Als vor einem Jahr Der Untergang in die Kinos kam, spaltete der Film die Nation in zwei Lager. Die Darstellung der letzten zwölf Tage Hitlers im Führerbunker schien den einen eine einzige Verharmlosungsorgie (Diedrich Diederichsen in der taz) und löste ein tiefes Erschrecken über etwas, was ich nur >Verharmlosung< nennen kann, aus (Wim Wenders in der ZEIT). Andere lobten ihn als Meisterwerk, das in Deutschland ein neues überwältigendes Interesse an dem, was war, wachrufe (Frank Schirrmacher in der FAZ).

Nun gibt eine psychologische Untersuchung der Universität Koblenz Landau eher den Skeptikern Recht. Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass sich die Befürchtungen, die die Debatte in den Medien bestimmt haben, zumindest zum Teil bewahrheiten, bilanzieren die Forscher. Der Untergang habe durchaus eine verharmlosende Wirkung, jedenfalls soweit es die Wahrnehmung der Person Hitlers durch Jugendliche betrifft.

Das Team um den Psychologen Manfred Schmitt befragte knapp 400 Schüler der neunten und zehnten Klasse an sechs Schulen zu ihrer Einstellung gegenüber der deutschen Geschichte. Die Hälfte der Schüler hatte den Film vier Wochen zuvor im Kino gesehen. Beiden Gruppen wurde ein Fragebogen vorgelegt, der allgemeine Aussagen zur deutschen Geschichte enthielt - Die deutsche Bevölkerung wurde gegen ihren Willen von den Nationalsozialisten in die Irre geführt oder Die Bombardierung deutscher Städte wäre nicht notwendig gewesen. Zugleich wurde die Einstellung zu Hitler erfasst - Im Grunde war Hitler ein Mensch wie andere auch - und die emotionale Einstellung mit einem Gefühlsthermometer gemessen, auf dem die Schüler das Ausmaß von Emotionen wie Wut, Angst oder Mitleid gegenüber Hitler im Vergleich mit drei weiteren Politikern (Stalin, Mussolini, Churchill) angeben sollten.

Das Ergebnis ist eindeutig: Schüler, die den Film gesehen haben, nehmen Hitler menschlicher wahr und haben ihm gegenüber weniger negative Gefühle als die Nichtkinogänger. Außerdem steigerte der Kinobesuch die Patriotismuswerte - nach dem Film identifizierten sich die Schüler mehr mit nationalen Symbolen und lehnten die Sanktionen der Alliierten gegen Deutschland nach dem Krieg stärker ab.

Dabei förderte die Studie auch eine Reihe differenzierter Wirkungen zutage.

Demnach sehen Gymnasiasten in Hitler häufiger menschliche Züge als Hauptschüler. Mädchen haben einen größeren Bedarf nach der Aufarbeitung der deutschen Geschichte als Jungen und stehen der Figur Hitler im Allgemeinen negativer gegenüber. Insgesamt, so kann man aus der Studie ableiten, verstärkte der Film dabei vorhandene Tendenzen: Wer schon vor dem Kinobesuch der deutschen Geschichte kritisch gegenüberstand, fand danach eine historische Aufarbeitung notwendiger - wer dagegen zuvor stark patriotische Gefühle gehegt hatte, bescheinigte nach dem Film der Aufarbeitung eine geringere Dringlichkeit.

Inzwischen hat der Film in der Regie von Oliver Hirschbiegel und mit Bruno Ganz als Hitler nicht nur via Kino und Fernsehen ein Millionenpublikum erreicht, sondern gehört auch an vielen Schulen zum Geschichtsunterricht. Das kann auch so bleiben - vorausgesetzt, Lehrer und Schüler analysieren hinterher genau, worin seine verharmlosende Wirkung besteht. Denn diese ist nur dann fatal, wenn die Schüler nicht lernen, zwischen historischer Wirklichkeit und deren ästhetischer Umformung zu unterscheiden.