Lieber dick als süchtig
Amerikas besessener Kampf gegen die Raucher hat auch ungewollte Nebenwirkungen
Charles Berger (Name geändert) ist immerhin Institutsdirektor, doch wenn er seinen Fix braucht, geht er vor die Tür – und zwar mindestens zehn Fuß (drei Meter), wie es das Gesetz verlangt. Zügig und stumm saugt er sich den Rauch in die Lunge, dann eilt er wieder zurück ins Büro. Nirgendwo auf dem 3000 Hektar großen Campus der Stanford-Universität darf im geschlossenen Raum geraucht werden, und wer’s draußen tut, agiert wie eine Katze bei der Notdurft: mit abgewandtem oder gar verlegenem Blick. Es ist schon lange nicht mehr cool, in Amerika zu rauchen – in dem Land, aus dem der Tabak vor 500 Jahren über die Welt kam. Und der Rollback begann vor mehr als 20 Jahren in Kalifornien.
Seit 1994 ist das Rauchen am Arbeitsplatz, im Restaurant und in öffentlichen Gebäuden tabu, vier Jahre später kamen 35000 Bars und Diskos dazu. Zigaretten kann man seitdem nicht mehr aus dem Automaten ziehen, nur noch an der Tankstelle, im Supermarkt oder Drugstore kaufen. Und die Preise steigen, als wäre der Glimmstängel ein Joint. Vor 40 Jahren noch für 30 Cents zu haben, kostet die Schachtel Zigaretten heute 20-mal so viel.
Das Muster ist ex occidente lex. Was in Kalifornien beschlossen wird (wie etwa der Katalysator), wandert ostwärts – erst quer durch die USA, dann nach Europa. 2003 erließ New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg das totale Rauchverbot; selbst in Privatclubs wie dem Lotus oder Knickerbocker gibt’s zum Margaux keine Macanudo mehr (Havannas waren wegen des Embargos schon immer verboten). Sein Kollege in Washington will es ihm nun gleichtun. Und Europa? Ausgerechnet in Frankreich und Italien, wo Gesundheitsbewusstsein als »protestantisch« und »spießig« galt, herrscht in Brasserie und Trattoria Rauchverbot (in Frankreich eher auf dem Papier).
Bloombergs Attacke gegen die Aschenbecher ist zur Besessenheit geworden. Seine Beamten ziehen durch Kneipen und Büros auf der Suche nach dem verräterischen Geschirr. Finden sie welches, auch blank geputztes, hagelt es Strafen – nach der Devise: Wo das Gefäß, da ist (oder war) auch Rauch. Die Rauchpolizei kontrolliert von sich aus oder reagiert auf Tipps; wer einen Kneipier denunzieren will, muss bloß zum Handy greifen und die Nummer 311 anwählen. Die Strafen rangieren von 200 bis zu 2000 Dollar – bis hin zum Geschäftsverbot.
Anscheinend will sich Kalifornien von diesem Bloomberg nicht den Rang als oberster Gesundheitsschützer der Nation ablaufen lassen, und so haben sich die Kommunen hier schon zwei neue Verbote ausgedacht. In San Francisco sind nun auch öffentliche Parks tabu. In Santa Monica, einem Vorort von Los Angeles, haben sie sich den Strand und die Pier vorgenommen, dazu die Bushaltestellen. Jeder Staat, jedes Kaff möchte Avantgarde im Feldzug gegen die Nikotinjunkies sein. Seit vorigem Dezember rühmt sich Black Mountain im Bundesstaat Maine, die erste absolut rauchfreie Skistation Amerikas zu sein. Nicht im Lift, nicht auf dem Parkplatz, nicht auf der Piste. »Es ist der Beginn eines Trends«, sagt der Chef des Nationalen Skiortverbandes. »Andere Orte werden folgen.«
New York hat dem Kreuzug zum Durchbruch verholfen – sozusagen nach dem Maria-Magdalena-Prinzip: Wenn es New York, das Sündenbabel, schafft, dann können es alle schaffen. Philadelphia, Boston, der Bundesstaat Virginia (nach dem bekanntlich eine ganze Tabaksorte benannt ist) wollen Kneipen und Restaurants zu zigarettenfreien Zonen machen – oder haben es schon getan. Inzwischen ziehen auch die Privaten mit, zum Beispiel die Firma Weico in einem gottvergessenem Örtchen namens Okemos in Michigan. Dort könnte nun auf jeder Zigarettenschachtel stehen: »Achtung: Rauchen killt Ihren Job.« Diese Firma stellt keine Raucher ein, und seit Januar testet Weico, ob die Angestellten tatsächlich clean sind. Haben sie heimlich geraucht, werden sie gefeuert. Wo wird es aufhören – bei Bloomberg for President?
Juristisch hat der Kreuzzug weder in Kalifornien noch in New York begonnen, sondern in Mississippi. Die Landesregierung erhebt 1994 Anklage gegen Philip Morris und Co. Die Tabakkonzerne, »Big Tobacco« genannt, mögen den Staat für die Kosten entschädigen, die durch das Rauchen seiner Bürger entstanden seien. Nach und nach schließen sich der Bund und die meisten Staaten dem Verfahren an, und zum Schluss, 1997, kommt bei der Einigung eine märchenhafte Summe heraus: 370 Milliarden Dollar. So viel soll die Tabakindustrie im Laufe der nächsten 25 Jahre bezahlen. Im Gegenzug nehmen Bund und Länder ihre Zivilklagen zurück.
- Datum 05.12.2006 - 06:15 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.11.2005 Nr.45
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