Am 3. Oktober hat sich die deutsche Wiedervereinigung zum 15. Male gejährt. Zwei Tage vorher kam es zu einer Vereinigung von Institutionen, die bislang nicht zusammengehörten, obwohl sie als "gesetzliche Rentenversicherung" in unserem Bewusstsein als Einheit existieren. Aber organisatorisch bestand "die" Rentenversicherung bislang aus 25 Trägern – den Landesversicherungsanstalten, der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte und einigen kleinen Trägern wie zum Beispiel der Seekasse. Wegen der schwierigen Regierungsbildung in Berlin fand diese Organisationsreform fast unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Deswegen lohnt sich ein Rückblick. Denn es erscheint merkwürdig, wenn im Zeitalter der Dezentralisierung und Privatisierung eine neue Superbehörde geschaffen wird.

Die Organisationsreform der Rentenversicherung wurde notwendig, da die traditionelle Gliederung der Rententräger in die Arbeiter- und Angestelltenversicherung nicht mehr aufrechtzuerhalten war. Es gibt immer weniger Arbeiter. Ohne Reform wären bald alle Versicherten bei der völlig zentralisierten Bundesversicherungsanstalt für Angestellte in Berlin betreut worden. Das wäre ganz bestimmt keine sinnvolle Lösung – deswegen wurde eine ganz neue Struktur gesucht.

Am 1. Oktober wurde daher als Dach die Deutsche Rentenversicherung geschaffen. Darunter gibt es 15 Regionalträger (statt zuvor 22 Landesversicherungsanstalten). Der Verband Deutscher Rentenversicherungsträger wurde überflüssig und aufgelöst. Die Bundesknappschaft, die Bahnversicherungsanstalt und die Seekasse verschmelzen zur Deutschen Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See. Die auch gesellschaftspolitisch überholte Unterscheidung in Arbeiter und Angestellte wird auch im Sozialversicherungsrecht aufgehoben.

Vielen Beobachtern geht die Reform nicht weit genug. Aber bei Lichte besehen, kann ein Altersvorsorgesystem verwaltungsmäßig gar nicht viel besser funktionieren als die gesetzliche Rentenversicherung. In Deutschland hat jeder Rentenversicherte seit Bismarcks Zeiten einen persönlich erworbenen und politisch nicht manipulierbaren Rentenanspruch. Dieses System der "Individual Accounts" gilt inzwischen weltweit als vorbildlich. Die Amerikaner sehen es als Utopie an ihrem Reformhorizont. Denn die persönlichen Rentenanwartschaften bedürfen einer funktionierenden Verwaltung – und eine solche ist in vielen Ländern keineswegs selbstverständlich. Ganz besonders nicht in den Vereinigten Staaten. Und es ist ein Kunststück, eine präzise funktionierende Verwaltung obendrein noch preiswert zu realisieren. Das zeigen insbesondere private Lebensversicherungen.

Um private Versicherungen vor dem Bankrott zu schützen, wird der Wettbewerb zwischen ihnen in allen Ländern dieser Welt vom Staat – sinnvollerweise – eingeschränkt. Dieser Schutz kostet die Kunden viel Geld, da mangelnder Wettbewerb zu Verschwendung einlädt. In Deutschland machen die Abschlusskosten sagenhafte 15 Prozent aus, davon sind etwa die Hälfte Provisionen. Die Verwaltungskosten machen knapp drei Prozent aus; dabei beträgt die Spanne bei den einzelnen Versicherungen 1,5 bis 4,5 Prozent. Und zusätzlich knapp zwei Prozent der Einnahmen geben die Lebensversicherer für die Kapitalanlage der Versicherungsprämien aus.

Dagegen nehmen sich die Verwaltungskosten der Deutschen Rentenversicherung, die immer wieder von den Rechnungshöfen kontrolliert wird, mit 1,6 Prozent der Gesamtausgaben nicht schlecht aus. Darin enthalten sind auch die Kosten der Kapitalanlage. Durch die Organisationsreform sollen zudem die Verwaltungskosten innerhalb von fünf Jahren um zehn Prozent reduziert werden. Das wären rund 350 Millionen Euro weniger Ausgaben pro Jahr.

Sicherlich: Man könnte sich eine straffere Organisationsreform vorstellen. So könnte man den einen oder anderen Regionalträger gewiss auch noch einsparen. Allerdings müssten dann freigesetzte Verwaltungsbeamte – wie bei der Post – weiter bezahlt werden. Auch ein Systemwechsel, der durch konsequenten Wettbewerb versuchte, noch mehr Kosten einzusparen, wäre denkbar. Zum Beispiel die Rückführung der Rentenversicherungsträger auf die eigentliche Buchhaltung – während der Service, insbesondere die Beratung der Versicherten, an private Firmen, die im Wettbewerb zueinander stehen, ausgelagert wird. Aber ob das wirklich kundenfreundlicher wäre, wüsste man erst im Nachhinein. Zwar wird angesichts einer immer komplizierter werdenden Altersvorsorge Beratung immer wichtiger. Ob allerdings private Beratungsfirmen das besser erledigen als die halbstaatliche Rentenversicherung, kann man angesichts der Unzufriedenheit von Bankkunden mit Fug und Recht bezweifeln.

Gert G. Wagner, Professor für Volkswirtschaftslehre an der TU Berlin, ist am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Forschungsdirektor für Soziales Risikomanagement