Herbert Lochs, 59, Innsbrucker und Wiener, lebt seit zwölf Jahren in Berlin. Er ist Professor und Direktor an der Universitäts-Klinik Charité, mit den Schwerpunkten Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie

Anerkennung Ich gebe zu, ich bin schon etwas stolz, wenn deutsche Freunde neuerdings öfter mal sagen: Früher haben wir euch nicht so ernst genommen, aber eigentlich macht ihr das in Österreich ganz gut. Ich hör das nicht ungern, auch wenn ich selber so was nie sage. Ich finde, man muss es Bundeskanzler Schüssel hoch anrechnen, dass er Haider aus der österreichischen Politik eliminiert und dass er die notwendigen Wirtschaftsreformen durchgesetzt hat. Heute ist in Österreich die Stimmung viel besser als in Deutschland. Lange Zeit war es umgekehrt.

Ich erinnere mich noch sehr gut an einen Unterschied, der mir sofort auffiel, als ich vor zwölf Jahren nach Berlin kam: Hier sind viele Menschen richtig stolz darauf, wenn sie etwas ordentlich gemacht haben, nicht nur äußerlich. In Österreich ist der äußere Eindruck oft wichtiger als die tatsächliche Qualität. Hauptsach’, es schaut gut aus. Es gibt diese Unterschiede auch im Umgang miteinander. Die Wiener sind an der Oberfläche sehr freundlich, nett und herzlich. Das Verhalten der Berliner ist oft schrecklich rau und unfreundlich. Gewöhnungsbedürftig. Aber darunter sind sie offener als die Wiener.

Trost bei Patienten Ich bin mit Leidenschaft Arzt. Das ist mein Beruf, er ist wunderbar und sinnvoll. Wenn ich frustriert bin, geh ich auf die Station, setz mich zu einem Patienten und rede mit dem eine halbe Stunde. Dann fühle ich mich wieder besser. Die Wiener medizinische Schule ist stark auf den Patienten orientiert. Ich versuche das in Berlin weiterzugeben.

Was ich in Berlin vermisse, ist das Wiener Kaffeehaus. Das Barock. Die Berge. Als Bergsteiger werde ich mich nie daran gewöhnen, dass ich ein Flugzeug brauche, um in die Berge zu kommen. Und ich vermisse den Wiener Schmäh. Wenn ich in Österreich bin, genieße ich dieses Spiel mit der Sprache, dieses ständige Nutzen von Mehrdeutigkeiten. Ich übersetze hier immer noch jeden Satz, wenn ich mit Deutschen spreche. Das Gefühl für die Vielfalt unserer Sprache und für den Schmäh habe ich hier verlernt. Gelernt habe ich dafür "des Lebens ernstes Führen".

aufgezeichnet von EWALD KÖNIG