menschen bestimmte Zukunftsszenarien beurteilen. Was empfinden sie bei der Vorstellung, diese oder jene Dienste zu nutzen, und würden sie diese kaufen und gern in Anspruch nehmen? Darüber hinaus möchten wir Einsichten gewinnen, wie die Technik aus Nutzersicht gebaut werden müsste, damit sie menschenfreundlich ist. Und schließlich wollen wir auch noch etwas besser verstehen, wie heute der Datenschutz in Deutschland gesehen wird, denn dieser ist essenziell für die Gestaltungsmöglichkeiten.
ZEIT: Um welche Technik geht es dabei konkret?
Spiekermann: Es geht um Ubiquitäres Computing, kurz auch UbiComp genannt. Übersetzt könnte man es »Allgegenwärtiges Rechnen« nennen. Der Grundgedanke dahinter ist, dass ein Großteil unserer Alltagsgegenstände »intelligent« werden soll. Das heißt: Sie sollen durch Chips oder Sensoren so weit mit Rechenpower ausgestattet werden, dass sie dem Menschen neuartige Serviceleistungen bieten können. Ein gutes Beispiel sind Skipässe. Früher hatte man ein Stück Papier um den Hals hängen, das vom Kontrolleur eingesehen wurde. Heute läuft man durch eine Zugangskontrolle, die den Chip im Skipass automatisch ausliest und überprüft. Außerdem sollen Gegenstände miteinander vernetzt werden, vielfach drahtlos über Funkschnittstellen. Man spricht deshalb in diesem Zusammenhang auch häufig vom »Internet der Dinge«.
ZEIT: Was ist das Neue? Haben wir es nicht heute schon überall mit Computern zu tun, die über das Internet miteinander vernetzt sind?
S piekermann: Ein neuer Aspekt besteht darin, dass der PC seine Bedeutung einbüßen soll. Einige Forscher glauben sogar, dass er komplett verschwindet. Das, was wir heute mit dem PC tun, nämlich schreiben und lesen, kann dann auch ein intelligentes Stück Papier erledigen. Meine E-Mails wird mir das Auto vorlesen, oder ich kann sie von intelligenten Wänden ablesen. Der Mensch soll von vielen Aufgaben durch die Technik entlastet werden. Ich persönlich denke aber, dass es neben vielen potenziellen Annehmlichkeiten – wie dem Skipass – auch Risiken gibt, wenn unsere Alltagsgegenstände ein Eigenleben entwickeln. Das ist etwas anderes, als wenn ich es nur mit meinem PC zu tun habe. Den kann ich nämlich jederzeit ausschalten.
ZEIT: Neue Techniken wurden nicht selten eingeführt, ohne zuvor nach der Akzeptanz zu fragen. Woher kommt die plötzliche Einsicht?
Spiekermann: Ich denke, es gibt zwei wesentliche Gründe dafür, dass man heute stärker über Akzeptanzfragen nachdenkt. Einer ist sicherlich rein betriebswirtschaftlicher Natur. Der Dotcom-Crash 2001 hat vielen Technologieunternehmen gezeigt, dass Marktreife und Kundenakzeptanz immer noch die entscheidenden Faktoren bei der Einführung neuer Technologien sind. Wer geglaubt hat, dass er von heute auf morgen neue technische Dienste und Geräte erfolgreich platzieren kann, ohne sich vorher Akzeptanzfragen zu stellen, der entwickelt leicht am Markt vorbei. Daraus hat man gelernt. Ein zweiter Grund liegt in der Natur des Ubiquitären Computings selbst. Werden Alltagsgegenstände intelligent und sind sie alle miteinander vernetzt, dann wird dies einen großen Einfluss auf unser tägliches Leben in der Zukunft haben; und zwar einen größeren als bisherige Technologien. Darauf möchte man rechtlich und politisch vorbereitet sein.
ZEIT: Welche Visionen treiben die Protagonisten? Und können Sie ein paar konkrete Beispiele nennen?
Spiekermann: Objekte sollen in Zukunft automatisch beziehungsweise von sich aus ihre Umwelt erkennen und dann darauf reagieren. Das ist der Kern der Vision. Ein Beispiel ist ein Auto, welches sich selbst wartet und bei Erkennung von Mängeln automatisch die Werkstatt kontaktiert oder zumindest den Besitzer warnt. Ein anderes Beispiel ist ein intelligenter Kühlschrank, der erkennt, welche Produkte in ihm stehen, und von sich aus Ersatz nachbestellt. Neben solchen Diensten im Privatbereich gibt es aber auch öffentliche Anwendungen des Ubiquitären Computings. Beispielsweise können sich Bücher in Bibliotheken von selbst melden, wenn sie verstellt worden sind. Auch wird damit experimentiert, dass Brücken ihren Zustand selbst diagnostizieren und bei Schäden warnen.
ZEIT: Häufig wurde in den vergangenen Monaten von RFID-Funkchips gesprochen. Wo werden diese schon eingesetzt? Und welche Rolle spielen sie in diesem Zusammenhang?
Spiekermann: Die RFID-Technologie ist technisch sicherlich eine tragende Säule des Ubiquitären Computings. RFID steht für Radiofrequenzidentifikation. Ein kleiner Chip befindet sich in oder an Alltagsgegenständen und wird über Radiowellen automatisch und kontaktlos ausgelesen. Der Skipass funktioniert genau so. An RFID-Technik wird derzeit in Forschung und Wirtschaft sehr stark gearbeitet. Es ist die erste UbiComp-Technologie, die unmittelbar vor der breiten Markteinführung steht.
ZEIT: Welche Perspektiven eröffnen sich durch RFID für die Wirtschaft?
Spiekermann: Positiv wird RFID derzeit insbesondere im Handel gesehen. Dadurch, dass sich RFID-bestückte Objekte quasi selbst mitteilen können – also was und wo sie sind –, kann man Warenströme kostengünstiger und besser steuern. Dort, wo heute Wareneingänge und -ausgänge noch manuell erfasst werden, kann in Zukunft alles automatisch ablaufen. Der Schwund von Produkten wird dadurch deutlich reduziert, ebenso wie der Leerstand von Regalen. Große Handelskonzerne wie Otto oder Metro führen RFID daher derzeit in ihren Zulieferketten ein. Mittelfristig ist RFID auch in den Läden selbst interessant, wo durch die Technik viele neue Informationsdienste entstehen können. Mit diesen neuen Informationen sind jedoch auch Schattenseiten verknüpft: Grundsätzlich ist es möglich, Mitarbeiter und auch Kunden durch RFID stärker zu überwachen. Und so verlockend dies für die Personalführung und die Marktforschung sein mag, so sensibel sind derartige Anwendungen aus Sicht derjenigen, die beobachtet werden.
ZEIT: Welchen Nutzen haben die Verbraucher?
Spiekermann: Mir fallen spontan zwei wesentliche Vorteile ein: Zeitersparnis und mehr Informationen über Produkte. Zeit spart man vor allem durch den Einsatz von RFID bei Zugangskontrollen. Man muss nicht mehr so lange anstehen und warten. Der oben erwähnte Skipass ist das beste Beispiel. Aber auch an Supermarktkassen mag es schneller gehen, bei Sportveranstaltungen wie der Fußballweltmeisterschaft nächstes Jahr, an Grenzübergängen oder bei öffentlichen Verkehrsmitteln.
Ferner sind auf Basis von RFID auch interessante Informationen denkbar, die man früher nicht hatte. Informationen zur Herkunft von Produkten sind ein Beispiel. Aber auch neue Informationsdienste werden derzeit schon vorgestellt: Intelligente Umkleidekabinen können beispielsweise erkennen, was man mit reinbringt, und passende Bekleidungskombinationen empfehlen. Medikamentenschränke können erkennen, ob zwei Packungsinhalte miteinander verträglich sind, und warnen, falls dies nicht der Fall ist. Natürlich muss jeder für sich selbst beurteilen, ob er solche Informationen gebrauchen kann. Und Zeit wird auch nur dann gespart, wenn alles reibungslos funktioniert.
ZEIT: Wer legt fest, welche Informationen durch solche Technologien verarbeitet und gespeichert werden oder mit welchen Datenbanken diese Informationen verknüpft werden?
Spiekermann: Die UbiComp-Technologien und auch alle daran beteiligten Dienstleister und Hersteller befinden sich noch in einer sehr frühen Phase der Produktentwicklung. Ob und wie viele Informationen direkt auf Chips gespeichert werden sollen und wie viele im Netzwerk, ist noch nicht entschieden. Und wer in welchem Umfang worauf zugreifen kann, ist auch noch völlig ungeklärt. Dies ist auch ein Grund für die Taucis-Studie. Hier prüfen die Juristen am Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz in Kiel unter der Projektleitung von Johann Bizer, was aus Sicht des Datenschutzes der sinnvollste Ansatz wäre.
ZEIT: Sie haben den Begriff »Technologiepaternalismus« geprägt. Was meinen Sie damit?
Spiekermann: Technologiepaternalismus ist ein weiteres Thema von Taucis. Ich verwende zur Erklärung gern das Beispiel moderner Autos. Wenn man sich reinsetzt und nicht sofort anschnallt, dann fängt es notorisch an zu piepsen. Für viele Leute, die auch gern mal unangeschnallt einparken, ist dieses Geräusch sehr lästig. Sie können es auch nicht verdrängen, da es zu laut ist. Die Technik zwingt sie also, das zu tun, was vorgeschrieben ist: sich anzuschnallen. Ähnlich wie ein Vater/Pater immer zu wissen meint, was das Beste für seine Kinder ist. Diese Verluste von Kontrollrechten im Namen eines angeblich höheren Besseren machen den Technologiepaternalismus aus. Die UbiComp-Technologie birgt das Potenzial, solche Beschränkungen an vielen Fronten einzuführen.
ZEIT: Kann die Technik so gestaltet werden, dass sie den Wünschen der Bürger entspricht?
Spiekermann: Ja, ich denke, schon. Jede Technologie durchläuft in ihrer Entwicklungsphase eine Anforderungsanalyse. Wenn soziale Faktoren und Akzeptanzaspekte berücksichtigt werden, dann kann man UbiComp-Technologien so gestalten, dass sie unser Leben verbessern. Wichtig ist, dass Unternehmen, die UbiComp-Technik und Dienste entwickeln, sich darüber frühzeitig Gedanken machen.
ZEIT: Glauben Sie, dass sich die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft von den Ergebnissen der Umfrage beeindrucken lassen?
Spiekermann: Ich gehe davon aus. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat sich unter anderem das Ziel gesetzt, frühzeitig Gestaltungsoptionen aufzuzeigen. Taucis ist nun die erste derart umfangreiche Studie in Deutschland, die sowohl auf technische und rechtliche als auch auf ökonomische und soziale Fragen eingeht. Für diese Studie haben wir ein Team von Mathematikern, Informatikern, Psychologen und Juristen aufgestellt, deren Know-how eine sehr fundierte Politikberatung zulässt. Und da die Ergebnisse im nächsten Jahr veröffentlicht werden sollen, besteht auch Einblick in unsere Erkenntnisse und Empfehlungen in Kreisen der Wirtschaft. Vor diesem Hintergrund hoffen wir, dass sich viele Bürgerinnen und Bürger an unserer Umfrage beteiligen werden.
*Taucis steht für Technikfolgen-Abschätzung Ubiquitäres Computing und Informationelle Selbstbestimmung
Die Fragen stellte Gunhild Lütge
- Datum 03.11.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.11.2005 Nr.45
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Wir schwant Schlimmes.Mir wird jetzt schon ganz anders, wenn ich mir vorstelle, dass sich mein Auto so verhalten wird, wie mein PC: Mindestens jeden zweiten Tag erscheint im Armaturendisplay irgendein kryptischer Code und die Aufforderung in die Werkstatt zu fahren. Die Polizei bekommt alle Geschwindigkeitsübertretungen per Funkt ins Haus geliefert und die Abbuchung des Strafzettels erfolgt automatisch über E-Banking. Auch das Finanzamt ist genau informiert, welche Fahrten wirklich betrieblich veranlasst sind und eher privater Natur sind. Und der Markt für Auto-Firewalls blüht, um diese Zustände zu verhindern. Schöne neue Welt.
Aus den Fragestellungen ergibt sich eine gewisse naive Technikgläubigkeit. Muss man eine Sache tun, nur weil sie machbar ist? Die Fa. Electrolux hat schon vor >5 Jahren den intelligenten Gefrier/Kühlschrank avisiert. Will ihn einer? Würde ihn einer bezahlen?
Beispiel: Ich bekomme drei Packungen Rahmspinat geschenkt, der muss aufgebraucht werden. Der Kühlschrank folgert: Mein Boss mag Rahmspinat. Er bestellt neu. Ich esse bis ans Ende meiner Tage widerlichen Rahmspinat oder entwurzle den Kühlschrank (Stecker). Vielleicht ist auch der Bar-Code-Leser defekt und der Kühlschrank bestellt einen Palette Hundefutter, die muss ich dann auch essen oder mir einen Hund zulegen.
Ich fahre schon ein intelligentes (ha, ha) Auto aus Dingolfing mit Internetanschluss etc. Das konnte vor drei Wochen nicht mal mit dem Servicemobil, trotz neuster Software, kommunizieren. Den mechanisch defekten wassergekühlten Generator konnte es weder diagnostizieren, noch gar wechseln. Und welche technische Redundanz besitzt ein Kfz überhaupt , um sich selbst zu reparieren? Vielleicht einen virtuellen Scheibenbremsbelag wechseln? Oder soll das System demnächst Motoröl replizieren? Abenteuerliche Vorstellung. Als Hf-Ingenieur habe ich mich jahrelang mit komplexer Militärelektronik befasst. Die Hälfte der Probleme waren durch Softwarefehler und falsche Sensorinformationen erzeugt. Ich würde die gesamte obige Fragestellung unter "marketing hype" abspeichern. Noch könnte ich ein Auto ohne "keyless go" und ohne Spracherkennung starten. In diesem Sinne:(Nicht) weiter so.
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