Sie taucht auf, wo man sie längst vermutet hatte: im Pantheon. Im Video zu ihrer neuen Single King of the Mountain sitzt Kate Bush in einer Galerie antikisierender Marmorskulpturen, zwischen Heldenbüsten und ebenmäßigen Idealkörpern. Marmorweiß wie die Skulpturen leuchtet ihr Gesicht unter den flatternden schwarzen Haaren, weich wiegt sie sich im Wind, der aus dem Nirgendwo kommt: Sie ist auch mit 47 Jahren noch das biegsame Schneewittchen von früher. Ihr Tanzpartner im verwunschenen Geisterschloss aber ist niemand Geringerer als Elvis, er besucht sie als unsichtbarer Geist im leeren, weißen Anzug. Kate Bush BILD

Auch von der öffentlichen Person Kate Bush war in den letzten Jahren nicht viel mehr geblieben als die Erinnerung an die Rüschen auf ihren extravaganten Kleidern. Zwölf Jahre waren vergangen seit ihrem letzten Album, und Fans wie Plattenfirma warteten sehnsüchtig auf ein Lebenszeichen. Kate Bush lebe völlig zurückgezogen in ihrem Anwesen auf einer Insel in der Themse, hieß es; man vermutete sie in ihrem Studio in Klangbasteleien vergraben, dem eigenen Perfektionismus erliegend. Irgendwann drang nach außen, dass sie 1998 einen Sohn bekommen hatte. Und der ist der eigentliche Grund für die Verzögerung, glaubt man den Interviews, die die Veröffentlichung ihrer neuen Platte Aerial begleiten. Bertie sei ein entzückender kleiner Junge, sagt sie, und er werde nicht mehr lange klein sein. Die Arbeit dagegen könne warten. So hat der verschollene Popstar die letzten Jahre wohl einfach damit verbracht, sich ums Kind zu kümmern und die Waschmaschine zu bedienen, kurz, ein ganz normales Leben zu führen.

"Normal" allerdings ist eine Vokabel, die im Laufe ihrer langen Karriere wohl selten mit Kate Bush in Verbindung gebracht worden ist. David Gilmore von Pink Floyd hatte die Klavier spielende Arzttochter entdeckt, als sie 16 war: eine Stiefel tragende Brontë-Schwester mit leidenschaftlichem Sopran, deren erste Single Wuthering Hights 1978 gleich auf Platz eins der englischen Charts landete. Sie sang von Liebe und Tod, von den Wirren der Menstruation und von der strampelnden Frucht des Inzests im Leib einer Frau, sie piepste, schrie und schmetterte ihr Innerstes nach außen und wurde damit zur Mutter aller empfindsamen Popsirenen von Tori Amos über P.J. Harvey bis zu Heather Nova.

In den immensen Echo-Räumen ihrer Stimme trafen sich die Gothic Novels mit den synthetisch-glamourösen New-Romantic-Entwürfen der Achtziger. Das Modell weiblicher Exzentrizität, das Kate Bush in die Popmusik einführte, war britisch bis in die letzte Faser ihrer lila Rüschenwäsche. Es basierte aber nicht auf Understatement, sondern auf einem entscheidenden Zuviel an Expressivität, das die Menschen spaltete. Die einen liebten Bush, die anderen wandten sich genervt von ihrem Sirenengesang ab. Diese efeuberankte Kindfrau war so widerständig wie uncool. Wo Madonna zur gleichen Zeit mit Hilfe industriell-glatter Imagewechsel zum weiblichen Superstar aufstieg, spielte sie, die früh das Medium Video in ähnlicher Perfektion nutzte wie Madonna, in all ihren wechselnden Verkleidungen immer die eine Rolle: die der sinnlichen Frau zwischen Hexenkraft und Hysterie. Dieses auf die Spitze getriebene Spiel mit der Weiblichkeit hinderte sie gleichzeitig nicht daran, den Männern die Kontrolle über die Technik abzunehmen, was sie endgültig zum feministischen Vorbild machte. Früh experimentierte sie mit Synthesizern, Drumcomputern und der neuen digitalen Aufnahmetechnik, ließ sich ein eigenes Studio einrichten und produzierte dort 1985 ihr berühmtestes Album Hounds of Love, das mit Hits wie Running Up That Hill den Sound des gesamten Jahrzehnts prägte.

An Hounds of Love soll Aerial nun wieder anschließen, und vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass es so spät kommt. Nachdem zahlreiche Revival-Wellen die dandyhafte Künstlichkeit der Achtziger rehabilitiert haben, nachdem nicht zuletzt in der Kunst plötzlich filigrane Scherenschnitte in Gothic-Schwarz und neoromantische Landschaftsansichten en vogue sind, hat das Publikum vielleicht auch wieder ein Ohr für die ätherischen Klangwolken einer Kate Bush. Die nämlich funktionieren heute nicht wesentlich anders als vor 20 Jahren. Die mechanisch voranstrebenden Beats sind vielleicht etwas weniger harsch, die orchestralen Streicherklänge haben etwas von ihrem eisigen Echo abgelegt, aber immer noch hat Kates Piano unendlich viel Raum, immer noch perlen die Synthie-Melodien wie Wassertropfen, immer noch türmt sich opulent Tonspur über Tonspur. Und Kate Bushs Gesang ist nach wie vor atemberaubend in seiner Dynamik, manchmal wie glänzendes Metall, manchmal am Rande der Selbstauflösung.

Aus der subversiven Nymphe aber ist auf Aerial eine sehr gelassene, heitere Frau geworden, und man wird nicht falsch damit liegen, wenn man als Grund dafür den Sohn vermutet. Früher hatte Kate Bush manchmal selbst den Peter Pan gegeben, jetzt hat Bertie diese Stelle eingenommen: Im Booklet zur CD ist er als süßer Rotschopf mit selbstvergessenem Lachen porträtiert. Das Lied, das sie für ihn singt, leiht seine Freude vom Schreittanz der Renaissance, es erzählt von einer Liebe, die so unkompliziert wie unendlich ist. "You bring me so much joy and then you bring me – more joy".

Aerial ist eine Doppel-CD, deren erster Teil, A Sea Of Honey, einer äußerst heterogenen Versammlung von Persönlichkeiten gewidmet ist. Neben Sohn Bertie sind es die verstorbene Mutter, die heilige Johanna, Archimedes mit seiner Kreiszahl Pi, und auch der King of the Mountain Elvis gehört in diese Reihe. Ein äußerst bemerkenswerter Song feiert eine gewisse Mrs Bartoluzzi, die sich als Waschmaschine entpuppt: Zu melancholischem Klavier erzählt Kate Bush, ganz in ihr Heim versponnen, vom britischen Landregen und von den schmutzigen Kleidern der Familie, die sich in der Trommel drehen. Doch wer glaubt, Kate Bush sei nunmehr eine Gefangene der washing machine, die sie im Refrain so leidenschaftlich besingt, liegt falsch, denn unversehens ist sie mit im Wasser, Fische spielen ihr um die Beine, und die Wellen tragen das Ich hinweg. Auch ein Waschgang kann den Weg ins Ozeanische weisen.