Essays Kritik heißt, von der Poesie zu erzählenSeite 2/2
Mit Verve plädiert Schrott für eine »notwendige« Literaturkritik, die imstande ist, zu »verstehen« und sich am Text abzuarbeiten: »Hermeneutik statt Polemik.« Die Kritik müsse »von der Poesie erzählen«, ihren unmerklichen Brüchen und Zweideutigkeiten nachspüren. Mit der »Umgehung des Textes« sei eine Rezensionskultur entstanden, die im »Kunstgewerbe des Verrisses« gipfle. »Bittere Häme« und pauschalisierendes Gerede herrschten im Feuilleton.
Alles in allem geht es Schrott um nichts Geringeres als um die Verteidigung der Poesie, der Metapher und anderer überkommener Stilmittel in einer Periode ihrer äußersten Gefährdung. In mehreren Beiträgen greift er, historisch weit ausholend, bis zu ihren Anfängen zurück, zu ihrer »oralen« Tradition. Der Um- bruch zwischen einer jahrtausendelang mündlich vermittelten Poesie, die im Dienst der Religion stand, und der revolutionären Erfindung der Schrift – zunächst keilförmig in Ton- oder Wachstafeln eingedrückt – habe den durch die Musen legitimierten Rhapsoden in einen profanen Poeten verwandelt, der seine sakrosankte Autorität verlor und dafür die Freiheit zum schöpferischen Umgang mit dem Überlieferten gewann. Kreativität hat etwas mit geistiger Aneignung zu tun: »Wir rekonstruieren uns die Vergangenheit immer wieder von neuem, indem wir aus Fragmenten jedesmal eine andere Einheit konstruieren.«
Handbuch der WolkenputzereiBelletristikGesammelte EssaysRaoul SchrottBuchHanser Verlag2005München19,90302- Datum 16.04.2008 - 05:47 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 10.11.2005 Nr.46
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