Groove Seine Kunst ist das Dazwischen

Der Programmierer Burnt Friedman lässt den Computer natürlich klingen – und versetzt Körper in Schwingung

Am Eigelstein, nicht weit vom Hauptbahnhof, lebt und arbeitet Burnt Friedman in einem 1890er Altbau, der dem Bombardement Kölns standgehalten hat. Seine Wohnung liegt in der Beletage im Hinterhof einer brausenden Straße, still genug, um im Schlafzimmerstudio rechnergestützte Rhythmen minuziös zu verzahnen. Kaum Möbel stehen seinem Gestaltungswillen im Weg; auch fällt ihm die Decke nicht auf den Kopf, die in 4,20 Meter Höhe respektvollen Abstand wahrt – hinreichend Raum für neue Töne.

Eigentlich heißt er Bernd Friedmann mit zwei n, bloß kennen ihn im Lande wenige, und draußen in der englischen Welt, wo er viel unterwegs ist – in Australien, in Neuseeland vor allem –, sprechen sie ihn Burnt aus, so wuchs ihm sein Künstlername zu. Er ist kein Model, aber er sieht gut aus mit seiner futuristisch geschnittenen Kurzhaarfrisur, dem Sweatshirt unterm anthrazitfarbenen Anzug, den eleganten Schuhen. Auch aus seiner Art, sich zu kleiden, spricht die Sorge ums stimmige Detail, das der Gesamterscheinung dient; dem Zufall will er nichts überlassen.

Kölniger kann ein Musiker in Köln nicht wohnen

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Mit ihm über ihn reden? Ja, warum nicht. Ist ja schön, wenn sich mal ein deutsches Medium interessiert, und doch bleibt er oft vage, wägt und wendet die Worte. Spricht die Musik nicht für sich? Wozu sie groß erklären, ihre Herstellung zumal? Und wenn er jetzt 40 wird und also allerlei Jahre zum Schildern hätte: Lenken biografische Fakten vom Eigentlichen nicht zu sehr ab?

Wäre nur ein Wort erlaubt, seine Werke einzuordnen, hieße es »Groove«. Seine Sachen – auf zig Platten im Handel – gehen los, sie machen einen zappeln. Dabei sind sie weder sonderlich schnell noch eigentlich tanzbar. Sie kommen in krummen Takten daher, Fünfern, Siebenern, Neunern, Elfern, man merkt es nicht gleich, so geschmeidig sind sie.

»Groove«, in dieser Bedeutung, ist ein etymologisch junges Wort. Es kommt von englisch »Rille« und verweist auf die Nähe zum Tonträger. Bevor es Schallplatten gab, sprach man vom »Swing«. Die beiden Begriffe meinen eigentlich das Gleiche, und doch gibt es einen gefühlten Unterschied: »Swing« entsteht durch Ausschläge an der Oberfläche, das jazztypische Treiben der Becken, während »Groove« tief in den Bässen wurzelt und sich deshalb auch nicht besonders sputen muss, um den Körper des Hörers in Schwingung zu versetzen.

Was den Groove dieses Musikers auszeichnet, ist die Fülle programmierter Kleinigkeiten. Seine ungeraden Rhythmen stellt er am Computer zusammen und ergänzt sie um zusätzlich Aufgenommenes: die menschliche Stimme oder der Stimme nahe Instrumente wie Bassklarinette, Melodika, Wah-Wah-Gitarre. Aus der Einsamkeit seiner Arbeitsweise erwächst ein warmer Klang, so organisch, als ob ihn eine Band gespielt hätte – aber nie so eindeutig, dass da kein Zweifel bliebe.

Leser-Kommentare
    • vicTim
    • 17.11.2005 um 19:50 Uhr

    Schön das Burnt Friedmann nun auch in der Zeit mal auftaucht, hier gehört er eigendlich schon lange mal erwähnt. Ich finde nicht das es nötig ist, zu entscheiden ob Friedman nun bei Elektronik steht oder nicht (bei mir im heimischen Regal steht er unter Jazz). Viel der heute entstehenden Musik läßt sich in die alten Schubladen (Pop, Klassik, Rock etc.) gar nicht mehr einsortieren. Ich finde das gilt für Friedman insbesondere.
    Ich finde es sogar sehr entspannend, das die Bereiche sich immer mehr vermischen. Im Fall der Elektronik bedeutet das vor allem, das es eben nicht mehr nur "Techno" gibt sondern eine Vielzahl von Musikern sich der digitalen Soundgestaltung zuwenden und sie mit der eigenen Musik vermischen. Das gilt für mich im besonderen Maße für die Jazzer (siehe Molvaer Konzertkritik in dieser Ausgabe)und den Ethnobereich.

    Das sich Friedmans Musik nicht zum downloaden auf mp3 eignet, dem kann ich nur zustimmen. Wer sich einmal auf seine Scheiben einläßt, weiß das selbst scheinbar einfache Arrangements auch nach dem x-ten hören noch Bewunderung für Sounddesign und auf den Punkt gebrachte Beats hervorrufen. Auch wenn die CDs meist im Pappcover erscheinen und nicht unbedingt reich an Text und Bildern sind, mein Herz schlägt höher, wenn ich das Werk so in der Hand und im Ohr habe, wie der Künstler es gemeint hat.
    Daher sind die hier angebotenen Streams eigendlich etwas inkonsequent.
    Auf die neue Scheibe mit Liebezeit bin ich schon sehr gespannt. Die erste "Secret Rythms" war jedenfalls der Hammer und hat Einzug in meine persönlichen Lieblings CDs erhalten.
    Lustig für mich ist zudem, das ich gar nicht so genau wußte, das er vom kölner Eigelstein kommt. Wie der Zufall so will, habe ich dort (im Daneben) schon öfters seine Scheiben aufgelegt, da ich mich ab und an als Hobby-DJ betätige.
    Gute Musik muss fließen!
    Weiter so!

    Tim Gohle

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