Deutschlands Straßen sind bekannt für eine wilde Jagd. Ende Oktober verkündete der Deutsche Jagdschutz-Verband in Bonn wieder die jährliche Strecke: Rund 200 000 Rehe wurden von März 2004 bis April 2005 überfahren - elf Prozent mehr als im Vorjahr. Setzt sich der Trend fort, verdrängen die Hetzer am Steuer bald die geprüften Jäger im Revier. Da man das Autofahren nicht verbieten kann, sollen Wildzäune die Vierbeiner von den Pisten fern halten. Und da diese die Lebensräume in unserer ohnehin schon zersiedelten Landschaft zerschneiden, sollen Wildtunnel oder Grünbrücken die getrennten Räume wieder verbinden. Doch nicht alles, was gut gemeint ist, wirkt sich auch so aus.

Die Ökologie ist meist komplizierter als gedacht. So vermehren sich Hamster ausgerechnet in den Kleeblattflächen von Autobahnkreuzen - vermutlich, weil dort die natürlichen Feinde fehlen. Die Räuber wiederum profitieren von künstlichen Wildbrücken für Hasen, Rehe, Frösche oder Lurche. Dort können sich Otter, Luchs oder Wolf gezielt auf die Lauer legen. Schlimmer als diese natürlichen Feinde ist allerdings häufig die Ignoranz der Planer: Sie führt dazu, dass Wildbrücken an Stellen entstehen, wo kaum Wild wechselt - dass Krötentunnel unter Autobahnen von den Tieren nicht angenommen werden, weil sie zu lang, dunkel und kalt sind - und dass fachkundige Biologen vor der Planung gar nicht erst befragt werden.

Auf einer Tagung über Straßen und Biodiversität auf Schloss Rauischholzhausen Anfang November klagten die Experten über drei Trends. Erstens geht die Zerschneidung der Landschaft munter weiter, obwohl sie seit Jahrzehnten beklagt wird. Zweitens lassen sich die ökologisch negativen Effekte von Straßen zwar abmildern - doch meist werden die diversen Wildbrücken, -trassen oder -tunnel errichtet, ohne ihre Folgen wirklich untersucht zu haben. Und drittens findet die junge Wissenschaft der Verkehrsökologie - anders als in Kanada, Neuseeland oder den Niederlanden - hierzulande kaum Beachtung.

Das wenige Wissen verschwindet in wenig gelesenen Fachzeitschriften, kein einziger Lehrstuhl existiert, der für Überblick sorgen könnte. Wichtiges wird auf Englisch publiziert - und dann in den Verwaltungen ignoriert.

Qualitätsstandards gibt es nicht. Kommen verschiedene biologische Gutachter zu verschiedenen Ergebnissen, setzt sich im Zweifel der billige Jakob durch.

Und da Natur- und Artenschutz Ländersache sind, wurstelt jedes Land vor sich hin. Daten sind oft nicht vergleichbar und von zweifelhafter Qualität, weil Artenzählungen meist durch Hobbybiologen oder Studenten erfolgen.

Es wird Zeit, diesen Augiasstall auszumisten. Zu viel Leben und Lebensqualität gerät unter die Räder.