Bei Europa denkt man derzeit sofort an Krise. Das Scheitern der europäischen Verfassung gilt als Scheitern der europäischen Idee, die Wirtschafts- und Währungsunion belastet den Arbeitsmarkt. Dennoch gibt es inzwischen ein europäisches Lebensgefühl, eine europäische Wirklichkeitserfahrung, die in Lissabon, Prag und Riga ebenso geteilt und verstanden wird wie in Paris, Berlin oder Rosenheim. Das spiegelt sich auch in der Literatur.

Der litauische Lyriker Eugenijus Alisanka lebt in Vilnius. In seinen Gedichten findet er so etwas wie einen neueuropäischen Ton. Alisankas vierter Gedichtband, Aus ungeschriebenen Geschichten, ist der erste, der jetzt ins Deutsche übertragen worden ist. In Litauen hat er sich damit nicht nur Freunde gemacht, wie sein Übersetzer Klaus Berthel im Nachwort berichtet. Traditionalisten werfen Alisanka vor, sich zu weit von etwas entfernt zu haben, was sie "das Litauische" nennen.

In der Tat löst sich der Dichter von einem literarischen Erbe, in dem die litauische Sprache allein schon Widerständigkeit signalisierte, zuletzt gegen die sowjetische Einverleibung. Er zählt sich nicht zu denjenigen, die weiter "an die ersten jahre der kollektivierung" erinnern, an "unschuldiges gerangel in einer scheune" und "die entblößten waden junger kolchosebäuerinnen". Er gehört zu den Kindern, die das Radio einschalteten, "es knattert freiheitswelle", um "nichtexistierende frequenzen" zu suchen. Mit dem EU-Beitritt der baltischen Staaten aber scheint eine Ära der Befreiung beendet. Nun spielt sich das Leben ab unter veränderten Rahmenbedingungen – für Alisanka Anlass, diese Bedingungen zu erkunden, den Stand der Dinge zu ermitteln, seine Ästhetik und seine Rolle als Dichter zu überdenken.

Denn freilich stellt sich schnell heraus, dass auch den litauischen Autor jene "identitätskrise" plagt, die sich überall in Europa eingestellt hat, seit die berüchtigten "Großen Erzählungen" abhanden gekommen und die ideologischen Raster erschöpft sind: "nach vierzig jahren am rand des imperiums / hier vor dem spiegel im hotel / schaffe ich nicht mehr zu beenden / was ich begonnen habe". Stattdessen begibt sich Alisanka auf die Reise. Der Zyklus aus zuggeschichten ist Ergebnis einer Erkundungsfahrt durch Europa.

In zwölf Gedichten geht sie von Lissabon über Paris und Brüssel bis St. Petersburg und Moskau. Sie hebt an mit einem Gruß an Fernando Pessoa: "beide schweigen wir über dasselbe / dein anfang des jahrhunderts mein ende". Alisanka zitiert aus Pessoas langem Gedicht Der Tabakladen. Darin finden sich die berühmten Zeilen: "Ich zünde mir eine Zigarette an, während ich über diese Verse nachdenke, / Und genieße die Zigarette als Befreiung von meinen Gedanken."

Den lyrischen Blick auf dieser Reise durch die europäische Gegenwart von allem Ideologischen freizuhalten, das bildet den Ausgangspunkt für Alisan- kas Poetologie: "automatisch laienhaft" knipst der Dichter "mit der grauen pupille", mit der "idiotenkamera" die europäischen Wirklichkeiten. Aber dies bedeutet keineswegs mehr nur reinen Genuss. Vielmehr erscheint der sanft ironische Tonfall, der in Alisankas Gedichten vorherrscht und immerzu einbricht, als ein letzter tragender Grund, denn "das eine bein tritt ins leere / das andere sucht den boden".

"wie viele jahre hast du auf dem buckel eugenijus / und auf einmal kommt dir verstand abhanden / und irrt als gespenst durch europa". In Brüssel, am Sitz der EU, im Jahr der Fußball-EM, begegnet dem irrenden Gespenst der europäische Geist in Gestalt von Fußball-Fans. Das lyrische Ich möchte teilhaben, sich auflösen und mittanzen in dieser "kommunion des wahnsinns", doch es gelingt ihm nicht. Stattdessen fotografiert er weiter, "von einer stadt in die andere und sieh / wie der tod mit immer schönerem gesicht / die lebenslust an seiner brust nährt".