ExotikHandel mit der Lust am Fremden

Eine Hamburger Ausstellung erinnert an die Ausbeutung der Südsee zu wissenschaftlichen Zwecken von 

Sie nannten ihn "König der Südsee". Der Hamburger Überseekaufmann, Reeder und Werftbesitzer Johann Cesar Godeffroy war vor rund 150 Jahren in einem gewinnträchtigen Marktsegment tätig: Er brachte mit seiner Flotte von Frachtseglern Tausende von Auswanderern nach Australien. Auf der Rückfahrt waren nicht nur Kokosöl, Kupfer und Perlen aus Ozeanien an Bord, sondern auch gepresste Pflanzen, in Spiritus eingelegte Tiere, ethnografische Objekte – und allerhand Forschungsergebnisse. Denn Godeffroy verschiffte im Nebengeschäft Informationen.

Zahlende Kunden waren Museen und Wissenschaftler aus ganz Europa. Privat leistete sich Godeffroy zwischen 1861 und 1881 ein eigenes kleines Naturkundemuseum in der heutigen Hamburger Speicherstadt. Ein Teil der wunderschönen Bilder, irritierenden Fotografien und "curiosen" Objekte, die der Reeder damals seinen Besuchern zeigen konnte, wird von diesem Wochenende an im Hamburger Jenisch Haus, dem Museum für Kunst und Kultur an der Elbe, gezeigt. In einer Ausstellung, die erschreckend und schön zugleich ist.

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Das 19. Jahrhundert war eine Zeit der Globalisierung. Aus Handel wurde Welthandel, Märkte vernetzten sich, das Kapital okkupierte die letzten Paradiese. Die neue Weite des Horizonts und all das Fremde machten den Menschen Angst; umso mehr hielten sie sich an dem fest, was unter Aufgeklärten die Angst am zuverlässigsten bannt: Wissen. Statt Mythen sog man die Erklärungen von Naturwissenschaftlern und deren Darstellung in den Medien auf. In Hamburg wurde eine zoologische Gesellschaft gegründet, aus der später der Zoologische Garten des Alfred Brehm hervorging. Carl Hagenbeck präsentierte exotische Tiere in Menagerien. Internationale Gartenbau-Ausstellungen zogen viele Menschen an. Und die Mitgliedschaft in einem naturkundlichen Verein war in der bürgerlichen Gesellschaft geradezu eine Prestigefrage. Godeffroy traf mit seiner Sammlung exakt den Geist dieser wissenshungrigen Zeit.

Der Reeder hatte frühzeitig erkannt, dass sich mit Südseemitbringseln Geld verdienen ließ, wenn sie nur nach naturwissenschaftlichen Kriterien gesammelt und aufbereitet wurden. Er hielt seine Kapitäne an, in Polynesien, Mikronesien oder Melanesien Fische zu fangen, Schmetterlinge aufzuspießen sowie menschliche Skelette und völkerkundliches Material zu beschaffen. Und er stellte seinen Seeleuten Kisten, Gläser und Präparationsbestecke und befahl ihnen, über das Sammeln Protokoll zu führen. Später schickte er sogar speziell angelernte, fest bezahlte Forschungsreisende in die Tropen.

Ein wichtiger Kunde war der Berliner Pathologe und Anthropologe Rudolf Virchow. Viele Wissenschaftler vermuteten damals – in der Nachfolge Darwins –, dass Eingeborene womöglich das Missing Link zwischen Mensch und Affe darstellten. Entsprechend respektlos traten die Forschungsreisenden mitunter auf. So reiste in Godeffroys Diensten auch eine Frau, Amalie Dietrich. Sie war mit einem Naturaliensammler verheiratet und zog lange als Pflanzensammlerin durch die Lande. Für insgesamt zehn Jahre sammelte und jagte sie in der Südsee Pflanzen, Amphibien, Spinnen, Krebse und Insekten. Sie entdeckte unter anderem Pseudechis scuttelatus, die gefährlichste Giftschlange Australiens, und eine Akazie, die heute ihren Namen trägt. Darüber hinaus beschaffte, genauer stahl sie Schädel und Skelette von Eingeborenen. Es gibt noch hässlichere Wahrheiten über ihre Arbeit: In Brisbane sollen historische Unterlagen belegen, dass Dietrich mindestens einmal einen Aborigine hat ermorden lassen, um an sein Skelett zu kommen.

Es gibt weitere Hinweise darauf, dass das Naturaliensammeln in der Südsee nicht nur der harmlosen Leidenschaft eines naturkundlich interessierten Reeders entsprang. In der Ausstellung erinnern viele Fotografien von Eingeborenen an die Aufnahmen eines polizeilichen Erkennungsdienstes: Köpfe oder ganze Körper wurden frontal, seitlich oder von hinten abgelichtet, die Fotografierten in starren Posen. Die Bilder entsprechen den damals kursierenden Anleitungen zu wissenschaftlichen Beobachtungen auf Reisen. Menschen wurden zu reinen Objekten degradiert. So heißt es im Vermessungsprotokoll einer 18-jährigen Samoanerin, sie sei "stark gebaut und gut ernährt, der Schädel massiv, breit abgerundet, die Stirn gerade aufsteigend und ein wenig flach gewölbt. Gesicht fleischig, Nasenflügel aufgetrieben. Starke Lippen, Augenlider angeschwollen. Verhältnis Rumpf zu Beinen 100:163,2. Fuß plump. Regio pubis infolge Abrasierens nackt. Hautfarbe braun, zwischen Nr. 30 und 40 auf der Brocaschen Skala. Hubkraft der rechten Hand 40–50 kg. Temperatur in der Achselhöhle 37,9 Grad."

Der kalte Blick der jungen Anthropologie steht in merkwürdigem Kontrast zu den liebevoll angefertigten botanischen und zoologischen Zeichnungen. Zusammengenommen erinnern die Ausstellungsstücke an den gar nicht harmlosen wissenschaftlichen Zugriff auf Flora, Fauna und die Körper der Südsee, der zunächst Teil der Kolonisation war – und später zur Grundlage jener physischen Anthropologie wurde, die im 20. Jahrhundert dem Rassenwahn der Nationalsozialisten diente.

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