Der Anfang war ganz zwanglos. Einige junge Musiker waren gerade zu alt geworden, um im Bundesjugendorchester zu spielen, fühlten sich aber zu jung, um die Instrumente an den Nagel zu hängen, und beschlossen, gemeinsam weiterzumusizieren. Der Anführer hieß Christoph Altstaedt, aus Gütersloh, damals frische 20. Ein Pianist mit Dirigierambitionen. Das war im Jahr 2000.

Heute ist Christoph Altstaedt 25, sein Orchester Junges Klangforum Mitte Europa, nach eigener Aussage als Eintagsfliege gedacht, umfasst rund 200 jederzeit abrufbare Musiker aus Polen, Tschechien und Deutschland. Die ehemaligen Präsidenten Richard von Weizsäcker, Václav Havel und Lech Walesa sind Schirmherrn des Projekts. Von Weizsäcker nennt Altstaedt die musikalische und menschliche Mitte des Jungen Klangforums, das am 27.

November 2005 mit dem Marion Dönhoff Preis für internationale Verständigung geehrt wird. Was war geschehen?

Anders als andere Jugendorchester wollten sie natürlich sein und kamen nach einer Phase des Brainstormings auf die Idee, Werke von Komponisten zu spielen, die unter dem Zweiten Weltkrieg gelitten hatten. Drittes Reich und verfolgte Komponisten - da kommt man fast zwangsläufig auf Theresienstadt, das KZ der Nazis für Künstler und Intellektuelle. Dort musste sich die jüdische Intelligenzija zu Tode schuften, wenn sie nicht gerade gezwungen wurde, der Öffentlichkeit eine heile Welt vorzugaukeln. Was lag also näher, als Werke von Komponisten zu spielen, die in Theresienstadt inhaftiert gewesen waren?

Rasch wurde also ein Konzert organisiert. Na ja, so rasch eben, wie die Mühlen der Verwaltung und des Fundraisings mahlen. Langsam also, aber schnell genug, um 2003 eine kleine Konzerttournee zu beginnen. Theresienstadt, München, Berlin. Auf dem Programm: Hartmann, Bartók, Ullmann, Henze.

Inzwischen hatten sich die Musiker mit Holger Simon zusammengetan, der im Hauptberuf Fagottist an der Deutschen Staatsoper und in seiner Freizeit Kulturmanager ist. Das lässt Christoph Altstaedt genug Zeit, sich um Musik und Menschliches zu kümmern. Denn bei aller Erinnerungsarbeit soll das junge Ensemble auch Spaß haben, sich verstehen lernen. Deshalb hätte Marion Dönhoff dieses Projekt unterstützt, sagt Richard von Weizsäcker. Prémyslr Vojta, ein Hornist aus Tschechien, hat hier Freunde gefunden, denn jede Probenphase schmecke auch ein wenig nach Schullandheim. Schön. Da fängt die Völkerverständigung an.