Ein Müllermeister und Mittelständler in Ludwig Erhards und Karl Schillers Fußstapfen – kann das gut gehen? Vermutlich hat sich Michael Glos, der künftige Bundeswirtschaftsminister, diese Frage gar nicht gestellt. Eigentlich sollte er Verteidigungsminister werden – ein CDU-Kollege machte das Rennen. Dann sah Glos sich als Chef der CSU-Landesgruppe, wie gehabt. Doch nun rückt der 60 Jahre alte Franke an die Spitze des Wirtschaftsressorts. Vom beinahe-verteidigungsminister zu Ludwig Erhards Erben: Michael Glos BILD

Ein politischer Haudegen mit Erfahrung in Haushalts- und Steuerfragen trifft auf ein Ministerium, dessen Mitarbeiter verärgert sind, weil man sie wieder einmal hin- und herschiebt. Und die erleben, wie ihr traditionsreiches Haus unter schleichendem Prestigeverlust leidet.

Bei der Regierungsbildung vor drei Jahren forderte Klaus Zimmermann, der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW): "Mehr Gewicht oder zumachen!" Mancher moderne Industriestaat hat sich für Letzteres entschieden (siehe Kästen). Doch im zweiten rot-grünen Kabinett erhielt das Wirtschaftsressort mit der Arbeitsmarktpolitik erheblich mehr Gewicht. Das wird ihm jetzt wieder weggenommen und zum Kern eines eigenen Ressorts gemacht. Michael Glos muss sich mit einem amputierten Ministerium begnügen.

"Das Ministerium vereint ein Sammelsurium der Politik"

Dort herrscht Verwirrung und Frustration. Vor allem bei denen, die erst vor drei Jahren ins Haus Clement kamen und nun schon wieder wechseln sollen. "Wenn sich Kollegen treffen, ist die Teilung das Thema Nummer eins", berichtet ein hoher Ministerialer.

An keinem anderen Ministerium von Bedeutung wurde in der rot-grünen Ära so viel herumgewerkelt wie am Wirtschaftsressort. 1998 nahm ihm Finanzminister Oskar Lafontaine fast die komplette Europa-Kompetenz weg, dazu die wesentlichen Teile der Grundsatzabteilung, ein Kernstück des damals noch in Bonn-Duisdorf residierenden Ministeriums. Klaus-Werner Schatz, am Ende der Ära Kohl Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik und heute beim Institut der deutschen Wirtschaft in Berlin, resümierte: "Das Ministerium vereint nun in sich ein Sammelsurium aus Industrie-, Mittelstands-, Energie-, Handels- und Technologiepolitik, und auch das nur jeweils zu Teilen."

Bei der Regierungsbildung vor drei Jahren durfte dann der Großteil der ökonomischen Vordenker aus dem Exil in ihr angestammtes Haus zurückkehren. Gleichzeitig verschob sich aber das Gewicht der Aufgaben. Wolfgang Clement, der neue Hausherr, widmete sich vorrangig dem Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Enthusiastisch trieb er die Umgestaltung der Bundesanstalt für Arbeit und die Umsetzung der Hartz-Gesetze. Selbst die monatlichen Schreckenszahlen vom Arbeitsmarkt verkündete er mit Hingabe.

Gleichzeitig musste das Ministerium neu organisiert werden. Dadurch stieg die Zahl der Mitarbeiter von 1700 auf über 2400. Der vom Finanzministerium eingeforderten "Effizienzrendite" kam man dann mit Personalabbau nach. Heute, am Ende der Ära Clement, ist das Haus in der Berliner Scharnhorststraße von acht auf zwölf Abteilungen angewachsen, die Zahl der Mitarbeiter liegt aber nur noch bei 1900. Der Großteil der in Bonn verbliebenen Referate mit ihren 850 Mitarbeitern wird abwandern. Was an Forschungspolitik und Europathemen dazukommt, ist immer noch nicht klar. Fest steht hingegen, was ein Mann der Führungsebene so formuliert: "Die Aufteilung wird eine sehr schmerzhafte Sache."