Eisern hämmert die Glocke zu Prim, Terz und Sext, schwer ächzt das Chorgestühl, hart knackt das Holz im bollernden Ofen der Mönchszelle. Die große Stille lautet der Titel dieses 162-minütigen Dokumentarfilms, aber das Leben im kontemplativsten Kloster der katholischen Welt scheint erstaunlich lärmig. Mit dem anfänglichen Radau will Philip Gröning den Zuschauer an den Takt der Kartäuser gewöhnen, an den Rhythmus von Gebetsmeditation und Stille-Arbeit, dem sich ihr Orden unterworfen hat. Diskret wie die sprichwörtliche fly on the wall betrachtet Gröning das Mönchsleben, wie eine katholische Dokumentarfliege allerdings, deren Ziel nicht Aufklärung, sondern Verführung ist. Er will den Zuschauer in die andere Welt hineinziehen, die sich die Kartäuser vor mehr als 900 Jahren in den französischen Alpen errichtet haben, um der kommenden, eschatologischen Ordnung näher zu sein. 16 Jahre hat Gröning auf die Erlaubnis gewartet, in ihrem Mutterkloster La Grande Chartreuse drehen zu dürfen. Es ist deutlich ein Werk von Gnaden der Kartäuser, affirmativ, ohne Scheu vor Verklärung ihres Daseins. Die Ordensbrüder stellten vorab sogar ästhetische Bedingungen: kein künstliches Licht, keine zusätzliche Musik, kein Kommentar. Wie der Heilige Geist wandert Gröning mit seiner Kamera zwischen den Einsiedeleien des Klosters umher, zeigt Alltagsfragmente der Gemeinschaft und ihres ewigen Gebets. Unruhig wechselt er dabei zwischen hochauflösenden Digitalbildern und grobkörnig raunendem Super-8, Zeitraffersequenzen und weiten Totalen der Gebirgslandschaft. Die Jahreszeiten wiederholen sich so schnell wie die Tage, aber die innere Dynamik, die theologische Idee, die Dramen in den Seelen der Mönche werden genauso wenig sichtbar wie die weltliche Seite dieses Ordens, der sich mit den Chartreuse-Likören und dem Vertikal Vodka aus den industriellen Klosterdestillerien finanziert.