Zerborsten, gestaucht, verzogen ist dieses Gebäude. Fast als würden da drinnen Autorennen abgehalten und als sei unter dem Motorengeröhre die schöne Ordnung der Geschosse kollabiert. Nur die drei Ecken des Baus, die keine Ecken sind, sondern hohe Steilkurven, schimmern noch ganz makellos in Saphirmetallic. Die Glasfronten aber hat es erwischt, sie sind geknautscht und derart rätselhaft zerknickt, dass kein Mensch auf die Idee käme, hier ein Museum zu vermuten. Erst recht nicht das Museum des Weltkonzerns Mercedes in Stuttgart. Im Inneren blickt der Besucher in den fast 50 Meter hohen, hohlen Kern des Gebäudes BILD

Bei einem Haus wie diesem, das eine Firma ausstellt, ihre Geschichte, ihr Selbstverständnis, erwartet man ja eher Gediegenes und Elegantes. Und in keinem Fall einen solchen Bau, bullig wie ein Monstertruck im Reihenhausquartier und dabei noch lädiert, als habe die Schrottpresse schon mal kurz zugedrückt. Das Merkwürdigste an diesem Museum aber ist, dass es trotz seiner Unförmigkeit doch zum Großartigsten gehört, was in jüngster Zeit gebaut worden ist. Nun wird es der Presse vorgestellt, im Mai folgt die Eröffnung.

Schon zweimal hat Stuttgart die Architekturgeschichte eindrücklich geprägt: mit der Weißenhofsiedlung einst die Klassische Moderne und mit der Staatsgalerie die Postmoderne. Ähnlich taugt auch das Mercedes Museum zum Signalbau – für das, was eines Tages vielleicht Digitalmoderne heißen wird. In der Digitalmoderne entstehen Hüllen und Räume, die bislang als unbaubar galten. Sie sind derart verdreht und in sich verwickelt, dass nur ein Computer ihre Statik berechnen kann. Er spuckt so ziemlich alle Formen aus, die der Architekt von ihm verlangt. Und natürlich ist die Verführung groß, lauter turbulente Mätzchen in die Welt zu setzen.

Auch das Mercedes Museum könnte man dafür halten, zumindest von außen. Im Inneren aber zeigt es sich anders: präzise und sehr traditionsbewusst. Es lebt vom Auf und Davon, vom Bewegungsdrang der klassisch-modernen Architektur, und lernt von der verspielten Geschichtsliebe der Postmoderne. Vor allem der Barock hat es ihm angetan, die grandiose Aufführungsarchitektur.

So wie damals viele Bauten ganz von den Räumen her gedacht waren und wenig auf Fassaden gaben, so ist auch das Mercedes Museum primär ein Innenhaus. Also schnell den sanften Hügel hinauf, hinein in den Eingangsschlund, und schon steht der Besucher in einem Raum der Überwältigung. Über ihm der offene Kern des Hauses, fast 50 Meter hoch, dreieckig und aus Beton – ein ungeheurer Sog geht davon aus. Und dieses Saugen wird zum Leitmotiv oder besser Leitgefühl. Überall ist ein Drängen und Ziehen zu spüren, ein Gleiten und Rotieren. Individuelle Mobilität, dieses Bürokratenwort, hier wird es am eigenen Besucherleibe erfahrbar.

Genau das hatte sich Mercedes gewünscht: eine mobilisierende Immobilie. Bislang zeigte der Konzern seine Sammlung aus 120 Jahren Autogeschichte in einer eher dürftigen Halle irgendwo auf dem Werksgelände in Untertürkheim. Auch dorthin war Jahr für Jahr eine halbe Million Besucher gekommen, mehr als in jedes andere Stuttgarter Museum. Für die Fußballweltmeisterschaft 2006 wollte man aber etwas Größeres, etwas Bedeutendes. So entstand vor dem Werkstor und vis-à-vis des Gottlieb-Daimler-Stadions der Neubau – auf dass die Siege des Fußballs zu Siegen von Mercedes würden. Und viele Menschen den unterirdischen Gang einschlügen, der vom Museum ins Verkaufszentrum führt.