Was für ein Idyll, damals in Anatolien, nahe Kangal: Die Rötliche Saugbarbe schwamm entspannt durchs wärmende Quellwasser (36 Grad), und setzte sich der Mensch hinzu, flanschte sie sich an und knusperte sich geradezu sanft an seiner Epidermis entlang. Die Haut war ihr willkommene Nahrungsquelle im planktonarmen Nass, eiweißhaltig und lecker. Der Mensch dachte: Daraus lässt sich bestimmt was machen.

Nun, hundert Jahre später, kostet die Rötliche Saugbarbe ungefähr fünf Euro, erhältlich im Internet-Handel für jede Badewanne der Welt. Eine Bilderbuchkarriere der Globalisierung! Der Volksmund nennt die Barbe nun ehrfürchtig Doktorfisch; und manch einer, speziell, wenn er ihre Dienste verkauft, Dr. Fisch. Ihr Betätigungsfeld heute: im Akkord die Schuppenflechte wegmümmeln. Bis zu einer Stunde knabbert der schwimmende Hautarzt überschüssige Hautschuppen. Das macht er in Teamarbeit: Je nach Therapie können es schon mal 500 von den zehn Zentimeter großen Tierchen sein. Da sollte Mensch keine Berührungsangst haben. Aber angeblich spüre der ja nichts weiter als ein leichtes Kribbeln. Nur manchmal wissen die Fische nicht, wann Schluss ist. Knabbern weiter und nagen Hautschichten an, die eigentlich dranbleiben sollten. Kleinigkeiten, gewiss, es kommt ja aufs Ergebnis an. Und weil die Saugbarbe sogar noch ein salzhaltiges Enzym absondern soll, das sich antiseptisch auf die Hautheilung auswirke, sind sich Patient und Therapeut einig: Der Mensch fühlt sich gesünder (nach zwei Knabberbehandlungen schon, behaupten die, die mit Dr. Fisch ihr Geld verdienen). Und die Saugbarbe? Wird satt und rund.

So könnte alles gut sein, gäbe es nicht diese mäkelnden Forscher. Die behaupten, die Saugbarbe sondere gar nichts ab, jedenfalls nichts, was zur Heilung beitrage; wissenschaftlich sei das ja nicht überprüft. Tja, Neptun, was nun? Besser wäre, Dr. Fisch tauchte wieder ab in die Anonymität Anatoliens. Bevor er Bekanntschaft mit einigen missgünstigen Apothekern macht. Die glauben, dass die rötliche Saugbarbe nicht knabbern muss, um zu helfen. Zerrieben und in klitzekleine Kügelchen gepresst, sei sie genauso gut – als Doktorfisch in homöopathischer Dosis.