Im März 2004, als Franz Müntefering in Berlin zum SPD-Vorsitzenden gewählt wurde, sang der Parteitag das altehrwürdige Steigerlied. Das hatte etwas Programmatisches. Da wurde das Ende der Enkel-Herrschaft zelebriert, aber auch die Hoffnung, dass SPD-Folklore und Globalisierung doch irgendwie zusammenklingen würden - Tradition und Agenda! -, gerade weil sich die Partei mit der Schröderschen Reformpolitik so überaus schwer tat. Wahrscheinlich war Franz Müntefering der letzte SPD-Vorsitzende, zu dem das Lied passte. Jetzt wählt die Partei wieder einen neuen Vorsitzenden, in Karlsruhe, wahrscheinlich ohne Steigerlied.

Matthias Platzeck ist der siebte SPD-Chef seit Willy Brandt. Aus dem Vorsitz der Sozialdemokratie ist ein Schleudersitz geworden. Vielleicht sind deshalb die Vorschusslorbeeren für den Neuen aus dem Osten besonders üppig. Immerhin, der traut sich was. Denn die Probleme, die auf ihn zukommen, sind ja kaum kleiner als die seines Vorgängers. Der übernahm die Partei im Jahr 2004 mitten im Agenda-Frust, wollte authentisch sein und Kanzler-treu, weshalb sein Kurs des Öfteren zwischen Reformismus und Populismus hin und her pendelte. Mal galt der kategorische Imperativ alternativlosen Reformierens, dann wieder schien es, als locke noch einmal der Klassenkampf. Am Ende lockte dann doch nur die Große Koalition.

Die übernimmt nun Platzeck als seine Aufgabe. Eigentlich unlösbar: Einer, der in der SPD noch kaum Autorität hat, soll nun als Vorsitzender der Partei die Koalition mit der Union verklickern. Und deren Politik. Die wird kaum moderater ausfallen als Schröders Agenda, eher härter. Aber noch bevor die ersten Argumente formuliert wären, mit denen man den Genossen das heraufziehende Austeritätsprogramm plus Mehrwertsteuer nahe bringen könnte, liegt über allem schon wieder der Zwang des Alternativlosen. Während des Agenda-Streits ging es wenigstens noch um Kanzler und Machterhalt, nun muss die Große Koalition gelingen, einfach weil sie gelingen muss - mangels anderer Optionen. Was Platzeck seiner Partei jetzt schmackhaft machen soll, klingt noch ein wenig brutaler als die Agenda-Story des Duos Schröder/Müntefering.

Doch der Parteitag in Karlsruhe wird viel von den alt-neuen Zwängen zeigen - aber wenig Protest. Protest gab es ja schon vor dem Parteitag. Gerade die Eskalation, die aus der Nahles-Nominierung einen ungewollten Putsch werden ließ, dem versehentlich der Vorsitzende zum Opfer fiel, wird auf dem Parteitag allen Unmut dämpfen. Der Koalitionsvertrag, der neue Vorsitzende und der alte, der sich ein Parteitagsmandat für seine Vizekanzlerschaft abholen will, das alles wird glatt über die Bühne gehen. Emotionen wird es da geben, wo der Parteitag noch einmal ein bisschen Rache gegen die Abweichler üben kann, über die Müntefering stürzte.

Dabei ist sein Weg an der Spitze zwar kurz, aber nicht ohne innere Logik: Er kam nach oben, als der Kanzler allein nicht mehr weiterwusste, und er ging, als auch Schröders Abgang besiegelt war. Das musste nicht so kommen. Aber es wirkt auch nicht allzu gewaltsam.

Nun beginnt eine neue Phase. Obwohl Matthias Platzeck die alten Probleme erbt, in verschärfter Form. Gar nicht so einfach, daraus einen Aufbruch zu machen. Nur eine Große Koalition, deren Zumutungen an die Partei sich in Erfolgen für das Land auszahlten, würde dem neuen Vorsitzenden auch neue Perspektiven eröffnen. Platzeck könnte dann sogar etwas anderes werden als ein Übergangsvorsitzender.