Eine Armee braucht Tradition. Die Wehrmacht zum Beispiel begann in den Jahren 1937/38 eine regelrechte Traditionsoffensive, in deren Verlauf etwa 200 neue Kasernen nach den Helden und Schlachten der kolonialen Beutezüge sowie des Ersten Weltkrieges benannt wurden. Die bekanntesten Namen waren Hindenburg, Tannenberg, Ludendorff, Tirpitz, Mackensen, Lettow-Vorbeck. Das Unternehmen diente der ideologischen Aufrüstung im Sinne der "Wiederwehrhaftmachung". BILD

Als die Bundeswehr am 12.November 1955, dem 200. Geburtstag des preußischen Heeresreformers Gerhard Johann David Scharnhorst, gegründet wurde, übernahm sie ungefähr 70 Benennungen der Traditionsoffensive von 1937/38 – verkörperten sie doch in den Augen der Bundeswehrführung jene "zeitlosen soldatischen Tugenden", die auch für die neue Armee eine Sinn stiftende Tradition begründen sollten. Viel ist über diese zweifelhafte Kontinuität schon geschrieben worden, und man braucht nur an den ersten Generalinspekteur Adolf Heusinger zu erinnern, der von der Kaiserzeit über Weimarer Republik und "Drittes Reich" bis zur Adenauer-Zeit in vier deutschen Armeen diente, um sich vor Augen zu führen, wie schwierig ein wirklicher Neubeginn auch hier war (ZEIT 23/05).

Doch es wurde mit der Zeit nicht besser, die Distanz der Bundeswehr zur Armee des "Dritten Reichs" nicht größer. Im Gegenteil: Mitte der sechziger Jahre gab es – unter Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel (CDU) – einen neuen "Traditionsschub". Zwar waren jetzt, nolens volens, auch einige Männer des 20. Juli in den Kanon aufgenommen, doch zugleich benannte man ganz ungeniert etliche Kasernen und Straßen auf Militärgelände nach Hitlers Kriegshelden und Heerführern.

Dazu gehörte Oberst Werner Mölders (1913 bis 1941). Sein Fall zeigt besonders treffend das (historische) Selbstverständnis von weiten Teilen der bundesrepublikanischen Armee – bis heute.

Der Luftwaffenoffizier war als Kriegsfreiwilliger während des Spanischen Bürgerkriegs aufseiten der Faschisten in der Legion Condor an der Valencia-Ebro-Front im Einsatz. Dieser Abschnitt galt als das "Verdun des Bürgerkriegs". Bei der Vernichtung des Dorfes Corbera d’Ebre gaben Mölders und seine Jagdflieger den Bombern Geleitschutz. Als die Wehrmacht in der Sowjetunion einfiel, jubelte er: "Ein gewaltiger Krieg ist im Gange, und ich bin stolz darauf, mit meinem Geschwader im Schwerpunkt der Kampfhandlungen eingesetzt zu sein."

Der junge Offizier starb am 22. November 1941 beim Absturz einer Kuriermaschine. Reichsmarschall Hermann Göring pries ihn in seinem Tagesbefehl: "So wird Oberst Mölders in der Luftwaffe wie in der Geschichte des deutschen Volkes bis in alle Ewigkeit fortleben. Sein Andenken soll uns stolze Tradition und stets Vorbild höchster militärischer Tugend sein. Darum vorwärts, Kameraden, zum Endsieg im Geist unseres unvergesslichen Helden!"

Erst in diesem Jahr, am 28. Januar 2005, kam von der Bonner Hardthöhe die Nachricht, der Bundesminister der Verteidigung Peter Struck (SPD) habe "entschieden, die Werner-Mölders-Kaserne in Visselhövede [Lüneburger Heide] und das in Neuburg an der Donau stationierte Jagdgeschwader 74 Mölders umzubenennen". Der Bundestagspräsident hatte diesen überfälligen Schritt angemahnt, nachdem im Parlament bereits 1998 beschlossen worden war, Mitglieder der Legion Condor nicht länger als Leitbilder für deutsche Soldaten zu empfehlen.

Kaum war Mölders’ Name gestrichen, als sich schon Protest erhob. In einer "Ehrenanzeige" am 19.März 2005 in der FAZ verneigten sich pensionierte Offiziere und Generäle der Bundeswehr vor dem dubiosen Fliegerhelden: "Er bewies Charakter und Anstand in schwerer Zeit." Doch auch aktive Soldaten taten hinter der Hand ihren Unmut kund.

"Ich erkläre feierlich: Ich glaube an den Führer!"

Über den bezeichnenden Fall Mölders hinaus gibt es, bis heute, etliche andere Beispiele für das prekäre Verhältnis der Streitkräfte zur NS-Geschichte. So veranstaltet alljährlich zu Pfingsten der "Kameradenkreis der Gebirgstruppe" ein Treffen alter Kameraden auf dem Hohen Brendten bei Mittenwald. Die zünftige Begleitmusik liefert die Bundeswehr. Ihr Musikkorps ist stationiert in der Dellmensingen-Kaserne in Garmisch-Partenkirchen. General Konrad Krafft von Dellmensingen war jener Schlachtenlenker, der im Ersten Weltkrieg, im Oktober 1917, mit Giftgas den Durchbruch an der Isonzo-Front erzwang. Während der Weimarer Zeit fungierte Dellmensingen als Schaltstelle für einen Verschwörerkreis, der gegen die Republik putschen wollte. 1937 ehrten die Nazis ihren Wegbereiter dadurch, dass sie die neue Kaserne in Garmisch nach ihm benannten.

Braune Flecken gibt es reichlich auf dem Edelweiß. Drei Kasernen am Alpenrand wurden im Mai 1964 nach NS-Gebirgsjägergenerälen benannt: Ludwig Kübler, Rudolf Konrad und Eduard Dietl.

Generaloberst Eduard Dietl (1890 bis 1944), einer der Lieblingsgeneräle Hitlers, war zum "Mythos" inszeniert worden, nachdem es seiner Truppe beim deutschen Überfall auf Norwegen gelungen war, die Hafenstadt Narvik gegen die Engländer zu halten. Als Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 (an jenem Donnerstag wurden in München Hans und Sophie Scholl verhaftet) im Berliner Sportpalast den "totalen Krieg" herbeischrie, telegrafierte Dietl an den Propagandachef die "uneingeschränkte Sympathie der Front". Ein halbes Jahr später verkündete der General auf den Stufen der Feldherrnhalle in München: "Der Frontsoldat weiß, daß es sich um den Schicksalskampf des deutschen Volkes handelt, daß sich die Juden der ganzen Welt zusammengeschlossen haben zur Vernichtung Deutschlands und Europas. […] Der Krieg ist der unerbittliche Läuterer der Vorsehung. Ich erkläre feierlich: Ich glaube an den Führer!" Am 23.Juni 1944 starb Dietl bei einem Flugzeugabsturz. "Als fanatischer Nationalsozialist", rief Hitler selbst ihm nach, "hat sich Generaloberst Dietl in unwandelbarer Treue und leidenschaftlichem Glauben seit Beginn des Kampfes unserer Bewegung für das Großdeutsche Reich persönlich eingesetzt. Ich verliere deshalb in ihm einen meiner treuesten Kameraden aus langer, schwerer, gemeinsamer Kampfzeit." Hitlers Wunsch, dass Dietls Name "in seiner stolzen Gebirgsarmee weiterleben wird", ging während der Adenauer-Zeit in Erfüllung: Im Mai 1964 wurde Dietl der neue Kasernenpatron von Füssen.

Seit 1988 forderte die katholische Friedensbewegung Pax Christi die Umbenennung. Sieben Jahre lang führte das Ministerium auf der Hardthöhe einen hinhaltenden Abwehrkampf um die Traditionswürde des Nazis. Erst am 9. November 1995 verfügte der damals verantwortliche Minister Volker Rühe (CDU), die Generaloberst-Dietl-Kaserne in Allgäu-Kaserne – sowie Mittenwalds General-Kübler-Kaserne in Karwendel-Kaserne umzubenennen.

Der Zweitgenannte, der General der Gebirgstruppe Ludwig Kübler (1889 bis 1947), wurde ebenfalls erst Mitte der sechziger Jahre für traditionswürdig befunden. Kübler hatte im Vernichtungskrieg an der östlichen Adria als Erster den Befehl des Chefs des Oberkommandos der Wehrmacht, Wilhelm Keitel, in die Tat umgesetzt, die Partisanen gnadenlos zu bekämpfen. "Terror um Terror!", lautete sein Korpsbefehl vom 24.Februar 1944. "Im Kampf ist alles richtig und notwendig, was zu Erfolg führt." Wegen seiner Kriegsverbrechen wurde er in Laibach vor ein jugoslawisches Militärgericht gestellt und am 10. Juli 1947 zum Tod durch den Strang verurteilt.

Doch auch der Fall des Generals der Gebirgstruppe Rudolf Konrad (1891 bis 1964) zeigt, welcher Geist noch in den sechziger Jahren bei der Bundeswehr herrschte. Während der "Winterkrise" im Dezember 1941, als der "Blitzkrieg" gegen die Rote Armee bereits gescheitert war, wurde Konrad von Hitler persönlich zum Kommandierenden General eines Armeekorps ernannt. Gleich darauf, zu Weihnachten, bekundete ihm Konrad in glühenden Worten die Treue: "Dem Führer und seinem Werk gehört unsere ganze Hingabe. Wir wollen es hüten und siegreich tragen durch das neue Jahr zum Heile Deutschlands."

Zu Hitlers Geburtstag am 20. April 1942 versammelte sich Konrads Korpsstab zu einer Feierstunde. "Es war das Feldherrngenie des Führers", wurde Hitler aus der Ferne angehimmelt, "welches die deutschen Heere von Sieg zu Sieg eilen ließ. Sein Verdienst war es, das Eindringen der bolschewistischen Horden nach Europa im richtigen Augenblick zu erkennen und den Stoß blitzschnell zu parieren. Diesem unbeugsamen Willen in äußerster Pflichterfüllung nachzueifern, was auch kommen mag, sei unser Gelöbnis am heutigen Geburtstag des Führers."

Von Ende 1941 bis Anfang 1944 war die Krim im Schwarzen Meer von den Deutschen besetzt; die Halbinsel sollte zu einem Mustergebiet nationalsozialistischer Herrschaft werden. Partisanen machten der Truppe hier, auch im Befehlsbereich der Gruppe Konrad, seit Ende Oktober 1943 schwer zu schaffen. Konrad schlug gnadenlos zurück, ließ ganze Ortschaften südlich der Linie Karassubasar–Suja in Grund und Boden bombardieren. Gern arbeitete er auch mit SS- und Polizeiführern zusammen.

"Wir hoffen, daß in der neuen Schale die alten Soldaten stecken"

Schon bald nach dem Krieg war der General "wieder dabei". Im Mai 1953 trafen sich 10000 Gebirgsjäger ("Kameraden unter’m Edelweiß") in München zum "Tag der Treue". In Erwartung der nahenden Wiederbewaffnung sprach man bereits zukunftsfroh von der "neuen Wehrmacht". Konrad war der Anführer der Veteranen: "Wir hoffen, daß in der neuen Schale die gleichen Männer, die alten Soldaten stecken, die einst Kraft und Ruhm des deutschen Heeres und Stolz des deutschen Volkes waren." In Bad Reichenhall wohnen Bundeswehrsoldaten heute noch in einer General-Konrad-Kaserne; eine Studie des Militärgeschichtlichen Forschungsamts in Potsdam zum Casus Konrad bleibt unter Verschluss.

Kein NS-General freilich genießt bei der Bundeswehr nach wie vor solch uneingeschränkte Verehrung wie Generalfeldmarschall Erwin Rommel (1891 bis 1944): Es gibt Rommel-Kasernen in Augustdorf bei Detmold, in Osterode (Harz) und Dornstadt bei Ulm. Dabei bleibt seine Rolle in Hitlers Wehrmacht, die für ihn "das Schwert der neuen Weltanschauung" war, höchst umstritten.

So spielte der Held des nordafrikanischen Wüstenkrieges, der noch 1939 seiner Frau in einem Brief gestanden hatte, das Vertrauen Hitlers, mit dem er "oft bei intimen Besprechungen" zusammenkomme, sei für ihn "die größte Freude, mehr als mein Generalsrang", seit Herbst 1943 in Italien eine trübe Rolle. Nachdem Benito Mussolini gestürzt worden war und das Land unter Führung von Pietro Badoglio die Fronten gewechselt hatte, heizte er hier – wie Generalfeldmarschall Albert Kesselring – durch völkerrechtswidrige Befehle den deutschen Vergeltungsterror an. Am 23. September 1943 erließ Rommel als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B in Italien die Weisung: "Irgendwelche sentimentalen Hemmungen des deutschen Soldaten gegenüber Badogliohörigen Banden in der Uniform des ehemaligen Waffenkameraden sind völlig unangebracht. Wer von diesen gegen den deutschen Soldaten kämpft, hat jedes Anrecht auf Schonung verloren und ist mit der Härte zu behandeln, die dem Gesindel gebührt, das plötzlich seine Waffen gegen seinen Freund wendet."

Zwar wusste Rommel über die Absichten der Verschwörer um Claus Schenk Graf Stauffenberg Bescheid, doch als er auf dem Krankenlager von dem Anschlag erfuhr, schrieb er an seine Frau: "Zu meinem Unfall hat mich das Attentat auf den Führer besonders stark erschüttert. Man kann Gott danken, daß es so gut abgegangen ist." Dennoch wurde er in den missglückten Putsch hineingezogen, vor allem durch belastende Äußerungen seines Generalstabschefs Hans Speidel. Am 14. Oktober 1944 beging Rommel, von den NS-Schergen bedrängt, Selbstmord. "Der unermüdliche Kämpfer", tönte Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt in der Trauerrede, "war erfüllt von nationalsozialistischem Geist, der die Kraftquelle und Grundlage seines Handelns bildete. Sein Herz gehörte dem Führer."

Man mag das als eine makabere Propagandalüge abtun – die heutige Verklärung Rommels zum Widerstandskämpfer jedenfalls verkürzt, verzerrt und verfälscht seine Rolle während der NS-Gewaltherrschaft. Ob er zum Vorbild für heutige Soldaten taugt, bleibt mehr als zweifelhaft.

"Ein Unrechtsregime, wie das Dritte Reich, kann Tradition nicht begründen"

Bei jener Traditionsoffensive 1964/65 wurden noch weitere dubiose Gestalten geehrt, wie die wegen ihrer Gräueltaten auf Kreta berüchtigten Generäle Kurt Student und Bruno Bräuer; der Letztere war im Dezember 1946 in Athen als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt und am 20. Mai 1947, dem 6.Jahrestag des deutschen Überfalls auf Kreta, hingerichtet worden. Erst vor wenigen Jahren, im Herbst 1998, wurde sein Name von einem Straßenschild in Altenstadt bei Schongau endlich getilgt – während die Straße zum Fliegerhorst der Bundeswehr in Fürstenfeldbruck bei München immer noch den Namen Emil Zenettis trägt, eines mustergültigen Nazigenerals.

So gibt es viele Beispiele, die zeigen, wie zäh die Armee unserer Republik an falscher Glorie klebt. Wir erinnern uns: Bereits am 20. September 1982 hatte der damalige Verteidigungsminister Hans Apel (SPD) den bis heute gültigen Traditionserlass unterzeichnet. "Ein Unrechtsregime, wie das Dritte Reich", heißt es da, "kann Tradition nicht begründen."

Doch es tat sich wenig. Es brauchte schon energische öffentliche Proteste, bis einige der belasteten Namen entfernt wurden. Zu Beginn der Regierungszeit von Bundeskanzler Gerhard Schröder gab es neue Initiativen. Im Frühjahr 1999 forderte der verantwortliche Minister Rudolf Scharping (SPD) Truppe und Stäbe auf, von sich aus Vorschläge für die Auswechslung von Kasernennamen zu unterbreiten. Das Ergebnis war trostlos: Kein einziger Vorschlag ging auf der Hardthöhe ein; offenkundig misstraute das militärische Milieu der verordneten Basisdemokratie. Schließlich wurde auf Befehl "von oben" am 8. Mai 2000 die Rendsburger Rüdel-Kaserne in Feldwebel-Schmid-Kaserne umbenannt.

Das war freilich etwas verwunderlich, zumal die offizielle Begründung für diese Umbenennung nicht stimmte: Rüdel hatte, anders als ihm zur Last gelegt und wie immer man seine sonstige Vita einschätzen mag, an keinem Todesurteil des Volksgerichtshofs mitgewirkt. Der neue Kasernenpatron, Feldwebel Anton Schmid, war im April 1942 hingerichtet worden, weil er in Litauen verfolgte Juden gerettet hatte; ihn zu ehren war seit langem überfällig. Niemand auf der Hardthöhe kam jedoch auf die Idee, nach dem Judenretter Anton Schmid eine der Kasernen neu zu benennen, welche die Namen notorischer Judenhasser trugen und immer noch tragen, wie die der beiden preußischen Generalfeldmarschälle August von Mackensen (Hildesheim) und Alfred Graf Waldersee (Hohenlockstedt in Holstein).

Jeder Krieg bringt seine Helden hervor, wahre und falsche. Mit der Rede von den "zeitlosen soldatischen Tugenden" indes wird die komplexe und grauenvolle Realität des Vernichtungskriegs und des Besatzungsterrors auf Lebensgeschichten von "Kampf und Sieg" reduziert. Die Beteiligung der Wehrmacht an Kriegsverbrechen und Völkermord bleibt ausgeblendet.

Traditionspflege ist Erinnerungskultur nach innen und Geschichtspolitik nach außen. Innerhalb der Bundeswehr belegt man sie leider, wie der Fall Mölders jetzt wieder gezeigt hat, immer noch mit einem Tabu. Die biografischen Skizzen, Gutachten und Studien des Militärgeschichtlichen Forschungsamts zu allen Traditionsnamen unserer Streitkräfte liegen nach wie vor in Potsdam unter Verschluss. Die notwendige öffentliche Diskussion wird per Abschottung behindert, und es bleibt, zu Scharnhorsts 250.Geburtstag, die Frage, wann sich die Bundeswehr endlich auch in der Praxis aus den Fesseln ihres fatalen Traditionsverständnisses befreit.