Schülerwettbewerbe, Mathematikolympiaden und Jugend-forscht-Projekte wenden sich gern an den Elitennachwuchs: Gymnasiasten sind gewöhnt daran, dass ihnen die eine oder andere Entfaltungsmöglichkeit gegeben wird, die über das alltägliche schulische Angebot hinausgeht. Hauptschüler hingegen werden von Stiftungen und anderen Mäzenen bisher wenig wahrgenommen, obwohl gerade sie jede Förderung und zusätzliche Motivation dringend gebrauchen könnten.

Zum Glück scheint sich das langsam zu ändern: Die von Siemens und Bertelsmann geförderte, gemeinnützige Initiative Step 21 widmet sich der politischen Bildung von Hauptschülern und versucht mit einigem Erfolg, sie durch Medienprojekte und Wettbewerbe zu sozialem Engagement zu bewegen.

Das Bucerius-Lernwerk der ZEIT-Stiftung bemüht sich um bessere Chancen für Hauptschulabsolventen auf dem Arbeitsmarkt: Etwa 600 Schüler in Hamburg und Rostock profitieren von dem Projekt, das unter der Schirmherrschaft von Loki Schmidt und der fachlichen Leitung des Hamburger Pädagogikprofessors Reiner Lehberger steht. Die beteiligten Schulen arbeiten eng mit rund 500 Betrieben zusammen. An einem Tag pro Woche haben die Jugendlichen der neunten Jahrgangsstufe keinen Unterricht, sondern lernen stattdessen in diesen Unternehmen die Arbeitswelt kennen. Das hilft ihnen, ihre eigenen beruflichen Interessen zu entdecken und die Spielregeln des Arbeitslebens zu begreifen.

Wer fleißig liest, bekommt einen Kinogutschein

Und noch ein Projekt des Lernwerks startete im Sommer 2004: Dabei geht es um gezielte Leseförderung für Hauptschüler. Die Pisa-Studie hatte gezeigt, dass in Deutschland fast 10 Prozent der Schüler nicht einmal die Kompetenzstufe eins der Lesefähigkeit und weitere 13 Prozent nur gerade eben diese Stufe erreichen. Es gibt also 23 Prozent Risikoschüler, denen die allerwichtigste Voraussetzung zum Lernen fehlt. 50 Prozent dieser Problemkandidaten besuchen Hauptschulen, 34 Prozent Sonderschulen, 7 Prozent Gesamtschulen. In Hamburg (wie in anderen Metropolen) ist die Lage dramatischer als in den Flächenländern: Wer irgend kann, geht hier zur Gesamtschule, nur 10 Prozent aller Hamburger Schüler findet man an den Hauptschulen, wo sich Lernschwierigkeiten, Sprachprobleme, schwierige Elternhäuser, Gewaltbereitschaft und allgemeine Hoffnungslosigkeit aufs Ungünstigste konzentrieren.

In acht Projektschulen werden nun für die insgesamt 100 Schüler, die am schlechtesten lesen - aber ausdrücklich nicht für die größten Unruhestifter -, zusätzliche Lesekurse angeboten. Je zwei Studierende des Fachbereichs Erziehungswissenschaften der Hamburger Universität unterrichten acht bis zehn Schüler, und zwar vier Stunden in der Woche. Zwei davon sind so genannte Differenzierungsstunden parallel zum regulären Fachunterricht, in denen die Jugendlichen den Stoff vertiefen. Im Fach Geschichte können sich viele Schüler nicht am Unterrichtsgespräch beteiligen, weil sie die Texte, über die geredet wird, gar nicht verstehen, sagt Dirk Hagener, Leiter der Gesamtschule Bergedorf. Es ist ein Skandal, dass die jungen Leute bis in die neunte Klasse gelangen konnten, ohne dass jemand bemerkt hätte, dass sie nicht lesen können, sagt Reiner Lehberger.

Dafür muss es vielfältige Gründe geben. Bei seinen Unterrichtshospitationen hat Lehberger zum Beispiel beobachtet, dass in den wenigsten Schulen Vokabelhefte geführt werden. Kinder türkischer oder russischer Herkunft lauschen Mittelalter-Referaten, die von Zinnen, Rüstungen und Zugbrücken handeln - Wörter, die sie nie gehört haben und die ihnen Rätsel aufgeben. Bei der Lernwerk-Leseförderung gehört das Vokabelheft zum Handwerkszeug.