Erzählungen Die letzten Welträtsel
Guy Helmingers heiter melancholische Erzählungen über das, was uns fehlt
Es gibt Wahrheiten, deren unendliche Reichweite das Vermögen eines Einzelnen spielend überschreitet. Eine solche Wahrheit führt der Erzählungsband von Guy Helminger im Titel: Doch damit nicht genug: Helminger (1965 in Luxemburg geboren, seit 1985 in Köln lebend) schreibt gar aus der Perspektive des Fehlenden selbst. Anders gesagt: Mit seiner Prosa überwindet er die Schwundstufe der Relativitätstheorie und weist uns Wege in das Reich der Paralleluniversen.
Das klingt kompliziert, liest sich aber verblüffend einfach. Wir brauchen nur die beiden kurzen Sätzchen zu lesen, die hinten auf dem Buchumschlag stehen: »Es war Nachmittag. In der Küche ging bereits die Sonne unter.« Und schon stehen wir im Banne von Helmingers Weltbild. Deshalb lässt uns die Frage (aber nicht nur diese Frage) nicht mehr los: Wenn die Sonne in der Küche untergeht – wo geht dann die Küche auf? Erst auf Seite 86 bahnt sich zu Beginn der Erzählung Schulfrei eine Antwort an: »Die Sonne spannte ihr Licht zwischen Fenster und Küchentür, faustdicke Leinen ungeordnet neben- und übereinander, ein Bündel an hellen Seilen. Rupert stellte sich vor, wie sein Vater versuchte, daran die nasse Wäsche aufzuhängen, und grinste.«
Rupert ist zwar erst sieben Jahre alt, aber schon mächtig erleuchtet. Nur er versteht die Lichtsignale zwei Seiten später: »Die Lichtseile waren zerfasert, hatten sich aufgelöst, sich gestreckt, sich breit gemacht und sich anschließend zu einem durchsichtigen Block zusammengeschoben. Die Wäsche seines Vaters lag auf der Erde. Rupert grinste.« Der Leser auch, doch der Schrecken folgt auf dem Fuße: »Draußen fuhren die Geräusche aufeinander los, stockten, bremsten zuweilen, schleuderten und schoben sich ineinander. Aufgetürmt wie weggeworfener Schrott standen die morgendlichen Klangskulpturen vorm Fenster.« So bereits tief eingedrungen in die wahrscheinlich sehr, sehr vie- len Paralleluniversen, machen wir schließlich eine beunruhigende Entdeckung: »Während Lena zu ihren Pflanzen sagte: ›Es ist genug da für alle! Es ist genug da für alle!‹ und die kleine blaue Gießkanne von Topf zu Topf führte.« Da draußen ist auch nur Ikea! Anders ließe sich auch nicht begreifen, warum der kleine Rupert am Ende zum Fleischermesser greift.
Guy Helmingers Erzählungen verdanken wir die Erkenntnis und sogar das Erlebnis, dass die letzten verbliebenen Welträtsel allein von einer literarisch geläuterten Physik überhaupt erst in ihrer Rätselhaftigkeit erfasst werden können. Wie sonst wollte man die Tragödie des Radfahrers verstehen, der normalerweise gerne Passanten eins von hinten auf den Kopf gibt, doch auf einmal ein weibliches Unfallopfer lieber mit Pelargonien zu Tode erschreckt? Pelargonien sind Blumen, und für die Erzählung, die dieses Gewächs zum Titel hat, hat Helminger in Klagenfurt den 3sat-Preis bekommen. Ein anderer Held, dem »das zivilisatorische Korsett« (Klappentext) geplatzt ist, pflegt gerne fremden Menschen hinterherzugehen. Doch eines Tages geht jemand hinter ihm her. »Dort trieb ein fremder Atem die Stille auseinander.« Nichts für schwache Nerven, aber auch nicht für starke. Das gilt auch für die atemberaubende Story, in der ein junger Mann während der Pause einer Fußballübertragung Zigaretten kaufen geht und nicht nach Hause findet. Kein Wunder, wenn auch die Wolken durchdrehen: »Wie schwarze Bindfäden hingen sie einen Moment lang dort oben, bevor sie sich ins Nichts schlängelten.«
Die Welt der Literatur steckt voller Rätsel und Ungewissheiten. Nur eines ist sicher: Bücher von einer derartig grotesken und heiteren Melancholie machen Leser meines Schlages garantiert traurig, einsam und verwirrt. »Alles flirrte und löste sich in seine schlierenziehenden Einzelteile auf.« Ja!
Etwas fehlt immerBelletristikErzählungenGuy HelmingerBuchSuhrkamp Verlag2005Frankfurt a. M.19,80270- Datum 10.11.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 10.11.2005 Nr.46
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