Schon wieder eine Berliner Premiere: Auch im vierten Wahlgang haben die Abgeordneten des Bundestags am Dienstagnachmittag den PDS-Mann Lothar Bisky bei der Wahl zum stellvertretenden Bundestagspräsidenten mit 310 zu 249 klar durchfallen lassen - von wegen linke Mehrheit! Die Linke will den Posten nun einstweilen vakant lassen. Wir melden uns bei Ihnen, wenn uns etwas Neues dazu einfällt, gab ein spürbar beleidigter Fraktionschef Gregor Gysi zu Protokoll.

Bisky selbst hatte es wohl kommen sehen. Nervös und blass saß er zwischen seinen Fraktionskolleginnen Petra Pau und Gesine Lötzsch und trommelte mit den Fingern auf das Pult, während die 595 Abgeordneten einzeln in eigens dafür aufgebauten Wahlkabinen über ihn abstimmten. Am Ende schien Bisky erleichtert, dass die quälende Prozedur endlich zu Ende war. Ich habe verstanden. Die Mehrheit im Bundestag will nicht, dass ich den Bundestag repräsentiere. Das muss ich als Demokrat akzeptieren, erklärte Bisky, er wirkte angefasst.

Eine Ausgrenzung von Millionen Ostdeutschen oder ein Votum gegen die Vereinigung, wie Gregor Gysi behauptete, war das wohl nicht, aber eine weise Entscheidung, wie sie sich Bundestagspräsident Norbert Lammert (und übrigens auch die CDU-Vorsitzende Angela Merkel und der designierte SPD-Chef Matthias Platzeck) gewünscht hatte, eben auch nicht. Zumal am 16. Jahrestag des Mauerfalls hätte ein bisschen mehr Gelassenheit der Etablierten souveräner gewirkt als das Beharren auf Vorbehalten, die sich mal gegen Biskys Funktion als Parteivorsitzender, dann aber doch wieder gegen seine kommunistische Vergangenheit oder sein ungeklärtes Verhältnis zur Stasi richteten, einer Organisation, der die meisten Westdeutschen nie begegnen mussten.

Es stimmt schon, was die Politiker der anderen Parteien jetzt mit gönnerhafter Nachsicht erklären: Wer sich zur Wahl stellt, riskiert eben auch ein Ergebnis, das ihm nicht passt. Vieles ändert sich zurzeit in Berlin, eines aber nicht: Auf ihr Gewissen und das Recht zur freien Abstimmung berufen sich die Abgeordneten immer dann besonders gern, wenn es sie selbst nichts kostet.