Die Menschen werden immer älter. 100 oder gar 120 Jahre alt könnten die Deutschen künftig im Durchschnitt werden, prognostizieren Altersforscher. Wahrhaben wollen das die Deutschen aber nicht. Über Jahre legen sie Geld zurück für die Jahre nach dem Arbeitsleben, und vor die Wahl gestellt, die private Altersvorsorge beim Eintritt ins Rentenalter auf einen Schlag ausgezahlt zu bekommen oder für den Rest des Lebens eine monatliche Rente zu beziehen, wählen viele die Auszahlung des Kapitals. BILD

Das erhöht allerdings in vielen Fällen die Gefahr, im Alter irgendwann ohne genug Geld dazustehen.

Dass die Deutschen ausgeprägt verrentungsscheu sind, zu diesem Schluss kommt eine jüngst erschienene Studie des Aachener Forschungsinstitut für Asset Management (Fifam) über das Anlageverhalten hierzulande. Daten vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) bestätigen dies: Danach besitzen 64 Prozent der Deutschen eine Kapitallebensversicherung, aber nur 16 Prozent zahlen in eine Rentenversicherung ein. Der Markt für Rentenprodukte ist klein, daher wenig umkämpft und teuer. Zwar haben fast alle Versicherten Verträge, die ihnen am Ende die Wahl der Auszahlungsoption lassen, aber der Trend zum Kapital ist klar.

Wer glaubt, dass vor allem die wirtschaftlich unsicheren Zeiten die Menschen lieber zu einem ganzen Batzen Geld sofort statt zu einer steten Versorgung für den Rest ihres Lebens greifen lässt, springt zu kurz. Weltweit ist zu beobachten, dass nur wenige Menschen ihr Geld verrenten. Schuld daran sind in erster Linie höchst menschliche Fehleinschätzungen und psychologische Hemmschwellen.

Viele Menschen fürchten beispielsweise, dass sie bei einer Verrentung ein schlechtes Geschäft machen würden. Im Schnitt, so ermittelte das Deutsche Institut für Altersvorsorge, schätzen die Deutschen die allgemeine Lebenserwartung – die derzeit nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes bei Frauen durchschnittlich 81 Jahre und bei Männern immerhin noch 76 Jahre beträgt – in der Regel zwar realistisch ein. Ihre persönliche Lebenserwartung aber unterschätzen sie um fünf Jahre. Jemand, der bereits die 65 Jahre überschritten hat, wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent auch den 75. Geburtstag erleben und zu 60 Prozent auch den 80. bis 85. Geburtstag feiern. Jene also, die das Rentenalter erreichen, knacken das Durchschnittsalter locker.

Trotzdem gehen viele Sparer die "Wette auf ein langes Leben" lieber nicht ein, wie Versicherungsmathematiker das Prinzip der Rentenzahlung nennen. "Psychologen bezeichnen das als Verlustaversion", erklärt Rüdiger von Nitzsch, Professor am Fifam und Kenner der Behavioral Finance, jener Forschungsrichtung innerhalb der Ökonomie, die irrationale Entscheidungen und wiederkehrende Verhaltensmuster untersucht. "Über einen Euro Verlust ärgert sich der Mensch doppelt so stark, als er sich über einen Euro Gewinn freut. Die Gefahr, dass man zu früh sterben könnte, hat also einen doppelt so hohen Stellenwert bei der Auszahlungsentscheidung." Und so treffen sie am Ende einer lebenslangen Ansparphase meist eine falsche Entscheidung über ihr Vermögen.

Der größte Versicherer Allianz etwa zahlt anstelle einer einmaligen Kapitalauszahlung von 100000 Euro eine Sofortrente von 545 Euro. Wer sie länger als 183 Monate, also gut 15 Jahre bezieht, macht demnach Gewinn – ab 80 Jahren ist das Lebenskonto im Plus.

Wer auf Nummer sicher gehen will, kann sogar eine Rentengarantiezeit festlegen. Damit überträgt er für den Fall, dass er die 80 doch nicht schafft, seine Rentenansprüche für eine Dauer von fünf bis zehn Jahren auf seine Erben. "Wir empfehlen in solchen Fällen, eine möglichst lange Garantiezeit zu vereinbaren", sagt Versicherungsexpertin Elke Weidenbach von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen (VZ NRW), "die meisten wählen trotzdem nur fünf statt zehn Jahre, weil es erheblich billiger für sie ist". Die Garantieklausel schmälert nämlich die Auszahlungshöhe.