Essays Kritik heißt, von der Poesie zu erzählen
Der Dichter Raoul Schrott zeigt sich in seinen Essays halb als Gelehrter, halb als Gaukler
Gedichte sind (wie) Wolken, wandelbar in Form und Bedeutung; man darf sie nicht auf eine einzige Lesart festlegen. Mal ähneln sie, um aus Hamlets boshaftem Dialog mit Polonius zu zitieren, einem Kamel, mal einem Wiesel, mal einem Walfisch. Kein Wunder also, dass Raoul Schrott – Lyriker, habilitierter Philologe, Romancier, Übersetzer, Herausgeber und noch einiges mehr – sich im Bild des Himmelsguckers auf der Jakobsleiter gefällt und seine sprachverwandelnde Tätigkeit halb ironisch zur »Wolkenputzerei« erklärt.
Das vorliegende umfangreiche Handbuch dieses Gewerbes umfasst 29 Texte des viel gerühmten und viel wissenden Autors: Essays, Glossen, Porträts (etwa das des vergessenen Vorläufers Friedrich Rückert), Berichte, Abhandlungen – in der Regel Auftragsarbeiten der letzten Jahre, Antworten auf Anfragen von Redaktionen, Dankesreden für hoch dotierte Preise und Einladungen, Totengedenken. Wer neugierig ist und guten Willens, kann aus diesem Buch, bis ins handwerkliche Detail hinein, manches lernen über die Ursprünge von Poesie und Wissenschaft und über deren wechselseitiges Funktionieren. Und auch über den Dichter selbst, der freilich, im Bemühen, sein privates Ich nicht preiszugeben, die Masken wechselt, durch immer neue Kunstfor- men spricht und sogar abenteuerlich falsche Lebensdaten in Umlauf gebracht hat.
Das Wahre ist nur wahr, wenn es erfunden ist
Dem Vorbild H. C. Artmanns folgend, gibt Schrott augenzwinkernd den Komödianten, der sich selbst mystifiziert, den Gaukler und Bänkelsänger, der seine exorbitanten Kenntnisse so virtuos auszubreiten weiß, dass der Leser nur selten den Eindruck von Bildungsschwere empfindet. Und wenn er seinen Zuhörern treuherzig versichert, ihnen nun endlich reinen Wein über seine legendäre »Schiffsgeburt auf dem Weg nach Brasilien« einzuschenken, kann man nie ganz sicher sein, dass man nicht wieder hinters Licht geführt wird und die Geburt des Dichters nicht doch – statt vor São Paulo – im elterlichen Landeck in Tirol stattfand.
Denn das Wahre, so Raoul Schrott, »ist nur wahr im Einklang mit dem Fiktiven«, wie auch das Furchtbare hinter der Maskerade des Schönen immer erahnbar bleiben müsse. Der Ton in den einleitenden Texten klingt etwas launig, voll hemdsärmliger Anspielungen; wolkige Reden zur Schweizer und österreichischen Gegenwartsliteratur. Doch dann folgen Essays mit Tiefenschärfe, in denen Schrott sich als Poetologe in der Nachfolge der großen »Gesetzgeber« Opitz und Lessing profiliert. Das von ihm so souverän beherrschte Übersetzen wird zum Beispiel als »Nachdichten« verstanden, als Hinüberziehen des Fremden in die eigene Sprache und in eine heutige Form. Man dürfe sich nicht sklavisch an den Wortlaut des Originals klammern. Vor allem gelte, »daß nur eine Übersetzung, die selbst Poesie ist, Übersetzung von Poesie sein kann«.
Wider »das Kunstgewerbe des Verrisses«
Mit Verve plädiert Schrott für eine »notwendige« Literaturkritik, die imstande ist, zu »verstehen« und sich am Text abzuarbeiten: »Hermeneutik statt Polemik.« Die Kritik müsse »von der Poesie erzählen«, ihren unmerklichen Brüchen und Zweideutigkeiten nachspüren. Mit der »Umgehung des Textes« sei eine Rezensionskultur entstanden, die im »Kunstgewerbe des Verrisses« gipfle. »Bittere Häme« und pauschalisierendes Gerede herrschten im Feuilleton.
Alles in allem geht es Schrott um nichts Geringeres als um die Verteidigung der Poesie, der Metapher und anderer überkommener Stilmittel in einer Periode ihrer äußersten Gefährdung. In mehreren Beiträgen greift er, historisch weit ausholend, bis zu ihren Anfängen zurück, zu ihrer »oralen« Tradition. Der Um- bruch zwischen einer jahrtausendelang mündlich vermittelten Poesie, die im Dienst der Religion stand, und der revolutionären Erfindung der Schrift – zunächst keilförmig in Ton- oder Wachstafeln eingedrückt – habe den durch die Musen legitimierten Rhapsoden in einen profanen Poeten verwandelt, der seine sakrosankte Autorität verlor und dafür die Freiheit zum schöpferischen Umgang mit dem Überlieferten gewann. Kreativität hat etwas mit geistiger Aneignung zu tun: »Wir rekonstruieren uns die Vergangenheit immer wieder von neuem, indem wir aus Fragmenten jedesmal eine andere Einheit konstruieren.«
Handbuch der WolkenputzereiBelletristikGesammelte EssaysRaoul SchrottBuchHanser Verlag2005München19,90302- Datum 16.04.2008 - 05:47 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 10.11.2005 Nr.46
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