Sehen Sie es?" fragt Rainer Blatt. Irgendwo im Dunkel des Mikroskops müsste es leuchten. Ein einzelnes Atom. Sichtbar mit bloßem Auge! Ein Journalist drückt seine Pupille ans Okular. "Hm, ja, ich meine, da etwas zu sehen", antwortet er zögerlich. Damit kommt er bei Professor Blatt schlecht an. "Sagen Sie nicht so etwas", grummelt der Physiker. "Sie klingen ja wie der Dalai Lama."

Das ist nicht als Scherz gemeint. Tatsächlich hat auch das geistliche Oberhaupt der Tibeter vor einiger Zeit durch Blatts Mikroskop gespäht. Hier in Innsbruck, so hatte man ihm erzählt, bekommt er wahrhaftig ein Atom zu Gesicht. In Blatts Apparatur leuchtet der Widerschein einzelner Barium-Atome, die so gezielt mit Lasern angeregt werden, dass sie eine gewaltige Lichtmenge aussenden, 100 Millionen Photonen. Dieses Leuchten ist – in 80facher Vergrößerung – mit bloßem Auge erkennbar.

Der Dalai Lama zeigte jedenfalls großes Interesse an der Arbeit der Innsbrucker Quantenphysiker. Schließlich sind deren Experimente nicht nur wissenschaftlich brillant, sondern auch erkenntnistheoretisch von beträchtlichem Wert; zudem schaffen sie die Grundlage für die "Quanteninformation", die eine Revolution auslösen soll. Eine wie die Erfindung des Computers im vergangenen Jahrhundert.

"Das Fachgebiet explodiert geradezu", schwärmt Rainer Blatt. "Die Zahl der Veröffentlichungen nimmt exponentiell zu – das beste Zeichen für eine wissenschaftliche Umwälzung." Lange Zeit standen die Forscher staunend vor den bizarren Gesetzen der Quantenmechanik, die das Verhalten von Atomen und Elektronen in den Nebel der Wahrscheinlichkeit hüllt und den Objekten der Quantenwelt eine seltsame Doppelgesichtigkeit zuschreibt: Mal gleichen sie materiellen Partikeln, mal nicht fassbaren Wellen, mal lassen sie sich eindeutig dingfest machen, dann wieder scheinen sie an verschiedenen Orten gleichzeitig zu sein.

Doch in den vergangenen Jahren haben die Forscher zunehmend gelernt, auch esoterisch klingende Quantenphänomene praktisch nutzbar zu machen. Mittlerweile lassen sich Atome fast nach Belieben zähmen, am absoluten Nullpunkt zum Stehen bringen und zu Materiewellen verschmelzen. Manche Physiker frieren Laserstrahlen ein oder spalten sie, wie der frischgebackene Nobelpreisträger Theodor Hänsch, in eine Art Tonleiter des Lichts auf (ZEIT Nr. 41/05). Oder sie nutzen die von Albert Einstein geschmähte "spukhafte Fernwirkung" der Quantenmechanik, um damit Informationen zu übermitteln – eine Methode, die an das "Beamen" aus Raumschiff Enterprise erinnert.

Marktstudien prophezeien der neuen Technik milliardenschweres Potenzial

Nun sollen all diese Techniken in der Quanteninformation zusammenfließen und den Bau eines Quantencomputers mit unermesslicher Rechenkraft ermöglichen. Im Vergleich zum gewöhnlichen PC nehme sich dieses Gerät aus wie "die Kernkraft zum Feuer", verheißt die New York Times; erste Marktstudien prophezeien der Technik bereits ein milliardenschweres Potenzial . Blatts Kollege, der Theoretiker Peter Zoller stellt etwas nüchterner ein "grundsätzlich anderes Verständnis von Information" in Aussicht. Er hat den Weg dorthin soeben mit seinen wichtigsten europäischen Kollegen in einer Roadmap für die EU skizziert. Das Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI), an dem Blatt und Zoller arbeiten, soll dabei eine Vorreiterrolle spielen.