Vaters Heimat

Meine Strasse: Er kam als Flüchtling und erfüllte sich in der Nordeifel den Traum vom Eigenheim. Der Sohn kehrt zurück, um das Haus zu verkaufen

Ich habe ihn all die Jahre eigentlich nie als Flüchtling gesehen. Jetzt erst, da ich das Haus verkaufen soll, erscheint mir Vaters Sesshaftigkeit mit einem Mal als die späte und unwahrscheinliche Errungenschaft, die sie wohl für ihn gewesen sein muss. Er war hier endlich angekommen – zunächst, als Kind, vertrieben aus Westpreußen, dann geflohen aus der frühen DDR, buchstäblich mit nichts als einem Koffer in der Hand.

Nach langen Irrfahrten als Bäckergeselle durch die frühe Bundesrepublik war mein Vater Ende der fünfziger Jahre endlich im äußersten Westen des Landes hängen geblieben, genauer gesagt in einem Dorf namens Vicht, in den ersten sanften Hügeln der Nordeifel bei Aachen, kurz vor der Grenze zu den Niederlanden und Belgien. Der Bungalow in der Dicken Hecke 17, den er 1970 hatte errichten lassen, wurde unser Familienhaus. Mein fünf Jahre jüngerer Bruder Arndt und ich sind hier aufgewachsen – in der bewegten Zeit zwischen »Mehr Demokratie wagen« und »Wir sind das Volk«. Die Familie hatte vorher zur Untermiete gewohnt, in ziemlich engen Verhältnissen. In den letzten Jahren hat der Familienbungalow mit Doppelgarage und Einliegerwohnung sich in das Haus meines Vaters zurückverwandelt. Ich vermeide es, allein dort zu sein. Wenn es sein muss, dass ich etwa mit einem Makler hindurchgehe, lege ich mir eine geschäftsmäßige Haltung zurecht. So ist es auszuhalten. Nachher schlafe ich allerdings nicht gut und träume Kinderalbträume vom Verlassensein und Nicht-nach-Hause-Finden.

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Mein Vater hatte einen dieser langen Wege nach Westen zurückgelegt, die für die Bundesrepublik typisch waren – die erste Teilstrecke gezwungenermaßen als Vertriebener, die zweite freiwillig, als Republikflüchtiger auf der Suche nach dem guten Leben in Freiheit. Er hatte eigentlich nicht aufs Dorf gewollt. Er träumte immer von einem Café in einer Stadt. Am Ende hat er es immerhin zu einer florierenden Bäckerei auf dem Lande gebracht. Es hat lange gedauert, bis ich seinen Wunsch danach, endlich irgendwo anzukommen und dazuzugehören, gelten lassen konnte. Ich habe seinen Kult um das eigene Haus und das große Grundstück so recht erst nach seinem Tode verstehen können.

Der Vater wollte die Stadt erobern, erst die Söhne schafften es

Als ich ein Jugendlicher war, schien mein Glück hingegen geradezu davon abzuhängen, mich von der Sesshaftigkeit frei zu machen. Aus dem Einfamilienhaus-Neubau musste ich so schnell wie möglich entkommen, möglichst in eine WG in einer städtischen Altbauwohnung. Ich konnte oder wollte nicht sehen, gegen welche Widrigkeiten mein Vater seine späte Ankunft ertrotzen musste. Eigenartig: Es fiel leichter, sich als politisch interessierter Jugendlicher mit den Boat-People aus Vietnam zu identifizieren als die Flüchtlingsgeschichten in der eigenen Familie zur Kenntnis zu nehmen.

Mit dem Haus hatte mein Vater sich die Kriegskindersehnsucht nach einer bürgerlichen Existenz erfüllt, also auch nach eigenem Grund und Boden. Der selbstgerechte Heranwachsende, der ich war, lehnte das ländliche Eigenheim als spießig ab und träumte sehr ungefähr vom beweglichen Leben in den großen Städten. Wenn ich heute aus Berlin in dem leeren Haus zu Gast bin, kommt mir der Kleinbürgerselbsthass von damals ziemlich engherzig und ungerecht vor.

Denn der Alltag, der sich in unserem Siebziger-Jahre-Bungalow entfaltete, mag kleinbürgerlich gewesen sein, er war dennoch ziemlich unspießig. Mein Vater, dem es nicht eingefallen wäre, auch nur ein einziges Mal aus seinem Vertreibungsschicksal eine larmoyante Opfergeschichte zu machen, brachte einen Hauch von freundlich-zupackender Weltläufigkeit in das alteingesessene, gutkatholische Dörflermilieu. Solche Dinge müssen sich abertausendfach in der deutschen Nachkriegsprovinz abgespielt haben. Leider haben die nervtötenden Berufsvertriebenen mit ihren quengeligen Verbänden dafür gesorgt, dass der sozial durchlüftende Effekt der großen Flucht in den Hintergrund getreten ist. Man müsste endlich einmal, denke ich oft in Erinnerung an meinen von den Totalitarismen des letzten Jahrhunderts mächtig herumgeschubsten Vater, die Vertriebenen als Agenten der Modernisierung der Bundesrepublik beschreiben.

Sie waren ungeliebte Fremde im eigenen Land. Sie hatten sich und anderen etwas zu beweisen. Sie brachten die alteingesessenen Milieus und ihren Trott heilsam durcheinander – so wie jener preußisch-protestantisch geprägte Bäckermeister, der sich partout in den Kopf gesetzt hatte, das rheinisch-katholische Mädchen, das meine Mutter werden sollte, aus dem Dorf in die Stadt zu entführen, um mit ihr ein elegantes Café zu eröffnen. Man blieb dann zwar doch auf dem Dorf. Aber meine Eltern waren trotz dieses geplatzten Traums in aller Zurückgenommenheit ein romantisches Paar. (Sie hätten diesen Begriff allerdings peinlich gefunden, und zu ihren Lebzeiten habe ich sie auch nicht so sehen können, wie wohl die meisten Kinder.) Sie hatten sich beide nicht für das Naheliegende entschieden. Ihrer Verbindung haftete etwas Unwahrscheinliches und doch Schicksalhaftes an. Es war am Ende gar nicht schlimm, dass aus dem Café in der Stadt nichts wurde. Der Auftrag, die Stadt zu erobern, ging einfach auf meinen Bruder und mich über, und bis heute sind wir beide in Freiburg und Berlin damit beschäftigt, ihn abzuarbeiten.

Wie erstaunlich doch diese optimistischen frühen siebziger Jahre in der westdeutschen Provinz waren! Woher dieser plötzliche Mut, absolut modern zu sein, von dem schon die grellorangefarbenen und hellblauen Vorhänge und Tapetenmuster kündeten? Wenn nicht gerade »autofreier Sonntag« war, fuhren wir mit unserem undeutsch eleganten Citroën DS durchs Dorf zur Jazz-Messe in der kleinen Pfarrkirche St. Johannes Baptist. Ich war, bis zur Pubertät, glühend begeisterter Messdiener. Wir bekamen einen progressiven jungen Pastor, der Mädchen als Messdienerinnen anwarb und aufwühlende Nachtwallfahrten mit Meditation organisierte. Der vollbärtige Lehrer und seine linkskatholischen Hippiefreunde verkauften im Pfarrgemeindehaus fair gehandelte Dritte-Welt-Waren. Der progressive Alltag machte selbst vor unserer Zwergschule mit ihren zwei Klassen keinen Halt. Mengenlehre und Sexualkunde wurden an uns ausprobiert, vor allem Letzteres unter großem Hallo.

Wer als Heranwachsender nichts wusste von den K-Gruppen und von den Kassandrarufen des Club of Rome, von den ersten Schüssen im »Kampf in den Metropolen«, von Männergruppen, Psychoboom, Rasterfahndung und Unregierbarkeit, dem musste die Bundesrepublik der Siebziger als das beste Land der Welt erscheinen. Sexuelles und politisches Erwachen – Testosteron und Terrorismus – haben bei mir erst Ende des Jahrzehnts dieses Gefühl der Geborgenheit zerstört. Bis dahin war die Bundesrepublik für mich wirklich jenes »Modell Deutschland«, als das sie sich unter dem sozialingenieurhaften Regiment Helmut Schmidts darstellte. Als einsame Vorboten des Unheils habe ich die Plakate in der Filiale der Sparkasse in Erinnerung, auf denen Fotos von grimmigen jungen Leuten zu sehen waren, die einerseits dringend gesucht, vor denen zugleich aber auch gewarnt wurde: »Achtung, Schußwaffen!« Von Zeit zu Zeit wurde ein Foto ausgekreuzt, mit dicken, Genugtuung ausstrahlenden Strichen.

Aber Terror, Energiekrise und Staatsnotstand waren weit weg, letztlich fern und folgenlos dank Helmut Schmidt, dem auch das CDU-Publikum meines Herkunftsmilieus respektvoll zutraute, mit alldem irgendwie fertig zu werden. Er sollte der Letzte sein, zu dem man so treuherzig aufschaute.

Seltsam, wie weit der Krieg damals schon entrückt war mitsamt dem ganzen großdeutschen Weltbeherrschungsirrsinn. Als ich meinen Eltern erklärte, dass ich den Wehrdienst verweigern würde, blieben nicht nur die Bedenken aus, die ich erwartet hatte. Man ließ mich wortlos Erleichterung spüren. Meine komplizierten Gewissensgründe interessierten nicht. Es war schlicht und einfach genug mit Krieg und Elend seit nunmehr drei Generationen. Das war der unausgesprochene Generationenkonsens.

Einzig mein Stalingrad-Onkel, auch er Bäckermeister, wütete gegen meinen Pazifismus. Er war mit erfrorenen Zehen nach viel zu vielen Jahren aus Sibirien spätheimgekehrt, ein körperliches und seelisches Häuflein Elend, ein mehrfach Besiegter, dem eine grausame Ironie ausgerechnet den Vornamen Viktor zugedacht hatte.

Unser heller, großzügiger Bungalow füllte sich im Lauf der Jahre mit immer mehr Wohlstandsinsignien. Die Familienfeste wurden von der Dual-Hifi-Anlage beschallt. Das WM-Endspiel 1974 sahen wir auf unserem neuen großen Farbfernseher, der Rubens oder Goya hieß. Die materiellen Dinge wurden immer besser und dabei noch erschwinglicher, die Erwachsenen entspannter, und den Kindern stand dank der Bildungsreform die Welt offen. Als erstes Kind unserer Familie und als einziger Junge aus meiner Zwergschulklasse erhielt ich eine Empfehlung fürs humanistische Goethe-Gymnasium in der nahen Kreisstadt. Das in Stein über der Pforte gemeißelte Motto der Schule (»Per aspera ad astra«, durch Mühe zu den Sternen) hätte man wohl im kritischen Jargon der Zeit mit »Leistungsdruck« übersetzen müssen.

Die bettelnden Kriegskrüppel ohne Beine verschwanden irgendwann aus der Fußgängerzone. Fast hätte man nun vergessen können, dass auch wir Besiegte waren. Die Luftschutzkeller, die Flüchtlingstrecks, die Bombennächte aus der Kindheit meiner Eltern waren wie nie gewesen. Hitler kam noch nicht jeden Abend im Fernsehen. Man hätte den Horror des Jahrhunderts gnädig wegdrücken können, wenn nicht einerseits der zusehends rechtsradikale Onkel Viktor gewesen wäre, der mit seiner National-Zeitung herumwedelte, und andererseits jene armen Verwandten aus Karl-Marx-Stadt, die uns eines Tages zu einem Familienfest besuchten. Ihnen hatte der Mut meines Vaters gefehlt, nach der Vertreibung noch ein weiteres Mal und noch weiter im Westen neu anzufangen. Sie waren in der DDR eigentlich gut zurechtgekommen. Sie hatten auskömmliche Stellungen ergattert, ohne sich allzusehr zu verbiegen. Doch unseren Lebensstil mit eigenen Augen zu sehen unterminierte ihre Selbstachtung. Angesichts unseres Reichtums fielen sie regelrecht in sich zusammen. Man bemühte sich, nett zu ihnen zu sein und sie nicht allzusehr fühlen zu lassen, dass sie eindeutig die Verlierer der Geschichte waren. Sie hatten ja für alle bezahlt, und sie würden gleich nach ihrer Heimkehr weiter hinhalten müssen, wohl bis an ihr Lebensende. Denn die DDR war eine Tatsache. Man konnte sie hassen, wie es alle meine republikflüchtigen Onkel und Tanten inbrünstig taten, aber verschwinden würde sie zu unseren Lebzeiten nicht mehr. Da waren wir ganz sicher.

Unsere Nachbarn hatten zwei Kinder im gleichen Alter wie mein Bruder und ich. Torsten und Nina nannten ihre Eltern beim Vornamen statt Mama und Papa. Die Familie war die Speerspitze der Modernität auf dem Dorf. Ihre modernen antiautoritären Erziehungsmethoden waren bis dato unerhört. Der Vater, ein Ingenieur, so hieß es, habe eine Erfindung gemacht, von der die Familie leben konnte. Sie begannen irgendwann nebenher ein Restaurant auf Sylt zu betreiben. Vor meinem geistigen Auge waren dort stets alle nackt – auch im Restaurant –, man hatte ja so einiges gehört über die lockeren Sitten auf der Insel. Das Elternduzen und das Nacktbaden schienen auf geheimnisvolle Weise zusammenzuhängen in diesem vielversprechenden avantgardistischen Sylter Lebensstil der Familie. Irgendwann zogen sie ganz nach Westerland. Ich habe die Nachbarskinder lange beneidet um das coole Laisser-faire-Ambiente, das in ihrer Familie herrschte. Als wäre es die natürlichste Sache der Welt, wurden die Eltern irgendwann geschieden. Im Dorf sprach man raunend von »Zerrüttung« und Alkoholismus. Ich wollte davon nichts hören. So leicht würde ich mir mein Traumbild einer ganz anderen Familie nicht kaputtmachen lassen. Die Scheidung, das Trinken, das Kaputte schienen irgendwie organisch zur Unkonventionalität unserer Nachbarn dazuzugehören und ihren Authentizitäts- und Coolness-Faktor abermals zu erhöhen.

Die Brutalität des Dorfes liegt heute offen zutage

Das Dorf war in Wahrheit keine heile Welt. Ich weiß das heute sehr wohl. Torsten und Nina haben unter dem Chaos des progressiven Alltags, um das ich sie beneidete, wahrscheinlich ziemlich gelitten. Wenn ich gelegentlich wieder in Vicht bin, fällt mir die Härte des Landlebens auf. Es gäbe viele grässliche Geschichten aus unserem ganz normalen Dorf zu erzählen – von dem begabten Vetter, der dringend hätte weggehen müssen, aber nicht die Kraft aufbrachte und schließlich den Freitod suchte; von dem Klassenkameraden, dessen klandestine Karriere als Drogenhändler und Zuhälter eines Morgens durch mehrere Schüsse in den Kopf beendet wurde; von der unglücklich verheirateten jungen Frau, die ihr uneheliches Neugeborenes aus Angst vor Schande ausgesetzt hatte. Es wurde gefunden und adoptiert. Das Dorf erfuhr davon. Nun verbringt die Frau den Rest ihres Leben als Paria.

Die Brutalität des Dorfes, vor deren Erkenntnis mich die liebevoll geordneten Verhältnisse zu Hause bei uns dankenswerterweise lange beschützt haben, liegt heute bei jedem Besuch offen zutage. Manchmal bin ich regelrecht dankbar für diese ungeschützten Blicke. Sie dämpfen die Sehnsucht nach einer längst verlorenen Welt, die sich mir endgültig verschließen wird, wenn der Makler eines Tages Erfolg haben sollte. Ich habe eigentlich kein Heimweh nach dem Dorf – wohl aber nach der rätselhaften Zuversicht, die in den frühen siebziger Jahren wider alle Vernunft und Wahrscheinlichkeit auf unserem Leben in der Dicken Hecke 17 lag. Bald werde ich die letzten Dinge aus dem Haus räumen müssen. Ich drücke mich darum.

Nur den alten Lederkoffer, mit dem mein Vater 18-jährig in den Westen geflohen war, habe ich beim letzten Besuch schon einmal mit nach Berlin genommen.

 
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