Roman Ziemlich kalt, das Ganze. Aber nicht coolSeite 2/2

Will ich sie wirklich vergleichen? Den großen Zeitgeist-Gonzo und den großen Zeitgeist-Aristokraten? Warum nicht? Hunter S. Thompson war ein Dichter. Tom Wolfe ist ein Schriftsteller. Hunter S. Thompson hat sich von seinen Themen nicht nur berühren, sondern verschlingen lassen. Tom Wolfe packt nichts ohne Handschuhe an. Hunter S. Thompson hat Selbstmord begangen. Tom Wolfe wird das niemals tun. Hunter S. Thompson hätte mich bei Fernflügen glatt im Stich gelassen. Dafür klingt er ein ganzes Leben nach. Tom Wolfe, das schwöre ich, werde ich vergessen, sobald ich wieder schlafen kann.

Aber bevor es so weit ist, noch mal kurz, worum es eigentlich geht. Charlotte Simmons, ein hoch intelligentes, irre ehrgeiziges (Ziel: Nobelpreis), aber absolut armes und hinterwäldlerisches Mädchen (Jungfrau) aus den Bergen Amerikas, wo John Wayne noch etwas gilt, kommt auf die Eliteuniversität von Dupont. Dort wird sie mit dem Sodom und Gomorrha der gegenwärtigen amerikanischen Jugendkultur konfrontiert. Sex & Drugs & Partys.

Eine Zeit lang kann sie sich dem gottlosen Treiben durch fleißiges Studium entziehen, aber dann kommt (schleichend) der Umstand zum Tragen, dass der Mensch nicht gern alleine ist. Sie passt sich Schrittchen für Schrittchen an, und beim Anpassen wird ihr geholfen. Da ist der Typ, der ihr (etwas unsensibel) die Jungfräulichkeit raubt; da ist Andi (lieb, schwach, intellektuell), der danach die seelischen Reparaturarbeiten übernimmt; und Jo Jo, der Basketballstar der Uni, hilft ihr, indem er sich von ihr helfen lässt.

Der Reigen der Prototypen ist vernünftig und fehlerlos gestrickt, lobenswert ist auch, dass es bei Tom Wolfe weder die große Liebe noch ihr Scheitern gibt. Aber noch einmal: Was nehme ich aus diesem Roman mit?

Nach der Lektüre weiß ich ALLES über die amerikanische Elitejugend. Ich wusste das allerdings auch schon vorher. Ich gehe ins Kino, ich sehe fern, Wolfe zeigte mir nur, was ich den ganzen Tag über sehe. Aber er macht das so brillant, dass man damit einen Interkontinentalflug (Economy) und dessen Folgen gut übersteht. Tom Wolfe macht also Unterhaltung (auf sehr hohem Niveau), und er schafft Zugehörigkeit. Wer ihn liest, ist intelligent.

Ich bin Charlotte SimmonsRomanTom WolfeBelletristikEnglischBuchBlessing Verlag2005München24,90791Walter Ahlers
 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 15.12.2005 um 8:22 Uhr

    Ich stimme ihnen zu, aber leider gibt es auch das vermeintliche äußerliche superschlanke Idealbild, welches die Werbewelt und die Gesellschaft hochhält und welches dann junge Frauen ohne Selbstbewusstsein anstreben.

  1. Sehr geehrte(r) Helge Timmerberg und LeserInnen,

    ich kenne das Buch von Tom Wolfe noch nicht, die Rezension macht neugierig und vermittelt ein differenziert scheinendes Bild. Im Text ist aber auch folgender Satz des Rezensenten enthalten, der offenbar Stilelemente von Tom Wolfe anwenden möchte:

    "Warum diese ewige Großschreiberei? Habe ich von ihm. Macht er dauernd. UND ZWAR SÄTZE LANG, NEIN ABSATZLANG. Also: ICH BETE ZUM GOTT DER SCHREIBER, DASS TOM WOLFE IRGENDWANN MIT SEINER ERSTKLASSIGKEIT, SEINER BRILLANZ UND SEINEM FLEISS WICHTIGERES BESCHREIBT, ALS MODEN UND MAGERSÜCHTIGE. Aber was?"

    Wem auch immer diese Aussagen zuzuschreiben sind, Tom Wolfe oder dem Rezensenten, in jedem Fall stört es mich sehr, so verächtlich und herabsetzend über magersüchtige Menschen zu schreiben.

    Magersucht ist eine schwere psychische Erkrankung die nicht selten tödlich endet. Diese Krankheit und die davon betroffenen Menschen auf eine Ebene mit Moden zu stellen empfinde ich als menschenverachtend.

    Durch das "Aber was?" im Text und die folgenden Sätze soll offenbar eine Relativierung angedeutet werden. Für mich als Leser bleibt dennoch die Aussage haften, dass sich Literatur oder zumindest der Autor Wolfe mit "WICHTIGEREM" als Moden und Magersüchtigen beschäftigen sollte. "ERSTKLASSIGKEIT, BRILLANZ UND FLEISS" verdienen damnach wichtigere oder würdigere Gegenstände.

    Mich interessiert auch die Beschäftigung mit Mode in der Literatur. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass das Andere anders sehen. In jedem Fall finde ich es aber entwürdigend, so wie in der Rezension über Menschen mit Magersuchtserfahrungen zu schreiben. Ich würde mir wünschen, dass das dieser Stil nicht zu einer neuen Mode in der "Zeit" wird,

    mit besten Grüßen

    Werner Lausecker

  2. Das ist das Unangenehme an manchen Rezensenten, man erfährt mehr über sie selbst als über das rezensierte Buch. Und dabei will man doch gar nichts über den Rezensenten wissen.
    Klappt aber nicht - am Ende weiß man: der Rezensent ist ein eitler Pfau, über das Buch weiß man fast nichts. Schade!

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