Dieses Buch leuchtet in der Nacht. Es schillert und lockt, es weicht zurück, es verführt und verstört, es grinst dich an und streckt dir die Zunge heraus, und mit dieser Zunge leckt es dir über deine Hand, was sich eklig anfühlt, aber auch gut. Dieses Buch zieht dich an durch seine Naivität, seine Direktheit, seine Abgeklärtheit, seine Angst; alles ist drin in diesem Buch, die Liebe, die Romantik, die Suche, bis der Kopf sich weitet und schließlich platzt, das ewige Drama der Jugend und auch der spöttische Blick all derer, die sich zu gut waren für dieses Drama und in einer Welt leben ohne Geheimnis. Es ist schön und furchtsam und furchtlos, dieses Buch, es ist ein Buch aus unseren Zeiten und auch ein seltsames Gebilde, dieses Buch, weil es so widersprüchlich ist, so selbstsicher, so verloren.

Es ist der Blick auf das Neue, der in diesem Buch steckt. Daran ändert auch nichts, dass das Neue in diesem Fall klingt wie 1975, riecht wie 1975, aussieht wie 1975.

"Ich heiße Daria Borges, und ich bin stolz darauf, daß ich alles von King und Vonnegut gelesen habe. Und ich besitze alle Platten von Jimi Hendrix." Das ist der erste Satz, den Jurko Banzai hört von dem Mädchen Daria, das mit ihm bis an die Grenze des Verstandes gehen wird und schließlich noch die entscheidenden Meter darüber hinaus. Sie werden Drogen nehmen, als sei es 1975, sie werden Bücher lesen wie 1975, Castañeda zum Beispiel oder McKenna, sie werden den Sinn im Übersinnlichen suchen wie 1975. Sie werden sich lieben, aber nie besitzen; sie werden die Erfahrung ergründen, um alles zu vergessen.

Daria hat schwarze Haare und ist die Schülerin; Jurko hat schwarze Haare und ist der junge Lehrer. Der Ort ist Midni Buky, hinter den ukrainischen Wäldern; die Zeit ist in etwa die Jahrtausendwende. Und das bedrohliche Dröhnen, das aus dem Roman Kult dringt, kommt von weit her und wirkt dabei sehr bekannt; es ist extrem laut und fast unglaubhaft nah.

"Wir leben doch alle in einer großen Gefahr", sagt Ljubko Deresch beim Gespräch in Hamburg und streicht sich kurz über das wenige schwarze Haar, das ihm am Kinn wächst. Er macht das oft. Er ist blass und hat dunkle Augen und kurze Haare, seine Haut ist hell, er trägt beigefarbene Cordhosen und ein grünes, grobes Bundeswehrhemd, das er in Paris gekauft hat, wo er vor ein paar Wochen zum ersten Mal war. Ljubko Deresch spricht sehr gut Englisch, auf eine Art, die deutlich macht, wie genau, wie diszipliniert und ehrgeizig dieser Autor ist. Wenn er einen Fehler macht, verbessert er sich sofort. Er ist 21 Jahre alt, hat drei Romane veröffentlicht in der Ukraine, der vierte ist schon fertig; Kult, sein erster Roman, wurde ins Italienische, ins Polnische, Serbische und Russische übersetzt; 10000 Stück hat er davon in der Ukraine verkauft, was schon so etwas wie eine Sensation ist. Aber weil man auch davon nicht wirklich leben kann in der Ukraine, studiert Deresch in Lemberg Wirtschaftswissenschaften. Und an die große Dunkelheit, von der er erzählt, an die glaubt er natürlich sehr.

"ich will den tod will sterben auf dem feld auf offenem feld offen für winde wirbelstürme gewitter und schnee", so beschreibt Deresch eine der fantastischen Eingebungen, die Jurko Banzai in seiner Dachkammer hat, wo er Pink Floyd hört, wo er sich mit Daria trifft, wo die Dämonen warten. "ich will daß aus meiner augenhöhle schlafkraut wächst und hanf aus meinen rippen ich will daß die vögel mir die augen aushacken was kann besser schmecken als augen, weich vor kurzsichtigkeit? außer vielleicht säuglingsaugen?"

Von der Sowjetunion blieben nur die Spielzeugpanzer

Es ist eine wilde Mischung aus Stimmen und Zungen, mit denen Deresch seine Geschichte erzählt, wie Jurko Banzai sich verliebt, wie er sich verliert, wie er vernichtet wird. Das Besondere an diesem Buch ist nun der Ton, die Sprache, die spielerische Leichtigkeit, mit der Deresch zwischen Pathos und Ironie, verbogenem Zitat und rußgeschwärzter Empfindung wechselt. Mal dichtet er expressionistisch verhagelt, mal schreibt er frostig und klar. "Die Berge strahlten wie immer Ewigkeit aus", da verschwinden bereits die ersten Mädchen in Midni Buky, da hat die Paranoia bereits Besitz ergriffen von Jurko. "Nur die Stadt veränderte sich. Mit der Zeit füllte eine undefinierbare Angst die Straßen. ES kam wohl mit den Winden von den Bergen und mit den hungrigen Gerüchen von fernen, dunklen Sternen."

Was Deresch da anweht, ist eine alte, etwas ranzig gewordene Angst, wie sie von zu vielen schlechten Drogen kommt, von zu viel düsterer Musik in den Morgenstunden, von zu viel Sentiment für die Strapazen der Schule, des Lebens, der Zeit. Was Deresch aber daraus macht, das ist ein wüstes, sprunghaftes, komisches, rasendes Spiel von großer dichterischer Kraft, eine wilde Mixtur aus Trash, Mystical, Horror und Stephen King – dem neuen Kanon dieser Zeit, die von einem eklektizistischen Esprit befeuert wird, der sowohl auf den Westen verweist als auch auf den Osten von Europa. Deresch destilliert aus seinen Zutaten eine spezifische Weltsicht, findet diesen fasziniert-distanzierten Ost-Blick auf den Westen, diese übergroße Nähe, diesen Drang, sich in Dinge zu versenken wie gitarrenschwere Rockmusik und Transzendentalpsychologie. Was Deresch daraus gewinnt, ist der Blick einer neuen Generation auf die Welt.

"Das Einzige, an das ich mich von der Sowjetunion noch erinnere, das sind Spielzeuge, Panzer, Lkw", sagt Deresch, dessen Mutter an der Universität von Lemberg Ärztin war und dessen Vater, "wie alle damals", Ingenieur. Er kann sich an das Chaos der frühen neunziger Jahre erinnern, an die Emotionen der Eltern und ihre Unsicherheiten. "Es war wie nach der großen Party, alle hatten schreckliche Kopfschmerzen." Von Amerika kannte er nur das, was seine Eltern von zwei Reisen zurückbrachten, "pieces of glory", wie er das nennt, Crayons, diese farbigen Buntstifte, mit denen Deresch Bücher ausmalte, Filme wie Nightmare on Elm Street und andere Gruselschocker und vor allem diese Batterien der Firma Energizer. "Die mochte ich am meisten", sagt Deresch, "weil ich nicht wusste, was ich damit machen sollte."

Es waren Zeiten voller Ironie, als Deresch aufwuchs, "man konnte in einem postsowjetischen Land gar nicht unironisch leben", sagt er und lächelt. Die "Artefakte", die seine Eltern aus Amerika mitbrachten, alles, was er von dort hörte und sah, beeinflusste sein Denken, seine Sehnsüchte.

An Amerika faszinierten ihn die Beatniks und die Batterien

"Wie leben die Leute, die solche Dinge machen wie diese kleinen Batterien", fragte sich Deresch und vertiefte sich immer weiter in die Bücher, die sein Onkel im Garten las und ihm weiterreichte, Bücher mit bunten Covern und Monstern darauf, nackten Frauen und Schwertern, fantastische amerikanische Autoren, die Vordenker der "psychedelischen Revolution", wie Deresch das nennt, aber auch Aldous Huxley und die Beatniks. Eine Art Schrotthaufen des Westens, ausgemusterte Gedanken, wie Autos, die in den Osten verfrachtet, ausgeschlachtet und neu zusammengesetzt werden.

"Die amerikanische Kultur", sagt er, "schien nur zu uns zu sprechen, wir waren wie in einem amerikanischen Zeitalter eingeschlossen, während draußen die Häuser bröckelten – und erst als wir älter wurden, merkten wir, dass diese Kultur alle Kommunikationswege infiziert hatte."

Und diese Krankheit frisst sich auch in Kult hinein, die Krankheit einer von postkommunistischen, postkapitalistischen und postpubertären Mythen überladenen Zeit. Die Bilder sind wie angenagt, die Figuren delirieren nicht nur im Drogenrausch, die Angst ist trotzig hyperventilierend. "Banzai ging durch die Straßen und erkannte sie nicht. Er war ziemlich sicher, daß alles um ihn herum kein Traum war. O nein, es war viel komplizierter und universaler: Die Destruktion der Wirklichkeit hatte begonnen." Da gibt es Rockkonzerte mit ratternden Bands, da gibt es geheimnisvolle Codes an Klowänden, da gibt es einen Hausmeister mit Namen Korij, der ein Spielmeister des Bösen ist – von den fremden Sternen, so scheint es, drängen sich monströse Wesen in das Leben in Midni Buky: ein Szenario wie aus H. P. Lovecrafts fantastischen Erzählungen, die Deresch mit Verweisen auf seine eigenen Hausgötter wie Borges, Buñuel oder Sartre durchwirkt und mit seiner eigenen epischen Energie injiziert. Und das Ende, die "Stunde der Magie", wenn Jurko und Daria in den Keller der Schule hinabsteigen auf der Suche nach dem Geheimnis des Kults, wird natürlich schrecklich sein und grausam und von kindlicher Zerstörungswut.

Ljubko Deresch war übrigens 16, als er den Roman Kult schrieb; aber bei wahren Dichtern tut das Alter nicht so viel zur Sache.