Kino Ich suche die gute Angst
Begegnung mit einem Teufelsaustreiber: Der Regisseur Tim Burton und seine schwarze Romantik
Tim Burton ist ein melancholischer Magier. Er sitzt auf dem Sofa, in einem dieser Pariser Hotelzimmer, in denen das Ancien Régime immer noch andauert. Tim Burton stört in diesem Zimmer, und er weiß es. Wo er ist, verschwinden gern mal ein paar Jahrhunderte.
Er sieht müde aus, er ist unrasiert, und die Haare stehen auf diese ganz besondere Art in die Höhe, wie sie es nur bei Leuten tun, die es sich leisten können, unausgeschlafen oder unrasiert zu Interviews zu kommen. Tim Burton ist aus London, wo er wohnt, mit dem Zug gekommen, um über seinen neuen Trickfilm zu sprechen, das fantastische, traurig-beschwingte Puppendrama Corpse Bride. Burton hat ein schwarzes Hemd an, dessen Ärmel offen sind und herumbaumeln; er trägt schwarze Hosen, schwarze Schuhe und eine Brille, die bläulich schimmert. Er ist blass. Wenn er etwas sagt, dann dauert das eine Weile, und es scheint, als setze er dabei einen Monolog fort, den er vor einer ganzen Weile begonnen hat.
»Diese Traurigkeit bleibt in dir«, sagt er, »diese Einsamkeit – wenn du dich einmal einsam gefühlt hast in deinem Leben, dann verlässt dich dieses Gefühl nicht mehr, es begleitet dich dein ganzes Leben lang.« Tim Burton ist immer noch das einsame Kind aus Burbank, Kalifornien. Draußen ist der Himmel blau, es sind die frühen sechziger Jahre, Disney ist der Gott, Wohlstand eine Realität, die Wahrheit ein neuer Kühlschrank. Da ist man entweder glücklich, weil man dazugehört. Oder man ist glücklich, weil man nicht dazugehört. »Bei mir war da immer diese Unzufriedenheit«, sagt Burton. »Wenn du dich in der Schule gefoltert gefühlt hast, wenn du Bürokratie hasst und keine Autoritätspersonen magst – das ist das, was mich antreibt. Du brauchst etwas, wogegen du sein kannst.«
Die einen werden also Ingenieur bei Boeing oder gründen Computerfirmen, oder sie werden einfach so reich; die anderen werden Surfer oder Kiffer oder Hippies. So ziemlich auf halbem Weg, dachte sich der junge Tim Burton, liegt das Studio von Disney. Da wollte er rein. »Ich war 21, als sie mich dort anheuerten. Ich kam gerade vom California Institute of the Arts, ich zeichnete Füchse – und auf einmal konnte ich einfach nicht mehr. Ich brach praktisch zusammen. Meine Füchse sollten nette Füchse sein. Aber meine schauten aus, als hätten sie Tollwut oder seien gerade von einem Auto überfahren worden.« Burton lacht und schüttelt den Kopf. »Ich wurde bei Disney zu einem Fabrikarbeiterzombie. Ich lernte, wie man am Schreibtisch schläft und dabei den Bleistift gerade hält. Ich wurde… seltsam.«
Und »seltsam«, das merkte er bald, war gar nicht so falsch. Denn »seltsam« ist die Art von Irritation, die der Konformismus in Amerika und überall gerade noch ertragen kann. »Seltsam« kann sogar ein Ticket zum Erfolg sein. Christbäume etwa, die zu Monstern werden, wie in Burtons erstem Trickfilm, da war er noch keine zehn Jahre alt. Oder dieser tieftraurige suburban boy Vincent, über den Burton 1982 bei Disney einen kurzen Trickfilm drehte, zu dem seine Mutter sagte, schade, dass ihr Sohn nicht »eine schlimmere Kindheit« erlebt habe. Und seltsam ist es auch, einen Film zu machen über einen Jungen, der seinen toten Hund wieder zum Leben erweckt. Sparky hieß der Hund, Frankenweenie hieß der Film, und die Kinder, denen der Film in einer Probevorführung gezeigt wurde, fingen an zu weinen, als Sparky sich in ein Monster verwandelte. »Die Leute bei Disney fanden das zu intensiv«, sagt Burton, »aber Erwachsene vergessen, dass es für Kinder nicht schlecht ist, wenn sie früh den Schrecken kennen lernen. Das hilft ihnen später im Leben.«
Stephen King jedenfalls, auch er ein großer amerikanischer Versöhner mit dem Schrecken, sah Frankenweenie und empfahl Burton bei Warner Brothers. Es folgte Pee-Wee’s Big Adventure, kindlich und ein großer Erfolg; Beetlejuice, bizarr, expressionistisch und ein noch größerer Erfolg; und Batman, dunkel, brillant, ein 425-Millionen-Dollar-Erfolg an der Kinokasse. Da darf man gern ein bisschen seltsam sein.
Er lässt die Skelette tanzen und die Leichen singen und trinken
In diesem Jahr nun hat sich Tim Burton zweigeteilt und all das präsentiert, was man in Hollywood an ihm liebt: zuerst Kassenerfolg, dann verdrehte Regressionsromantik. Charlie und die Schokoladenfabrik vor ein paar Monaten war ein furios verspielter Kindertraum; Corpse Bride ist jetzt der pure Tim Burton. Die Nachtmonster sind wieder da; die Bäume, die nach dir greifen; der lebensängstliche Junge, der diesmal Victor heißt und wie immer Tim ist; das Totenreich, das lockt und schaudern macht.
»Du bist zu etwas hingezogen, das du hasst«, sagt Tim Burton, »es ist diese bizarre Energie, die mich interessiert. Das hat sicher auch mit meiner Kindheit in Kalifornien zu tun. Immer das gleiche Wetter, kein Schnee, keine Jahreszeiten. Deshalb mag ich Halloween oder Weihnachten und mache Filme, die sich damit beschäftigen – weil ich dort meine eigenen Jahreszeiten erschaffen kann. Und deshalb mochte ich schon als Kind Horrorfilme. Ich fand dort eine Dunkelheit, die in meinem Leben fehlte.«
- Datum 03.11.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.11.2005 Nr.45
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