PISA »Nicht schlauer, nur älter«

Warum Sitzenbleiben nicht hilft. Und was die Schulen besser macht. Ein Gespräch mit Manfred Prenzel, Leiter der deutschen Pisa-Studie

DIE ZEIT: Herr Professor Prenzel, die jüngste Pisa-Studie zeigt, dass die deutschen Schüler im Vergleich zum Jahr 2000 etwas besser und die Schulen nicht ungerechter geworden sind. Können Sie Entwarnung geben?

Manfred Prenzel: Keinesfalls. Die Schulen sind nicht ungerechter, aber auch nicht gerechter geworden. Die dramatische Botschaft der ersten Pisa-Studie gilt weiter: In kaum einem anderen Land bestimmt die soziale Herkunft so sehr den Schulerfolg wie in Deutschland – bei im internationalen Vergleich mittelmäßiger Schülerleistung.

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ZEIT: Wie kann man das ändern?

Prenzel: Vor allem dürfen wir nicht mehr so viele Schulverlierer produzieren. Deutschland hat eine erschreckend große Gruppe so genannter Risikoschüler.

ZEIT: Was versteht man unter Risikoschülern?

Prenzel: Das sind Schüler, die nicht sinnentnehmend lesen und nur auf Grundschulniveau rechnen können. Jeder vierte bis fünfte 15-Jährige gehört dazu. Wenn wir diese Gruppe verkleinern, dann kann Deutschland bei künftigen Pisa-Tests wesentlich besser abschneiden. Bei den Schülerleistungen und in der Bildungsgerechtigkeit.

ZEIT: Wenn wir die schwachen Schüler fördern, geht das nicht auf Kosten der stärkeren?

Prenzel: Die Gefahr besteht nur dann, wenn man meint, dafür das Niveau senken zu müssen. Das ist aber falsch. Gerade dort, wo von Schülern Leistung gefordert wird, werden auch die Schwächeren am besten gefördert. Länder wie Kanada oder Finnland zeigen, dass Leistung und Bildungsgerechtigkeit kein Gegensatz sein müssen. Das zeigt sich auch in Deutschland.

ZEIT: Woran?

Prenzel: Bayern, Sachsen und Thüringen sind mit den Mathematikleistungen ihrer Schüler Spitze und schaffen es gleichzeitig vergleichsweise gut, die Leistungen von der sozialen Herkunft zu entkoppeln. Der deutsche Pisa-Primus Bayern hat gleichzeitig die kleinste Risikogruppe.

ZEIT: Dafür ist Bayern besonders ungerecht in der Vergabe von Abschlüssen. Im deutschen Durchschnitt hat ein Kind aus der Oberschicht – bei gleicher Leistung – eine viermal so große Chance, aufs Gymnasium zu kommen, wie das Kind eines Facharbeiters. In Bayern sogar eine mehr als sechsmal so große Chance.

Prenzel: Gymnasium ist nicht gleich Gymnasium. Die 15-Jährigen bayerischen Gymnasiasten sind ihren Bremer Mitschülern in Mathematik um gut ein Schuljahr voraus. Zudem darf man die Bildungschancen nicht auf den Besuch des Gymnasiums reduzieren. Selbstredend muss sich aber die Gerechtigkeit auch auf die Chance erstrecken, einen Abschluss wie das Abitur zu erreichen. Schließlich sind Abschlüsse die Eintrittskarten ins Studium oder in den Beruf.

ZEIT: Sollte Bayern nicht von Sachsen abgucken? Dort erreichen die Gymnasien ebenfalls Bestwerte, obwohl sie von 32 Prozent der 15-Jährigen besucht werden statt von nur 26 Prozent wie in Bayern. Außerdem ist dort der Zugang nicht so stark von der sozialen Herkunft abhängig.

Prenzel: Zumindest könnte es den Bayern die Angst davor nehmen, dass eine vorsichtige Öffnung der Gymnasien notwendigerweise zu Qualitätsverlust führt.

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