Tom Wolfes neuer Roman ist ideal für, sagen wir, einen Flug nach Indien. Er überbrückt nicht nur die neun Stunden im Flieger, sondern auch die ersten zwei schlaflosen Nächte des Jet-Lags. Okay, ich bin ein schneller Leser, ich hatte das Buch nach eineinhalb Nächten durch und mit der zweiten Hälfte der zweiten Nacht musste ich anders zurande kommen.

Aber gehen wir es katholisch an. Tom Wolfe gehört zu den Giganten unter den zeitgenössischen Literaten, an denen man nicht einfach so herummäkeln kann, weil man damit nur eins offenbart: NEID. Denn auch Rezensenten sind Schreiber (im weitesten Sinne); oder soll ich sagen, sind Schreiber, "irgendwie"? Man merkt vielleicht, worauf ich hinauswill. Wolfe kümmert sich um Slangs, um Sprachmoden, um Codes, mit denen man Zugehörigkeit beweist. Oder erbettelt. Das richtige Wort (cool), die richtige Jeans (Diesel) und das richtige Gesicht dazu (gelangweilt), und schon bist du drin, in der Zielgruppe all jener, die jungen Menschen etwas verkaufen wollen. Handys, Burger, Magazine.

Etwa zu dem Zeitpunkt, als wir Istanbul überflogen (also nach zwei Stunden Lektüre), notierte ich: Eigentlich könnte ich auch Bunte, Bravo, Neon und Bild lesen, sie bedienen mich mit denselben Zeitgeist-Floskeln. Beim Militär nennt man das auch Losungswort. Kennst du es nicht, wirst du erschossen (oder halb erschossen). Ist das alles, was Wolfe drauf hat? Das Abc der Jugend-Codes? Und: Ist das eine Charakterschwäche, sich über die Doofen lustig zu machen?

Als wir dann den Irak überflogen, also nach ungefähr fünf Stunden, hatte ich eine zweite Erkenntnis: TOM WOLFE HAT KEINEN HUMOR.

Ich hatte, wenn’s hochkommt, zweimal gelacht. Na und, sagte ich mir beim Landeanflug auf Delhi, Goethe war auch nicht schreiend komisch und trotzdem ein Genie. Das Genie entschuldigt alles. Schlechte Manieren (Einstein), Geldgier (Harald Schmidt), Drogenexzesse (Hermann Hesse, Hunter S. Thompson), und es würde auch die Humorlosigkeit von Tom Wolfe entschuldigen, wenn Tom Wolfe ein Genie wäre. Ist er aber nicht. Er ist erstklassig, brillant und superfleißig (791 Seiten), und er schaut sehr, sehr, sehr genau hin.

Falls mir nun irgendwer verbieten sollte, dreimal hintereinander dasselbe Wort zu schreiben, würde ich sofort auf Tom Wolfe verweisen. Der macht das dauernd. Ein Stilmittel gewiss, denn nach Worten wird er sicher nicht mehr bezahlt. Wie das ganz, ganz, ganz früher im Journalismus noch üblich war. Ja, Wolfe war mal Journalist. Und das merkt man. Er hat die Distanz, die in diesem Beruf ein Dogma ist, auch in seinen Romanen. Wolfe lässt sich nicht berühren, und er berührt deshalb auch nicht. Er seziert die Gesellschaft, wie Alexander von Humboldt einen Termitenbau seziert. Ziemlich kalt, das Ganze. Und: Ist kalt wirklich dasselbe wie cool? Ich glaube nicht.

Das war der Stand der Dinge nach der Landung in Indien. Dann kamen andere Dinge auf mich zu. Wahnsinnsschlangen vor den Pass-Abstemplern, kriminelle Taxifahrer und, wie schon erwähnt, Schlaflosigkeit. Hätte ich die Wahl gehabt: Schlafen oder Lesen, dann hätte ich in diesem Fall den Schlaf gewählt. Und das wäre mein Fehler gewesen. Denn irgendwo zwischen Seite 500 und 700 hat mich der Roman plötzlich gepackt. Weil es irgendwo dort nicht mehr um die Sprach- und Jeansmoden amerikanischer Studenten geht, sondern um die Depression der Heldin dieses Romans. Niemals vorher habe ich besser, tiefer, bedrückender über das Innenleben eines Depressiven gelesen. Sobald sich Tom Wolfe erwachsenen Themen widmet, wird er GUT. Und: WICHTIG.

Warum diese ewige Großschreiberei? Habe ich von ihm. Macht er dauernd. UND ZWAR SÄTZE LANG, NEIN ABSATZLANG. Also: ICH BETE ZUM GOTT DER SCHREIBER, DASS TOM WOLFE IRGENDWANN MIT SEINER ERSTKLASSIGKEIT, SEINER BRILLANZ UND SEINEM FLEISS WICHTIGERES BESCHREIBT, ALS MODEN UND MAGERSÜCHTIGE. Aber was? Vielleicht dass nach New Orleans auch noch L. A. untergeht, wenn sein Präsident so weitermacht. Ich sage vielleicht, denn das hat der andere große zeitgenössische Schreiber Amerikas (Hunter S. Thompson) ja gemacht. Und es hat auch nichts gebracht.