Pandemie Huhnalarm!
Die Vogelgrippe macht die ersten Deutschen krank – vor Angst
Christel Happach-Kasan ist Biologin. Christel Happach-Kasan sitzt für das schleswig-holsteinische Herzogtum Lauenburg im Bundestag. Beides ist für diese kleine Geschichte von großer Bedeutung. Denn Christel Happach-Kasan hat entwarnt. Die Vogelgrippe sei eine Tiererkrankung, hat sie gesagt: »Übertriebene Sorgen wegen einer Gefährdung der Gesundheit von Menschen müssen wir uns deshalb nicht machen.«
Christian Nimtz ist hauptberuflich bei der Bundeswehr. Am Wochenende aber ist er als Reporter unterwegs, für den Markt, eines jener Anzeigenblätter, die im Herzogtum Lauenburg neben Metzgerei-Sonderangeboten auch Lokalnachrichten verbreiten. Nimtz ist immer auf der Suche nach Schlagzeilen. Nimtz hat – wie er leise sagt – so seine Informanten. So kam Nimtz an die Vogelgrippe.
Am Sonntag, den 23. Oktober, um 13 Uhr, ging bei der Polizei ein Notruf ein. Spaziergänger hatten auf einem Waldweg (für Ortskundige: zwischen Wotersen und Tramm) Hühner gesichtet. Die Ordnungshüter reagierten sofort. Ein im Streifenwagen herbeigeeilter Beamter entdeckte im Unterholz sieben frei laufende Hennen – und einen Hahn. Der Mann alarmierte die Freiwillige Feuerwehr. Die kam, sondierte die Lage und verweigerte den Einsatz. »Wir haben weder Ausrüstung noch Schutzanzüge für so einen Fall«, gab der Wehrführer zu Protokoll. »Und ohne solches Equipment werden meine Männer diese Tiere aus Angst vor Ansteckung nicht anfassen.«
Das Ordnungsamt wurde eingeschaltet. Das Kreisveterinäramt alarmiert. Ein Tierarzt rückte an. Lagebesprechung. Die Lösung: Die Feuerwehr umzingelte das Federvieh und trieb es in die Arme des Veterinärs, der sich eigens einen Schutzanzug übergestreift hatte. Um 16.15 Uhr war Schleswig-Holstein vor acht sehr lebendigen Hühnern gerettet. Fürs Erste.
Es ist eine Geschichte von vielen. Die Vogelgrippe hat Deutschland fest im Griff. Christel Happach-Kasans Mahnung zur Besonnenheit hat die Redaktion des Markts gleich neben dem Bericht von Christian Nimtz abgedruckt. Sie hat die Rufnummern der zuständigen Behörden verbreitet. Sie hat die Hühnerhalter über die Geflügelpestschutzverordnung informiert. Zu spät. Die Tierseuche macht Menschen krank – vor Angst.
Eine verhängnisvolle Spirale dreht sich: Um zu beruhigen und zu demonstrieren, wie gut sie vorbereitet sind, übertreffen sich Behörden in Vorsorge und Ratschlag-Geberei. Wenn aber der Kreisveterinär einem Huhn nur noch im Schutzanzug gegenübertritt, kann man dann noch den Feuerwehrmann schelten, der sich weigert, Federvieh anzurühren? Und Nobelrestaurants nehmen das Geflügel von der Karte, weil sie mit der Angst rechnen und einen Einbruch der Umsätze befürchten – Rinderfilet statt Barbarie-Entenbrust. Wenn aber Köche Entenbrust streichen, müssen Entenbrüste doch gefährlich sein, oder?
H5N1 kann für den Menschen tödlich sein, das haben Journalisten geschrieben. Sie schrieben aber auch und immer wieder, wie wenig wahrscheinlich dieser worst case bisher ist. Und warum es dennoch sinnvoll sein kann, Vorsorge zu treffen. Besser war die Welt noch nie über einen möglichen Seuchenzug aufgeklärt, besser war sie nie gewappnet. Die Medien haben ihr Ziel erreicht und zugleich verfehlt: Sie wollten eine glückliche Kassandra sein; eine, die durch ihre Prophezeiung die Katastrophe verhindert, die sie vorhersagt. Jetzt steht Kassandra dumm da. Sie ist unerwartet erhört worden – und zu allem Unglück auch noch missverstanden.
- Datum 03.11.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.11.2005 Nr.45
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