Lieber dick als süchtigSeite 2/2
Niemand soll glauben, dass hier allein das Gute und Gesunde obsiegte. Bund und Länder hatten eine märchenhafte Einnahmequelle entdeckt – und zwar eine, die sie ohne Hilfe der Parlamente anzapfen konnten, die bekanntlich allein das Recht besitzen, Steuern zu erheben. Das Prinzip war die legale Erpressung: Ihr zahlt, oder wir verfolgen euch bis ans Ende eurer Tage. Warum hat sich Big Tobacco gebeugt? Weil es paradoxerweise mitverdient hat.
In Zahlen: 1998 kostete eine Schachtel im Durchschnitt 2,08 Dollar, davon bekam die Industrie 1,70, der Staat 69 Cent (Bundes- und Landessteuer). Sechs Jahre später kassiert der Staat aufgrund der außergerichtlichen Einigung schon 1,52 Dollar, die Industrie aber 2,55 Dollar. Mit anderen Worten: Zum Schutze der neuen Auflagen erhöhen die Konzerne ständig die Preise. Hier ist ein gänzlich legales Kartell entstanden, in dem Staat und Big Tobacco einträchtig die Junkies ausnehmen – selbstverständlich im Namen der Volksgesundheit.
Everybody wins, der Erpresser wie der Erpresste. Fairerweise muss hinzugefügt werden, dass die Volksgesundheit mit zu den Profiteuren gehört. Nehmen wir allein New York. Seitdem Bloomberg 2003 den totalen Rauchstopp verhängte, rauchen dort nur noch 18,4 Prozent aller Erwachsenen, vor zwei Jahren waren es noch knapp 22 Prozent. Die Raucherquote ist in Amerika ein Vierteljahrhundert lang gefallen und liegt heute landesweit konstant bei etwas mehr als einem Fünftel. Wer heute in Amerika raucht, signalisiert, dass er hoffnungslos unterschichtig oder süchtig ist. Der Aschenbecher scheint den Weg des Spucknapfes zu gehen – rauchen wie rotzen ist gesellschaftlich nicht mehr akzeptabel. Schon berichten Makler, dass sich Raucherhäuser schlechter verkaufen lassen als geruchslose. Umso mehr grämt sich Amerika heute über die Fettleibigkeit. Was die mit Rauchen zu tun hat? Von 1980 bis 2000 ist der Durchschnittsamerikaner 9 Kilo schwerer geworden; in derselben Zeit fiel die Raucherrate der Erwachsenen um knapp 40 Prozent. Michael Grossman, ein Ökonom an der City University von New York, kalkuliert: Wenn der Zigarettenpreis um zehn Prozent steigt, wächst die Zahl der Fettleibigen um zwei Prozent. In Statistikerkreisen gilt derlei als ziemlich gute Korrelation. Gut aber auch im Sinne der Volksgesundheit. David Williamson vom Bundeszentrum für Gesundheitsvorsorge meint jedenfalls: »Fettleibigkeit mag schlimm sein, aber Rauchen ist schlimmer.«
*Im Internet diskutieren ZEIT-Leser über das Rauchen unter www.zeit.de/rauchdebatte
- Datum 05.12.2006 - 06:15 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.11.2005 Nr.45
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