Von Liebe ist hier die Rede, doch in Zeiten eines Krieges, der alles überschattet. Von äußerer Gewalt berichtet ein Mädchen, das im Inneren verletzt ist und sich in schnoddrige Poesie flüchtet. Von einer Idylle wird hier erzählt, in einem Land, das zum Modell einer unsicheren Zukunft wird.

Sie könnten unterschiedlicher nicht sein, die vierzehnjährige Elizabeth, genannt Daisy, unglückliches und magersüchtiges Stadtkind aus New York, gewöhnt an ein Leben voller Vorschriften und Regeln, und diese vier englischen Cousins in ihrem halb verfallenen Bauernhof ohne Netz fürs Handy, wie Daisy zu Beginn entsetzt feststellt. Staunend sieht sie, wie frei und autark diese Kinder in ihrem Paradies leben. Die Zwillinge Edmond und Isaak, 14 Jahre alt wie sie selbst, und die 9-jährige Piper werden von ihrer Mutter zu Hause unterrichtet, nur der 16-jährige Osbert besucht eine öffentliche Schule und führt sein eigenes Leben. Zum ersten Mal erfährt Daisy, was es heißt, glücklich zu sein. Besonders fühlt sie sich zu Edmond hingezogen, der ihre Gedanken zu lesen scheint, und zu der kleinen Piper, die sich ihr auf eine rührend zärtliche Weise zuwendet. Und dann ist da noch Edmonds schweigsamer Zwillingsbruder Isaak, der nur auflebt, wenn er es mit Tieren zu tun hat, der aber dennoch auf eine eigene stille Art über seine Geschwister wacht.

Das klingt nach Idylle, nach alter Stadt-Land-Dialektik, nach romantischer erster Liebe und Heilung einer wunden Seele an der Natur. Zudem Daisys Besuch bei ihren Verwandten nicht freiwillig ist. Sie wurde von ihrem Vater nach England geschickt, da sie ihre Stiefmutter hasst, eine Beziehung, die noch schwieriger wird, da diese ein Kind erwartet. Bei Tante Penn, der Schwester von Daisys verstorbener Mutter, glaubt er sie gut aufgehoben. Doch kurz nach ihrer Ankunft reist diese nach Kopenhagen zu einem Friedenskongress, nach kurzem wendet sich die Geschichte. Die Welt beginnt sich zu verändern. In London explodieren Bomben, ein Krieg beginnt, den keiner fassen und erklären kann. Von Epidemien ist die Rede, von Quarantäne, Soldaten übernehmen die Macht. Die Kinder sind ganz auf sich gestellt, kommen aber dank ihrer Selbstständigkeit gut zurecht. Ja, für Daisy und Edmond, zwischen denen sich eine heftige Liebesbeziehung entwickelt hat, bedeutet die Abwesenheit der Mutter sogar eine willkommene Freiheit, die sie ausgiebig genießen. Zart und doch ohne Scham erzählt Daisy von dieser ersten Liebe zwischen den Cousins – einer Liebe in kalten Zeiten.

Die schreckliche Realität des Krieges, der sich immer mehr zu einer visionären Spielart eines inneren Krieges ohne Fronten entwickelt, holt die Kinder erst ein, als ihr Bauernhof von Soldaten besetzt wird. »Wenn ihr noch keinen Krieg erlebt habt und euch fragt, wie lange es wohl dauert, bis man sich daran gewöhnt, alles zu verlieren, was man braucht oder liebt, dann kann ich euch nur sagen Es geht rasend schnell.« Daisy und Piper werden von den Brüdern getrennt, sie werden von Hof zu Hof verlegt, und erst gegen Ende des Krieges können sie sich nach Hause durchschlagen. Doch ein Albtraum erwartet sie, der Schrecken macht vor Kindern nicht Halt.

»Teil 2« des Romans findet Daisy wieder in New York, sechs Jahre später, und sie beschließt, nach England zurückzukehren, zu Piper und ihren Brüdern, zu Edmond, den die traumatischen Erlebnisse krank und stumm gemacht haben. »Nach all der Zeit weiß ich genau, wohin ich gehöre. / Hierher. Zu Edmond. / Und so lebe ich jetzt.« Eine unerbittlich konsequent erzählte Geschichte findet schließlich ihr versöhnliches Ende.

Ein hartes Buch, ohne Zweifel, doch keineswegs düster, vielmehr zwischen dramatischem Plot und jugendlichem Humor wechselnd. Der in London lebenden amerikanischen Autorin gelingt ein erstaunliches Debüt von großer Intensität, ein von Daisy atemlos erzählter Bericht mit eigenwilliger Interpunktion, ein großes Buch, das mit dem Guardian Fiction Award ausgezeichnet wurde und seit langem in England zu Recht auf der Bestsellerliste für Erwachsene steht. Warum allerdings der Verlag für die deutsche Ausgabe einen Bucheinband wählte, der eine weichgezeichnete Mädchenschmonzette verheißt, und einen Klappentext, der von einer Liebesgeschichte, von perfekten Sommerferien spricht und dafür den wichtigsten Teil der Geschichte verschweigt, das wird dem Leser ein Rätsel bleiben.

Meg Rosoff: So lebe ich jetzt
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit; Carlsen Verlag, Hamburg 2005; 208 S.,13,– € (ab 12 Jahren)

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