Erzählungen Die stillen Sensationen des Dieter Wellershoff

Der Schriftsteller hat sich zu seinem 80. Geburtstag einige meisterhafte Erzählungen geschenkt

Was zum Teufel ist das eigentlich, ein »normales Leben«? Der Arzt, der den Patienten nach erfolgreichem Eingriff ins »normale Leben« zurückschickt, bedient sich nur einer Floskel. Wer aber die zehn jüngsten Erzählungen des nunmehr 80 Jahre alten Dieter Wellershoff liest, wer also einen melancholischen, erfahrungsgesättigten Blick riskiert hinter die Fassaden der bürgerlichen Realität, der kann über den Begriff »Normalität« nur noch lächeln. Ist es normal, wenn der frühere Liebhaber die frühere Geliebte im Opernfoyer mit einem bloßen Kopfschütteln abweist, während der Ehemann ein Glas Sekt spendiert mit der originellen Bemerkung: »Etwas Frisches tut gut«? Oder wenn ein gut situiertes Ehepaar – über ihn heißt es: »Der Mann wollte offensichtlich von jedem geliebt werden. Wahrscheinlich machte das seinen gesellschaftlichen Erfolg aus« – einer Lyrikerin im offenen Wettstreit den Hof macht, um herauszufinden, wer von beiden die hinreißende junge Frau ins Bett bekommt? Zwei Alphatiere auf der Suche nach frischem Fleisch. Mit opulenten Blumensträußen und dem Begriff »Liebe« ist man schnell zur Hand; aber zwischen Selbsttäuschungen und Glücksversprechen zu unterscheiden fällt schwer – Anfängern wie Fortgeschrittenen. Das wird sich zeigen.

Zwanghafte Rituale in einem Golfclub

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Gleich die erste Geschichte, Graffito, führt exemplarisch einen offenen Konflikt vor – und zwar, da es sich um eine junge Protagonistin handelt, in der Anfängerversion. Eine Studentin lebt in einer scheinbar luxuriösen, tatsächlich aber demütigenden Beziehung mit einem verheirateten Mann, der genau weiß, was er will, und es auch bekommt; gleichzeitig wird sie von einem schüchternen Kommilitonen umworben, der ihr pathetische Graffiti hinsprüht und mit seinen verzweifelten Kontaktversuchen nicht lockerlässt. Er ist ihr »Antityp«, findet sie, und doch entsteht ein rätselhafter Sog, der die »Normalität« ihres Alltags- und Liebeslebens unterhöhlt. »Du täuschst dich in mir«, hat sie ihrem Verehrer vorsichtshalber bedeutet, was dieser nicht gelten lässt: »Du kannst sein, wie du willst.« Schon fängt sie an zu grübeln. Hat dieser seltsame Mensch etwas, das ihr fehlt? Kündigt sich da etwas Großes, Einmaliges an, das es in der kalkülorientierten Beziehung mit ihrem Liebhaber nicht gibt?

Und dann ist die Geschichte, nach knapp 20 Seiten, auch schon zu Ende. Der Leser, süchtig nach Abenteuern, nach Moral und nach sauberen Lösungen, bedauert das. Aber im Grunde ist alles gesagt: Im Bewusstsein der jungen Frau hat sich etwas verändert, hat sich ein Gefühl für das Fehlende eingestellt – Pathos, Absolutheit, Glück, wie immer man jenes Uneinholbare nennen will. Konsequenzen zu ziehen wäre riskant; also bleibt vermutlich alles beim Alten. Mit dieser irritierenden Nachricht wird der Leser weitergeschickt in die nächste Geschichte.

Auf den ersten Blick sind Wellershoffs Erzählungen vor allem gediegen, der Form nach intakt. Aber das ist keineswegs nur gekonntes Handwerk. Wenn der erzählerische Habitus etwas Altmodisches und betont Unsensationelles hat, liegt das auch an der niemals saloppen oder kaltblütigen, sondern stets sorgfältigen, geduldigen, gewissermaßen defensiven Figurenzeichnung. Wunderbar zu beobachten an der Erzählung Das Sommerfest, die den schleichenden Prozess einer ehelichen Entfremdung im konventionellen Kontext ei- ner Golfclub-Festivität nachzeichnet, und zwar aus der Perspektive der Frau. Die zwanghaft um Zwanglosigkeit bemühten Zeremonien und Rituale werden nur mit einer winzigen Prise Ironie gewürzt (Golf ist eine todernste Sache); aber wie sich in die obligaten Cremes der Dessertschüsseln schon »tiefe Krater und Schluchten gegraben« haben, als die Protagonistin sich ihnen nähert, so ist auch der schöne Schein ihres wohlsituierten Mittelklasselebens angekratzt, wenn auch weniger auffällig.

Fast schon verzweifelt, nicht ohne Anflüge zivilisierter Resignation, versucht Claudia, mit ihrem Ehemann Rudolf, dem gefeierten Star des Abends, eine Basis der Übereinstimmung zu simulieren, die in Wahrheit nicht mehr existiert. Am Rande der Komik bewegen wir uns, wenn Claudia vergeblich den Augenblick sucht, ihrem Mann zu seinem Turniersieg zu gratulieren. Und es überrascht überhaupt nicht, dass Rudolf seine Frau im Lauf der Nacht mit deren Schwester betrügt, die begehrenswert erscheint, gerade weil sie die schützenden Grenzen der Konvention ignoriert. Was Wunder: Trägt Evelyn nicht jenes Kleid aus goldfarbener Seide, das Claudia ursprünglich für sich selbst ausgesucht hatte, dann aber zu gewagt fand?

Es handelt sich wohl nicht um einen endgültigen Rollentausch. Aber das Gefühl der erotischen Unterlegenheit wird die Protagonistin so schnell nicht mehr verlassen. Ehen bluten aus und existieren trotzdem weiter, oder sie werden beendet und durch eine Versuchsreihe ersetzt, bis eines Tages Bilanz gezogen werden muss. Wie etwa in der Titelerzählung: Aufgrund des fortgeschrittenen Alters ihres Helden kokettiert sie nicht mit dem Tod, sondern ist ihm nah. Nach einer letzten erotischen Begegnung mit einer früheren Geliebten feiert er Abschied: von der Frau, von der Liebe, langsam auch vom Leben. Noch einmal kehrt er zurück in die »Normalität«, wie es ihm sein Arzt empfohlen hat, und er hat begriffen, dass »das normale Leben« nichts ist als eine »Abschlagszahlung auf das unerfüllbare Verlangen nach Grenzenlosigkeit, das in ihnen steckte und lauter Wunder und Bizarrheiten und poetische Augenblicke hervorbrachte wie diesen«. So viel Optimismus ist selten in diesem Buch, das voll ist von Lebenserfahrung und also auch von der Gewissheit, dass man das Leben nehmen und, trotz allem, genießen muss, weil es ein anderes nicht gibt.

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    • Quelle (c) DIE ZEIT 10.11.2005 Nr.46
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    • Schlagworte Dieter Wellershoff | Erzählung | Literatur
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